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Politik

"Zivile Opfer lassen sich nicht vermeiden"

Die Taliban würden gezielt menschliche Schutzschilder einsetzen, um die afghanische Bevölkerung bei zivilen Opfern gegen die internationalen Soldaten aufzubringen, sagt Citha D. Maass im DW-WORLD.DE-Interview.

Afghanische Kinder laufen mit Kanistern zu einer öffentlichen Wasserstelle

Kinder in Afghanistan: Die Taliban setzen sie als "menschliche Schutzschilde" ein

DW-WORLD.DE: Bei einem US-Luftangriff in Afghanistan wurden sieben Kinder getötet. Überlebende sagen, die Kinder seien gezwungen worden, in einem Gebäude zu bleiben, um als menschliche Schutzschilder zu fungieren. Gibt es Beweise für ein solches Vorgehen der Taliban?

Citha D. Maass: Beweise gibt es natürlich nicht, aber wir haben immer wieder Berichte in den letzten Monaten erhalten, dass die Taliban diese Taktik verwenden. Es ist in jedem Fall ein Bestandteil der Taliban-Taktik. Das schafft ein enormes Dilemma für die ISAF-Truppen der NATO, denn sie können ja nicht sagen, dass die Kinder draußen und die Taliban drin bleiben sollen.

Vor kurzem hat die NATO angekündigt, in Afghanistan werden zukünftig weniger Zivilisten Opfer von Kampfhandlungen werden. Wie kann so etwas gelingen?

Ganz lassen sich zivile Opfer bei dieser Art der Guerilla-Taktik nicht vermeiden. Es ist wirklich immer ein Abwägen über die Verhältnismäßigkeit. Kann man den Preis in Kauf nehmen oder sollte man ihn vermeiden? Wenn gesicherte Informationen vorliegen, dass es sich um wirklich wichtige Taliban handelt, dann wird man wahrscheinlich eher den Befehl zum Luftangriff geben, als wenn man gesicherte Hinweise darauf hat, dass es nur Mitläufer sind. Denn die Kehrseite ist: Je mehr zivile Opfer es gibt, desto mehr wird die Bevölkerung gegen die ISAF-Truppe der NATO aufgebracht.

Was heißt das im Einzelnen? Was passiert, wenn zivile Opfer bekannt werden?

Das ist Teil der Taliban-Taktik. Sie wollen Unmut und Wut in der Bevölkerung anstacheln. Das kann sich dann in Demonstrationen gegen ISAF-Truppen äußern oder in Protesten gegen internationale, zivile Wiederaufbauhelfer. Als ein Mittel kann man versuchen, die Bevölkerung aufzuklären - aber das geht natürlich nur in relativ engen Grenzen. Im Endeffekt werden die Taliban wahrscheinlich am längeren Hebel sitzen.

Das heißt, diese Taktik der menschlichen Schutzschilde gefährdet die Operation der internationalen Soldaten erheblich?

Ja, das ist beabsichtigt bei dieser Guerilla-Taktik, die asymmetrisch vorgeht. Auf der einen Seite die ISAF-Truppen, die militärisch hoch gerüstet sind, und auf der anderen Seite Guerilla-Kämpfer wie die Taliban, die mit Hilfe von zivilen Schutzschilden oder Selbstmordanschlägen Nadelstiche setzen wollen. Sie versuchen, die ISAF-Truppen zu verunsichern und die Stimmung in der Bevölkerung gegen die internationalen Truppen aufzuheizen.

Nach NATO-Diplomaten sind es vor allem Soldaten der Operation "Enduring Freedom", die für zivile Opfer verantwortlich sein sollen. Geht die ISAF möglicherweise vorsichtiger vor?

Grundsätzlich hat die ISAF ein anderes Mandat, eine andere Vorgehensweise. Wir müssen uns jetzt aber speziell im Süden - und darum geht es ja in erster Linie – anschauen, wie die beiden Verbände zusammenarbeiten. Die ISAF-Truppen selbst haben keine Luftunterstützung, das heißt, wenn sie in einen Hinterhalt geraten, müssen sie zu ihrer eigenen Verteidigung Luftunterstützung anfordern. Diese kommt von den Amerikanern, die unter dem "Enduring Freedom"-Mandat operieren. Dadurch kann man jetzt nicht sagen, wer wie vorgeht, sondern es ist einfach ein Verbund-Vorgehen, indem dann die Luftangriffe durch "Enduring Freedom"-Flugzeuge erfolgen. Wenn nun ein ISAF-Trupp in einen Hinterhalt gerät, wird der natürlich versuchen, sich zu befreien. Das liegt in der Natur der Sache, und in dem Fall kommt es dann zur Verbindung der beiden Truppeneinheiten.

Zivile Opfer seien nicht ganz zu vermeiden, sagen Sie. Man müsste das mit dem jeweiligen Nutzen abwägen. Ist das nicht zynisch, wenn man Menschen opfert?

Nein, man hat auf der ISAF-Seite erkannt, dass die Taliban mit dieser Taktik die Bevölkerung gegen die internationalen Truppen aufhetzen wollen. Deswegen ist man immer vorsichtiger geworden, nur lässt es sich grundsätzlich nicht vermeiden, weil es eben Teil der Guerilla-Taktik ist. Von Zynismus würde ich in gar keinem Fall sprechen, weil ich mir sicher bin, dass man im Einzelfall immer genau abwägt, kann man jetzt angreifen oder nicht. Wobei der Angriff dann einerseits der Verteidigung der internationalen Soldaten gelten kann und andererseits Taliban-Trupps, die sich zum Beispiel in einer Religionsschule verbarrikadiert haben.

NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer sagte in einem Interview mit der Deutschen Welle, die NATO sei "in einer anderen Moral-Kategorie" als die Taliban. Sehen das die Leute vor Ort auch so?

Das bezweifele ich, weil die Menschen gerade im Süden Afghanistans, der durch mehrere Jahre Dürre wirtschaftlich geschwächt ist, ums Überleben kämpfen. Moralische Kategorien greifen da einfach nicht.

Citha D. Maass ist Afghanistan-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Sie arbeitet in der Forschungsgruppe Asien und beschäftigt sich unter anderem mit Problemen des Konsolidierungsprozesses in Afghanistan und Deutschlands sicherheitspolitischem Engagement am Hindukusch.

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