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Fokus Osteuropa

Zivildienst in Russland: Keine echte Alternative

Seit zwei Jahren können junge Russen einen "Zivilen Alternativen Dienst" absolvieren. Die Bilanz ist kläglich: nur sehr wenige entscheiden sich für diesen Weg. Eine DW-Reporterin hat einen von ihnen getroffen.

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Oft verweigern junge Russen aus religiöser Überzeugung heraus den Militärdienst

Stanislaw Gazarian geht über den Flur im Pflegeheim Nr. 1 in Sankt Petersburg. Vor dem Fahrstuhl plaudern drei alte Frauen. Als sie den jungen Mann im blauen Kittel sehen, reißt eine die Arme hoch, juchzt vor Begeisterung. Da sei er ja, der junge Künstler. Wie der immer die Tabletts mit dem Essen hereintrage! Wie eine Ballerina! Stanislaw lächelt. Seit Juni absolviert er seinen Zivildienst in dem Pflegeheim, wäscht die Alten, leert Bettpfannen, wechselt Wäsche, teilt Essen aus. 40 Bettlägerige betreut er. Stanislaw betritt eines der Zimmer. Vier Frauen sitzen dort auf einfachen Metallbetten zwischen Lumpen. "Das Zimmer hier geht noch", sagt Stanislaw, "Die Leute halten es selbst einigermaßen sauber. Andere sind schlimmer. Besonders der Geruch ..."

Motiv: religiöse Überzeugung

Stanislaw ist 21 Jahre alt, die nackten Füße stecken in Filzpantoffeln. Er kommt aus einer Kleinstadt in Südrussland, etwa 2.000 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt. Für den Zivildienst hat er sich aus religiöser Überzeugung entschieden. Er ist Zeuge Jehovas. Die Arbeit im Pflegeheim sei zwar schwer, sagt er, aber immer noch besser, als eine Waffe in die Hand zu nehmen: "Ich habe zuhause auf dem Bau gejobbt. All der Staub, Schmutz und Zement - das war eine sehr schwere Arbeit. Körperlich ist es für mich deshalb hier nicht schwer, aber seelisch. In der ersten Zeit konnte ich nicht einmal einschlafen. Ich habe abends von dem Elend hier geträumt. Inzwischen macht mir das nichts mehr aus, ich habe mich wohl daran gewöhnt. Einige Bewohner verstehen nicht, warum ich hier arbeite, manche sagen sogar: Wärst du doch besser in den Krieg gegangen... Das kränkt mich natürlich, denn ich finde, ich habe viel geopfert: Ich bin von meinen Eltern weggegangen, ich mache hier diese Arbeit, und dann verdiene ich hier auch noch weniger, als ich auf dem Bau verdient habe."

Unzumutbare Bedingungen

Zurzeit gibt es in Russland nur sehr wenige Zivildienstleistende. Die Angaben schwanken zwischen 500 und 1.000. Für das riesige Land eine gerade zu verschwindend geringe Zahl. Grund dafür sind die Bedingungen, die von vielen als unzumutbar empfunden werden - insbesondere die Dauer des alternativen Dienstes von dreieinhalb Jahren - fast doppelt so lange, wie der zweijährige Armeedienst. Außerdem haben die Zivis in der Regel keinen Einfluss darauf, an welchen Ort und in was für einen Betrieb sie geschickt werden, erzählt Stanislaw: "Mein Freund absolviert seinen Alternativen Dienst in Rybinsk. Dort bekommt er 600 Rubel, das sind etwa 20 Dollar, und davon muss er noch 10 Dollar für Verpflegung abgeben. So bleiben ihm 10 Dollar Taschengeld im Monat. Ich habe ihn gefragt, wie er damit über die Runden kommt. Er hat gesagt: Was bleibt mir anderes übrig? Er hat sich damit abgefunden. Ich bin in einer besseren Situation, ich bekomme etwa 100 Dollar im Monat. Es ist also nicht alles schlecht. Ich weiß, dass einige meiner Glaubensbrüder in Rüstungsfabriken geschickt wurden. Ihnen hat ihr Gewissen nicht erlaubt, dort zu arbeiten. Sie haben sich geweigert und sind nachhause gefahren. Einige wurden zu Geldstrafen verurteilt."

Zivildienst verfassungswidrig?

Russische Menschenrechtsorganisationen meinen, der Zivildienst stelle in seiner jetzigen Form gar keine echte Alternative dar und verstoße damit gegen die Verfassung. Sie wollen deshalb gegen das Gesetz klagen. Andrej Kalich vom Moskauer "Zentrum für die Entwicklung von Demokratie und Menschenrechten" sucht deshalb händeringend nach einem Zivi, der bereit ist, seinen Namen für eine solche Klage herzugeben. Doch das ist schwer. Andrej Kalich erklärt: "Die Leute sind nicht bereit, ihre Rechte in einem Gericht zu erstreiten. Man muss wirklich dafür reif sein und sehr starken Willen haben dafür, sich verteidigen zu können. Ein anderes Problem ist natürlich, dass es nur ganz junge Leute sind, 18, 19 Jahre alt, und dass sie auch aus religiösen Gründen kommen. Zum Beispiel für Zeugen Jehovas ist der Zivildienst eine Prüfung. Dass sie auch leiden müssen."

Stanislaw ist trotz allem zufrieden mit seinem Dienst. Er habe einfach Glück gehabt, sagt er: "Unter uns: Petersburg ist eine der besten Städte, in die man als Zivi geschickt werden kann. Vielleicht bleibe ich in Petersburg, wenn ich hier Arbeit finde und genug verdiene, um eine Wohnung zu mieten. Auf jeden Fall fahre ich erst einmal nach Hause und berate mich mit meinen Eltern."

Gesine Dornblüth
DW-RADIO, 2.1.2006, Fokus Ost-Südost

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