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Fokus Osteuropa

Erschreckende Todes-Statistik in russischer Armee

Seit Januar sind in der russischen Armee über 600 Soldaten ums Leben gekommen – aber nicht durch Kampfhandlungen. DW-RADIO sprach mit der Vorsitzenden des russischen Komitees der Soldatenmütter, Walentina Melnikowa.

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Die russischen Soldatenmütter werfen Verteidigungsminister Sergej Iwanow Reform-Unwillen vor

DW-RADIO/Russisch: Am 12. September hat das russische Verteidigungsministerium auf seiner Internetseite bekannt gegeben, wie viele Soldaten in der Armee seit Anfang dieses Jahres nicht durch Kampfhandlungen ums Leben gekommen sind. Zu beklagen sind 662 Tote. 183 Soldaten starben durch unsachgemäße Bedienung von Transportmitteln. 182 Soldaten begangen Selbstmord. Außerdem kamen Soldaten bei Unfällen, bei von Zivilisten verübten Straftaten und durch Kameradenschinderei ums Leben. Wie erklären Sie diese erschreckenden Zahlen?

Walentina Melnikowa: Die Erklärung ist leider immer dieselbe: Die jungen Männer sterben, weil ein Soldatenleben der russischen Staatsmacht und russischen Offizieren nichts wert ist. Alles, was mit den Soldaten geschieht, hält man für normal. Das sind so genannte Verluste, für die niemand Verantwortung übernimmt. Es ist sehr schwierig zu erreichen, dass ein Kommandeur, der die Schuld für den Tod eines Soldaten trägt, bestraft wird. So lange es in Russland diese Einberufungs-Sklaverei gibt, werden jedes Jahr Tausende sterben.

Muss man Offiziere zur Verantwortung ziehen oder das Einberufungsverfahren ändern, um zu verhindern, dass Soldaten sterben?

Das sind zwei Seiten desselben Problems. Wenn die Militärs wissen werden, dass sie die Kasernen mit jungen Männern nicht mehr voll bekommen, dass jeder Mann, der Dienst leistet, durch einen Vertrag mit dem Staat geschützt ist, dann wird es auch Verantwortlichkeit geben. So lange es in Russland keine freiwillige Berufsarmee gibt, werden Soldaten sterben. Es gibt so genannte "schwarze Einheiten", in denen jedes Jahr junge Männer sterben, in denen Sklaverei herrscht und in denen Soldaten einfach verschwinden. Dazu zählen Garnisonen bei Wladikawkas, Nowotscherkassk, Chabarowsk und Moskau. Es gibt viele, das sind keine Einzelfälle.

Einige russische Zeitungen haben die Angaben zu den Verlusten in der Armee, die jetzt regelmäßig veröffentlicht werden, als Rache von Militärs dargestellt, die mit der Armeereform unzufrieden sind, die von Verteidigungsminister Sergej Iwanow durchgeführt wird. Teilen Sie diese Meinung?

Das ist Unsinn. Iwanow beabsichtigt gar nicht, eine Armeereform durchzuführen. Er ist der Meinung, dass längst alles gemacht ist. Er hat nichts gemacht. In Wirklichkeit gesteht das Verteidigungsministerium nun die Zahlen ein, die vom Komitee der Soldatenmütter und von Militär-Staatsanwälten genannt werden. Dazu ist man einfach gezwungen, weil es keinen Sinn macht, zu behaupten, es gebe keine Toten.

Das Interview führte Andreas Brenner
DW-RADIO/Russisch, 12.9.2005, Fokus Ost-Südost