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Kultur

"Ziemlich beste Freunde" lesen vor

Der Film über die Freundschaft zwischen einem schwerstbehinderten Franzosen und seinem algerischen Pfleger wurde zum Kinohit. Ihre Geschichte beruht auf einer echten Begebenheit. Ein Treffen in Köln.

Philippe Pozzo di Borgo sieht erstaunlich munter aus. Und das, obwohl er gerade einen anstrengenden Flug von Marokko nach Köln hinter sich hat. Er behauptet sogar, es ginge ihm "wie immer sehr gut". Doch jeder, der sein Buch "Ziemlich beste Freunde. Die wahre Geschichte zum Film" gelesen hat, weiß, dass Temperaturen unter null Grad - wie sie derzeit in Köln herrschen - für wetterfühlige Querschnittsgelähmte die Hölle sind. Schon Regenwetter reicht aus, um qualvolle Schmerzen im Körper auszulösen. Abdel Sellou, der algerische Pfleger, schiebt den Schwerstbehinderten zum Interview. Beide treten zusammen auf dem Literaturfestival lit.Cologne in Köln auf. Zehn Jahre lang waren Pozzo di Borgo und Sellou unzertrennlich. Und man bemerkt eine zärtliche Routine, wenn der ehemalige Pfleger einen Strohhalm parat hat, um Pozzo di Borgo zu trinken zu geben. Solche kleinen Gesten bleiben im Gedächtnis haften, denn sie machen deutlich, wie abhängig man ist, wenn man vom Hals an abwärts gelähmt ist.

Leben im Luxus-Gefängnis

Philippe Pozzo di Borgo und Abdel Sellou bei einer Lesung auf der lit.cologne 2013 (Foto: DW/Heike Mund)

Abdel Sellou (2. v. l.) und Philippe Pozzo di Borgo (2. v. r.) bei der Lesung in Köln

Aus seiner aristokratischen Herkunft macht der 61-jährigen Philippe Pozzo di Borgo keinen Hehl. In seiner Autobiografie, die bereits 2001 in Frankreich unter dem Titel "Le second souffle" ("Der zweite Atem") erschien, beschreibt er en détail, woher er kommt: Er entstammt einer sehr alten französischen Adelsfamilie und wurde, wie er es ausdrückt, "mit einem goldenen Löffel im Mund geboren". Schlösser waren sein Zuhause, als Manager eines Champagner-Imperiums führte er ein Jet Set-Leben. Bis er 1993 mit einem Gleitschirm abstürzte.

Im Alter von 42 Jahren begann ein zweites Leben für ihn, gefesselt an einen Rollstuhl. Geldsorgen muss er sich auch heute keine machen. Das ist aber auch schon alles, was in seinem Leben an früher erinnert. Die letzten 18 Jahre waren ein doppelter Härtetest für ihn. Drei Jahre nach seinem Unfall starb seine Frau Béatrice an Krebs. Tiefschläge, die Pozzo di Borgo veranlassten, über das Leben nachzudenken. Seine Diagnose ist düster: "Unsere Gesellschaft steckt in einer Krise. Die Menschen sind verunsichert, weil sie nicht wissen, wie ihre Zukunft aussieht."

Egoistisches System

Abdel Sellou (r.) und Philippe Pozzo di Borgo kommen am 03.12.2012 in der Columbiahalle in Berlin zu einer Lesung auf die Bühne. (Foto: Britta Pedersen/dpa)

Pozzo di Borgo weiß, wie wichtig die Hilfe anderer Menschen ist - er kann ohne sie nicht mehr leben

Die Finanzkrise verschärfe dieses Gefühl noch, sagt er und man kann sich vorstellen, wie er gerne seinen Worten mit den Händen Nachdruck verleihen würde, doch die liegen regungslos auf den Armlehnen seines Rollstuhls. Umso mehr bewegen sich seine Augen und er dreht den Kopf Abdel Sellou zu, der neben ihm sitzt. Seine Botschaften klingen banal: "Die Menschen brauchen Zuneigung, Nächstenliebe, sie müssen sich mehr umeinander kümmern."

Dabei macht er keinen Unterschied zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten. "Alle Menschen sind voneinander abhängig. Behinderte können die Rolle von Wächtern spielen. Sie erinnern an die Endlichkeit des Lebens. Denn: Wir sind nicht immer schön, sportlich, unsterblich. Wir sind, je älter wir werden, gebrechlich." Wenn man genauer hinschaue, seien die Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft sogar in der Überzahl. Für Pozzo die Borgo ist dies auch die Erklärung für den großen Erfolg des Films. Er handelt von Menschen, die in der Gesellschaft unsichtbar sind, die aber auf ihre Hilfe angewiesen sind. Pozzo di Borgo weiß, wie wichtig die Hilfe anderer Menschen ist. Er kann ohne sie nicht mehr leben.

Win-win-Situation

Das Buch Ziemlich beste Freunde von Philippe Rozzo di Borgo, aufgenommen am 29.11.2012 in der Pablo-Neruda-Bibliothek in Berlin im Stadtteil Friedrichshain. Das Buch wurde im Jahr 2011 erfolgreich verfilmt (Foto: picture-alliance/dpa)

Di Borgo: "Früher kreiste ich nur um mich."

Und auch Abdel Sellou, sein algerischer Pfleger, der in dem Film "Ziemlich beste Freunde" von dem französischen Schauspieler Omar Sy gespielt wird, brauchte Hilfe. Doch zunächst einmal machte er eine rasante soziale Karriere: vom Knacki zum Krankenpfleger. Sellou war damals Anfang 20, ein Kellerkind der Gesellschaft. Ein Kleinkrimineller, frisch aus dem Knast entlassen, der zudem noch aus der berüchtigten Pariser Banlieue stammte. Pozzo di Borgo habe ihm geholfen, ein besserer Mensch zu werden. "Früher kreiste ich nur um mich. Ich war ein Einzelkämpfer: egoistisch und skrupellos. Kurz: Ich war 'normal'." Die Freundschaft mit Pozzo di Borgo habe alles verändert, sagt Sellou, wenn er ausnahmsweise mal ernst ist.

Meistens sagt er lustige Sätze, wie: "Häuser wie die von Pozzo betrat ich früher nicht durch die Tür, sondern durchs Fenster." Oder: "Ich hatte bis dahin noch nie einen Schäfer gesehen, der freiwillig einen Wolf in seinen Stall lässt". Nie im Leben habe er damit gerechnet, die Anstellung zu bekommen. Pozzo di Borgo kontert: "Hätte ich Abdel gebeten, mich umzubringen, dann hätte er es getan". Der schwarze Humor, der auch im Film, in dem François Cluzet den Querschnittsgelähmten mimt, der Flügelschlag mehr ist, der einen Meisterfilm ausmacht, ist auch im realen Leben der beiden eine Art Überlebensstrategie.

Ernstes Anliegen

55 Millionen Menschen aus 60 Ländern haben inzwischen die anrührende Verfilmung der Freundschaft von Sellou und Pozzo di Borgo gesehen. Völlig überraschend avancierte "Ziemlich beste Freunde" zum größten französischen Kinoerfolg aller Zeiten. Sellou lebt inzwischen nicht mehr in der Pariser Banlieue. Er ist unter die Unternehmer gegangen und züchtet Hühner in Algerien. Und er hat ein Buch geschrieben. "Es gibt Leute, die können wunderbare Dankesbriefe schreiben. Für jemanden, der in seinem Leben noch nie ein Buch gelesen hatte, war 'Einfach Freunde' ein 250 Seiten langer Dankesbrief", erklärt er.

Auch Philippe Pozzo di Borgo hat ein weiteres Buch geschrieben: "Ziemlich verletzlich, ziemlich stark" ist das Manifest für eine solidarische Gesellschaft. Er engagiert sich für seine Leidensgenossen: Mit dem Erlös des Kinofilms und dem Verkauf der DVDs unterstützt er den Verein "Simon de Cyrène", der Einrichtungen für Querschnittsgelähmte bauen lässt. Dort soll eine menschlichere, neue Form des Zusammenlebens erprobt werden: Behinderte und ihre Betreuer leben Tag und Nacht unter einem Dach.

Literatur für alle

Eine Dolmetscherin für Gebärdensprache sorgt für eine barrierefreie Lesung. (Foto: DW/Heike Mund)

Probe der Gebärdendolmetscherin vor der Lesung

Philippe Pozzo di Borga ist kein trauriger Mensch, das betont er immer wieder. Glück hat eine andere Definition für ihn: Beruflicher Erfolg und Karriere spielen dabei keine Rolle mehr. "Auch ich helfe: Ich höre zu. Die, die mir helfen, haben auch ihre Wehwehchen." Er lebt nicht mehr in Paris, sondern in Marokko mit seiner zweiten Ehefrau. Hunderte von Mails bekommt er, in denen er um Rat gefragt wird. Er ist zur Symbolfigur geworden, die anderen Menschen Kraft verleiht. Er beantwortet jede Mail. Die lit.Cologne zeigt, wie auch eine Literaturveranstaltung einen Beitrag leisten kann: Gebärden- und Schriftdolmetscher übersetzen die Diskussion und die Lesungen für Hörgeschädigte. Die erste Reihe des Veranstaltungssaals ist für Rollstuhlfahrer reserviert.

Auch die Bücher von Pozzo di Borgo und Sellou wurden noch einmal überarbeitet: Eine Kurzfassung in einfacher Sprache soll Menschen, denen das Lesen schwerfällt, helfen, den Spaß an den Büchern zu entdecken. Bislang gibt es kaum Angebote für diesen Teil der Bevölkerung. Und das obwohl nach Angaben der Hilfsorganisation Aktion Mensch allein in Deutschland jeder Vierte Probleme beim Lesen hat. Pozzo di Borgos Engagement ist beeindruckend. Auf die Frage, woher er die Energie nimmt, antwortet er: "Schwäche ist keine Behinderung, sondern ein Schatz, den andere erst noch entdecken müssen."

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