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Europa

Zickzackkurs in Athen

Fast zwei Wochen nach dem Wahlsieg von Syriza laviert Athen zwischen Versprechungen und Realpolitik. Viele Griechen bangen um die Zukunft. Sie sagen aber auch: Es kann nicht weitergehen wie bisher.

Die Signale der neuen griechischen Regierung wirken widersprüchlich. Sie stellt einen Kompromiss mit den Gläubigern Griechenlands in Aussicht, will aber nicht von ihrer Forderung nach Neuverhandlung der Schuldenlast abweichen. Das zentrale Wahlversprechen der Linkspartei Syriza, den Mindestlohn auf 751 Euro im Monat anzuheben, will sie umsetzen - allerdings nicht sofort, sondern erst nach sechsmonatiger Beratungszeit. Die Privatisierungsbehörde TAIPED soll abgeschafft werden - doch eine diesbezügliche Verfügung der zuständigen Ministerin wurde im Nachhinein widerrufen.

Nun erwartet die griechische Bevölkerung klärende Worte von Premier Alexis Tsipras, der am Wochenende eine Regierungserklärung abgeben soll und sich voraussichtlich am 9. Februar einer Vertrauensabstimmung im griechischen Parlament stellen wird. Für die Anwältin Agapi Petropoulou aus Athen steht fest: "Die Sachzwänge des Regierens werden das neue Kabinett schon zu einer gewissen Mäßigung bringen. Die meisten Griechen erwarten gar nichts Anderes."

Agapi Petropoulou, Anwältin aus Griechenland (Foto: DW/Papadimitriou)

Anwältin Petropoulou beschäftigt sich heute vor allem mit Umschuldungen

Ist also schon eine gewisse Ernüchterung eingekehrt - weniger als zwei Wochen nach dem Wahlsieg von Tsipras' Linkspartei Syriza? Die Menschen würden sich über den politischen Wechsel freuen, sagt Petropoulou - allein schon wegen der Hoffnung, die damit einhergehe. Zwar würden Politiker im Wahlkampf viel versprechen und im besten Fall einen Teil davon umsetzen. "Aber selbst eine kleine Änderung ist besser als gar keine", meint die Anwältin im Gespräch mit der DW. Die Vorgängerregierungen hätten den Menschen nämlich das Gefühl gegeben, es würde sich nie etwas ändern.

Die Krise zwingt zum Umdenken

Auch in ihrem Bereich musste sich die 35-jährige Juristin in den vergangenen Jahren nach Alternativen umsehen - und hat jetzt neue berufliche Schwerpunkte, die mit der Schuldenkrise zusammenhängen: "Vor der Krise war ich in erster Linie mit Handelsrecht befasst. Heutzutage beschäftige ich mich vor allem mit Umschuldungen und Bankforderungen." Zudem bringe die starke Aufwertung des Schweizer Franken nach der Abschaffung eines Euro-Mindestkurses Hausbesitzer zur Verzweiflung, die noch vor Ausbruch der Schuldenkrise ihren Immobilienkredit in Schweizer Franken aufgenommen hätten. Nun hätten diese Menschen Probleme, ihre Kreditraten zu zahlen und erhofften sich eine Neuregelung ihrer Schulden gegenüber der Bank, erklärt die Juristin.

lias Giannopoulos, Elektroingenieur aus Griechenland (Foto: DW/Papadimitriou)

Ilias Giannopoulos ist in seine Heimat zurückgekehrt - trotz Krise

Doch auch in Athen gibt es noch Menschen, die in der Krise eine Chance sehen - so etwa der Elektroingenieur Ilias Giannopoulos. Nach seinem Studium in Schottland und einer Schulung im Bereich '"Virtuelle Realität" in Barcelona kehrte er 2013 nach Griechenland zurück und arbeitet seitdem an der Gründung eines 3D-Druck-Dienstleisters.

Der Tüftler profitiert von einem Förderprogramm der Stadt Athen, das ihm ermöglicht, sein Labor bis März 2015 in einer frisch renovierten und viel besuchten Einkaufspassage unterzubringen. Er hofft, anschließend auf eigenen Beinen stehen zu können. "Dass ich mitten in der Krise nach Griechenland zurückgekehrt bin, habe ich keinen Moment bereut. Allein das Gefühl, von kreativen Menschen umgeben zu sein, macht mir Mut für die Zukunft", sagt der 36-Jährige im Gespräch mit der DW.

Rund um die Uhr tüftelt Giannopoulos an seiner Geschäftsidee. Für politische Fragen hat er wenig Zeit - doch er kann sich grundsätzlich vorstellen, dass sich die Lage in Griechenland zum Besseren wenden wird. "Aber für ein Urteil ist es noch viel zu früh. Ich denke, wir sollten mindestens zwei bis drei Monate warten. Es wird sicherlich eine kritische Zeit", sagt der Elektroingenieur.

Hoffen auf Kompromisse

Arbeitslose Demonstrantin aus Griechenland (Foto: DW/Papadimitriou)

"Europa soll uns endlich respektieren", wünscht sich eine arbeitslose Demonstrantin

Eine kritische Zeit erwartet auch die Juristin Agapi Petropoulou - insbesondere im Hinblick auf die Gespräche mit den Kreditgebern Griechenlands. Viele Griechen seien mittlerweile der Meinung, selbst ein Euro-Austritt ihres Landes wäre nicht viel tragischer als das, was sie heute ertragen müssten, so die Athener Anwältin. Sie gibt auch zu bedenken: "Ich glaube, dass nicht nur die Griechen, sondern auch die Kreditgeber in dem einen oder anderen Punkt nachgeben werden. Man muss eben einen Kompromiss finden. Niemand hat Interesse an einem Euro-Austritt Griechenlands."

Viele Griechen gehen mittlerweile auf die Straße, um eine Kompromisslösung mit den Kreditgebern zu fordern. So kam es am 5. Februar in Athen erstmals zu einer Demonstration gegen den verschärften Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB). Anlass war deren Entscheidung, eine Sonderregelung zu kippen, wonach griechische Staatsanleihen als Sicherheiten für Kredite der Athener Notenbank dienten.

"Ich will die neu gewählte Regierung unterstützen, Europa soll uns endlich respektieren", empört sich eine Demonstrantin, die ihren Namen nicht nennen will. Nur so viel verrät die Frau im Gespräch mit der DW: Sie sei Geologin und seit fünf Jahren arbeitslos. In dieser Zeit habe sie nur einmal einen Minijob vom Arbeitsamt vermittelt bekommen - mit einem Gehalt von 490 Euro im Monat. Ihr Fazit nach dem politischen Wechsel in Athen: "Die neue Regierung hat uns unseren Stolz zurückgegeben."

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