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Kultur

Zeichnen mit dem Samthandschuh

Vor zwei Jahren planten mutmaßliche Islamisten einen Anschlag. Ihr Ziel: die dänische Tageszeitung, die Mohammed-Cartoons veröffentlicht hatte. Seither hat sich die Situation vieler Karikaturisten weltweit verändert.

Das Redaktionsgebäude der "Jyllands-Posten" in Kopenhagen gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Schleusen, Metalldetektoren und Wächter sollen ungebetene Gäste abhalten. Feinde dürfte die größte dänische Zeitung genug haben. Denn sie war es, die im Herbst 2005 Karikaturen des Propheten Mohammed druckte, und damit eine Welle der Empörung auslöste. In mehreren muslimischen Ländern brachen gewalttätige Demonstrationen aus, 150 Menschen kamen dabei ums Leben.

Indonesische Muslime zerreißen eine dänische Flagge. Foto: dpa

Indonesische Muslime zerreißen 2006 eine dänische Flagge

Die Tageszeitung "Jyllands-Posten" und der Karikaturist Kurt Westergaard, der den Propheten Mohammed mit einem Turban in Form einer Bombe gezeichnet hatte, sind in Dänemark zu so etwas wie Hassikonen radikaler Islamisten geworden. Immer wieder waren sie in den letzten Jahren das Ziel von Morddrohungen und Anschlagsplänen. Am Freitag (13.04.2012) hat in Kopenhagen ein Prozess gegen vier Verdächtige begonnen, die laut Staatsanwaltschaft ein Blutbad in den Redaktionsräumen der “Jyllands-Posten“ geplant hatten. Die mutmaßlichen Täter stammen aus verschiedenen arabischen Ländern und werden der islamistischen Szene zugerechnet.

Druck auf Karikaturisten wächst

Anders Jerichow hätte beim geplanten Anschlag im Gebäude sein können. Der renommierte Auslandsreporter arbeitet für die dänische Zeitung "Politiken", die aus demselben Verlag stammt wie "Jyllands-Posten". In Dänemark hat er ein Buch unter dem Titel "Karikaturisten im globalen Minenfeld" veröffentlicht. Drei Monate reiste er um die Welt, unter anderem nach Amman, Delhi und Paris, um die Arbeitsbedingungen von Karikaturisten in der Post-Mohammed-Ära zu untersuchen.

Karikatur eines Karikaturisten inmitten von Protest. Bild: Heiko Sakurai

Heiko Sakurais Cartoon zum Karikaturen-Streit

In seinem Buch kommt Jerichow zu dem Schluss, dass der Druck auf die politischen Zeichner seit dem Protest gegen die Mohammed-Zeichnungen gewachsen sei. Sie lebten dabei gefährlicher als ihre Journalistenkollegen, da sie Themen zuspitzten. Das gelte nicht nur für Zeichner, die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzten. Auch Vertreter anderer Religionen und Politiker würden versuchen, ihre Arbeit zu stören. Aus Angst vor Konsequenzen wachse die Selbstzensur, und das nicht nur in arabischen Ländern, sondern auch in Europa.

"Empfindlichkeiten im Hinterkopf"

Auch in Deutschland hat sich die Haltung von Karikaturisten zum Thema Islam verändert. Heiko Sakurai karikiert für deutsche Tageszeitungen wie "Die Welt" und "Financial Times Deutschland" regelmäßig die tagesaktuellen Ereignisse. Sich selbst zensieren, das tue er nicht. Aber er sei in den letzten Jahren vorsichtiger geworden.

"Ich denke, der Protest gegen die Mohammed-Karikaturen war eine gewisse Zäsur", sagt er. "Wenn ich eine Skizze zeichne, überlege ich natürlich, welche Konsequenzen sie haben kann. Gehe ich zu weit? Gehe ich nicht weit genug? Seit dem Karikaturen-Streit stelle ich mir diese Fragen bei bestimmten Themen verschärft, weil ich die Empfindlichkeiten im Hinterkopf habe." Über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche vor zwei Jahren zeichne er zum Beispiel ein Stück weit unbefangener, sagt er, als über den Islam.

Selbstzensur in den Redaktionen?

Auch Zeitungsredaktionen hätten - trotz aller Hymnen ihrer Chefredakteure auf die Meinungsfreiheit während der Diskussion um die Mohammed-Karikaturen - bei manchen Themen größere Berührungsängste als bei anderen. Heiko Sakurai hatte sich nach den Protesten frühere Karikaturen aus deutschen Zeitungen zum Thema Islam angesehen: "Da habe ich gedacht: die sind ganz schön hart. Ich weiss nicht, ob die heute noch gedruckt würden."

Die Maßstäbe, nach denen Verlage die Zulässigkeit einer Zeichnung beurteilen, verändern sich. "Die Meinungsfreiheit ist bei uns weitestgehend ein Grundrecht. Dennoch sollte über ihre Grenzen diskutiert werden", meint die Hannoveraner Medienwissenschaftlerin Teresa Naab. Der Karikaturen-Streit sei ein Anlass für eine solche Diskussion gewesen. Dabei hätten sich natürlich auch die Karikaturisten Gedanken darüber machen müssen, welche Meinungsäußerungen über den Islam noch vertretbar seien und welche nicht.

Zeichnerische Freiheit verteidigen

Er selbst habe noch nie Probleme mit Drohungen wegen seiner Zeichnungen gehabt, berichtet Sakurai. Doch es gibt deutsche Karikaturisten, denen es anders ergangen ist. Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft hatte ein Kollege Sakurais die iranische Fußballnationalmannschaft als Selbstmordattentäter mit Bombengürtel gezeichnet. Eigentlich zielte die Kritik auf die absurde Überlegung einiger deutscher Politiker, die Bundeswehr während der Weltmeisterschaft im Inland einzusetzen. Doch die Zeichnung sorgte im Iran und bei Exiliranern weltweit für Empörung. Der Zeichner erhielt zahlreiche Morddrohungen und musste für eine Weile untertauchen. "Das hat mich sehr geschockt", gibt Sakurai zu. Die zeichnerische Freiheit will er aber weiter verteidigen, auch wenn dies manchmal gefährlich ist.

Der Künstler hat uns die Bilder zur Verfügung gestellt und die Rechte eingeräumt Copyright: Heiko Sakurai Selbstporträt Heiko Sakurai in Tintenfass

In der Tinte: Selbstporträt von Heiko Sakurai