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Lebensart

Zehn Orte, die man in Paris gesehen haben muss

Seit den Terroranschlägen meiden Touristen Paris. Dabei gibt es abseits von Louvre und Eiffel-Turm viele neue Kulturorte zu entdecken, wie das Hip Hop-Zentrum "La Place" oder den Weinkeller des Sommeliers von Ludwig XV.

Taleb trägt ein ärmelloses T-Shirt, eine dunkelblaue Adidas-Jogginghose und Turnschuhe. Sein Körper ist durchtrainiert. Seine Gelenke scheinen aus Gummi: Ohne sich mit den Händen abzustützen, dreht sich der 19-Jährige mit dem Kopf auf dem Boden oder schlägt ein Rad. Taleb kommt täglich aus einem Pariser Vorort ins "La Place", Frankreichs neues Hip Hop-Zentrum mitten in Paris. Er nickt zufrieden auf die Frage, ob es ihm hier gefalle. "Vor der Eröffnung, Anfang April, habe ich im 19. Arrondissement getanzt. Da war ich 50 Minuten unterwegs", sagt er und fragt, ob ich ihn und einen anderen Tänzer fotografieren könne, der gerade dabei ist, horizontal mit einer Hand auf dem Boden zu stehen. "La Place in Les Halles ist nur 15 Minuten mit der RER, dem Pariser Vorortzug, entfernt."

Hip Hop-Zentrum in den neugestalteten Pariser Hallen

30 Jugendliche, die meisten aus den Pariser Vorstädten, tanzen an diesem Nachmittag in einem kargen, eher funktionalen Raum mit Bar. Sofas laden zum Ausruhen ein. "Vor der Neugestaltung von Les Halles hatten viele Touristen Angst, hierher zu kommen", sagt Julie Ducher, die für die Organisation "SemPariSeine" arbeitet und Besuchern seit der Eröffnung am 5. April 2016 Auskunft über die neuen Hallen gibt. "Es gab viel Kriminalität, vor allem Taschendiebstahl." Knapp eine Milliarde Euro hat die Stadt Paris investiert, um Les Halles ein neues Image und eine neue Architektur zu verpassen.

Forum des Halles in Paris Frankreich ab den 1970er, Foto: picture-alliance/blickwinkel

So sahen die Hallen ab den 1970er Jahren aus

"Der Bau ist so teuer geworden, weil es schwierig war, die Bauarbeiten durchzuführen, während die Geschäfte weiter geöffnet waren und die RER-Vorortzüge weiterfuhren", sagt Ducher. Es seien besonders aufwendige Sicherheitsvorkehrungen nötig gewesen. Architekt Patrick Berger hat nun einen Glasbau an die Stellen der alten Hallenbebauung aus den 1970er Jahren gesetzt. Ein Prestigeprojekt: "Das neue Herz von Paris", heißt es im Stadtmarketing-Jargon.

Shoppingzentrum mit Kulturangebot

Tänzer im Hip Hop Zentrum, Copyright: DW/S. Oelze

Tänzer mit Schlangenkörpern im Hip Hop-Zentrum La Place

Neben einer spektakulären Architektur mit großem Shoppingangebot sollen Les Halles auch zum Wahrzeichen von Kultur und Integration werden. Die labyrinthartigen Gänge von Les Halles waren jahrelang ein Treffpunkt für Jugendliche aus den Vorstädten. Früher waren sie der Stadt Paris ein Dorn im Auge. Nun - auch nach jahrelangen Vorstadtunruhen - scheint man sie zu akzeptieren und auch integrieren zu wollen. Insofern was es kein Zufall, dass hier ein Hip Hop-Zentrum entstand. "Anfangs war La Place von politischer Seite nicht gewollt. Ein wahrer Überzeugungskampf war nötig", sagt Jean-Marc Mougeot. Doch der habe sich gelohnt, denn endlich werde die Bedeutung von Hip Hop als gleichwertiger Kultur verstanden. La Place ist so etwas wie Mougeots "Baby". Der 45-jährige Direktor hat am Konzept mitgearbeitet hat. Am Anfang sollte das Zentrum nur 200 Quadratmeter groß sein, jetzt sind es 1400 geworden. Noch sind nur die Tanzfläche und die Bar geöffnet. "Hier können die Tänzer reinkommen, ohne uns vorher zu fragen oder sich anzumelden", erklärt er die Idee. Die Halle sei eine Art öffentlicher Ort, vergleichbar mit einer Straße. "Das ist für uns wichtig, denn wir wollen die spontane Seite des Hip Hops bewahren", sagt er.

Hip Hop-Zentrum für Profis

Das Hip Hop-Center versteht sich weder als Jugendtreff im eigentlichen Sinn noch als sozialpädagogische Institution. Es soll vor allem eine Plattform für Hip Hopper werden, die sich professionalisieren wollen. Durch eine Türschleuse geht es in einen der beiden Konzertsäle, in denen 400 Zuschauer Platz haben. Außerdem präsentiert Jean-Marc Mougeot voller Stolz die acht nagelneuen Profi-Tonstudios, die drei DJ-Mischpulte, die Ateliers, Co-Workingbüros und den Ausstellungsraum für Graffitikünstler. "Hip Hop ist für uns keine Subkultur, es ist eine Kultur, die es verdient, ernstgenommen zu werden", so Mougeot.

Jean-Marc Mougeot Copyright: DW/S. Oelze

La Place ist so etwas wie das "Baby" von Jean-Marc Mougeot

In La Place können Songs produziert und Choreographien einstudiert werden, aber es werden auch Netzwerke geschaffen. Willkommen sind Vorstadtjugendliche genauso wie Abkömmlinge der reichen Arrondissements rund um den Eiffel-Turm oder Champs-Elysées. Hip Hop geht alle an: "Früher rappten nur die Schwarzen oder die Araber, heute rappen alle, sogar Jugendliche aus den bourgeoisen Pariser Vierteln", sagt Mougeot, der ein Jahrzehnt lang das französische Musik-Festival L'Original leitete. "Hip Hop ist keine Minderheitenkultur mehr wie früher. Genau das gleiche gilt für Graffiti und Streetart."

Große Eröffnung im September

Noch ist nicht alles funktionstüchtig. Im September soll La Place ganz fertig sein. Für den Hip Hopper Alan ist das neue Zentrum aber schon jetzt eine wichtige Adresse. "Früher waren die Metrogänge von Chatelet-Les Halles unsere Bühne. Ich bin froh, dass es nun La Place gibt. Es ist gut zu erreichen und ich kann hier andere Hip Hopper treffen", sagt der 17-Jährige, der professioneller Tänzer werden möchte. Vielleicht kommen mit La Place die Ideale der französischen Revolution im 21. Jahrhundert an. Gleichheit bedeutet eben nicht nur eine Wertschätzung der bürgerlichen Hochkultur. Frankreich ist damit anderen Ländern mal wieder eine kleine Revolution voraus.

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