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Asien

Zehn Jahre kein innerkoreanischer Gipfel

Im Jahr 2007 fand das bis dato letzte innerkoreanische Gipfeltreffen statt. Heute stellt sich die Frage, ob alle diplomatischen Bemühungen seither vergebens waren.

Genau zehn Jahre ist es her, dass die Staatschefs der beiden Koreas zum letzten Mal zusammentrafen. Am 4. Oktober 2007 besuchte der mittlerweile verstorbene Roh Moo Hyun in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang Kim Jong Il, den Vater des jetzigen Führers. Gemeinsam unterzeichneten sie eine historische Erklärung, die unter anderem eine Ersetzung des Waffenstillstandes durch einen Friedensvertrag zwischen Nord- und Südkorea und den USA vorsah. Zudem sollte ein System zur Friedenssicherung aufgebaut werden und regelmäßige Familienzusammenführungen von den im Koreakrieg getrennten Verwandten veranstaltet werden. Nicht zuletzt sollte auch der wirtschaftliche Austausch ausgebaut werden.

Zehn Jahre später erscheint allein die Vorstellung eines Gipfeltreffens zwischen Moon Jae-in und Kim Jong Un absurd. Wesentlich realer wirkt derzeit das Szenario eines militärischen Konflikts. Schließlich hat Donald Trump zuletzt bei seiner Antrittsrede vor der UN-Vollversammlung in New York damit gedroht, Nordkorea notfalls "vollständig zu zerstören". Kim wiederum konterte mit den "bislang härtesten Gegenmaßnahmen".

Treffen von Kim Dae Jung und Kim Jong Il 2000 (AP)

Im Jahr 2000, beim Treffen von Kim Dae Jung (l) und Kim Jong Il, lächelte auch der Nordkoreaner

Unterschiedliche historische Bewertung

Allein die retrospektive Einschätzung des historischen Gipfeltreffens zeigt die tiefen Gräben der zwei Korea: Aus dem Vereinigungsministerium in Seoul hieße es, man respektiere weiterhin die am 4. Oktober 2007 getroffene Vereinbarung. Vergangene Woche eröffnete der im Mai gewählte Präsident Moon Jae-in eine Konferenz anlässlich des zehnjährigen Jubiläums, in der er jedoch einräumte, dass derzeit die angespannten Sicherheitslage im Fokus stehe. Das nordkoreanische Parteiorgan Rodong Sinmun hingegen kritisierte jüngst, dass der Süden zehn Jahre nach der historischen Erklärung "die feindliche Politik der USA" unterstütze und dadurch die Gefahr eines Atomkriegs erhöhe.

Insofern stellt sich die Frage, ob die gemeinsamen Gipfeltreffen sowie die unzähligen Verhandlungsrunden, die folgten, vollkommen vergebens waren. Mehr noch: Könnten sie gar dem Kim-Regime in die Hände gespielt haben, das unter dem Vorwand diplomatischer Annäherungen die Welt an der Nase herumgeführt hat und so still und heimlich sein Atomprogramm vorantreiben konnte?

Nordkoreanischer Raketentest Nordkorea Rakete (picture-alliance/dpa/KCNA)

Nordkoreas Atomrüstung lässt sich nach Ansicht der meisten Beobachter nicht mehr rückgängig machen

Erkauftes Gipfeltreffen von 2000

Der Nordkorea-Experte Andray Abrahamian, der mit der NGO "Choson Exchange" jahrelang Wirtschaftsseminare in Pjöngjang abgehalten hat, hält ebenjene Frage für extrem diffizil, weil sie sowohl in der akademischen als auch politischen Gemeinschaft die Geister spaltet. Der Brite ist mit beiden Standpunkten bestens vertraut: Er kenne renommierte Experten, die davon ausgehen, dass das Kim-Regime bereits seit seiner Geburtsstunde das Ziel der atomaren Abschreckung verfolgt habe, und dass dementsprechend alle diplomatischen Versuche, es davon abzubringen, zum Scheitern verdammt sind.

Andere, ebenso angesehene Akademiker sind davon überzeugt, dass Nordkorea zumindest bis zum Jahr 2006 bereit gewesen wäre, sein Atomprogramm gegen Zugeständnisse der USA – vor allem einen längst überfälligen Friedensvertrag für den 1953 beendeten Koreakrieg sowie damit einhergehende Reparationszahlungen – einzutauschen. Laut ihrer Argumentation habe sich in Nordkorea erst durch George W. Bushs aggressive Außenpolitik – Stichwort "Achse des Bösen" – in Nordkorea die Überzeugung festgesetzt, an der Atombombe als Abschreckung festhalten zu müssen. 

Abrahamians Fazit: "Ich glaube, dass Nordkorea vor zehn Jahren noch bereit gewesen wäre, über die Existenz seines Atomprogramms zu verhandeln. Spätestens seit Kim Jong Un gibt es jedoch keinerlei Anzeichen mehr dafür". Dennoch halte er die innerkoreanischen Gipfeltreffen nicht für kontraproduktiv. "Selbst wenn sie gescheitert sind, mussten sie probiert werden", sagt er - und fügt an: "Einige Begleitumstände waren damals natürlich unglücklich".

Erst im Nachhinein kam heraus, dass der liberale südkoreanische Präsident Kim Dae Jung sich das erste innerkoreanische Gipfeltreffen im Jahr 2000 - Stichwort: "Sonnenschein-Politik" - quasi erkauft hatte: Mindestens 150 Millionen US-Dollar, hauptsächlich vom Hyundai-Konzern, wurden im Vorfeld nach Pjöngjang überwiesen, ohne Bedingungen. In Zeiten der momentanen Sanktionspolitik, in denen vor allen voran die USA die Nordkoreaner von sämtlichen Einnahmequellen im Ausland abschneiden wollen und China zuletzt auch die Ölexporte limitiert hat, klingt dies geradezu makaber.

Nordkorea-Krise Trump und Kim Jong Un (picture alliance / Ahn Young-Joon/AP/dpa)

Nordkorea ist wenn überhaupt nur noch Gesprächen mit den USA interessiert

Unterschiedliche Propaganda nach innen und außen

Auch der Nordkorea-Experte Brian R. Myers, der in seinen scharf formulierten Thesen als umstrittener, gleichzeitig jedoch brillanter Wissenschaftler gilt, hält die innerkoreanischen Annäherungen von vor zehn Jahren für eine Farce. Dies belegt er mit seiner Theorie der inneren und äußeren Propaganda Nordkoreas: In den englischsprachigen Propagandamedien Nordkoreas, auf die vor allem internationale Beobachter und Forscher zugreifen, wurden die Gipfeltreffen in gemäßigten, vergleichsweise neutralen Tönen beschrieben. In der inneren Propaganda, also den exklusiv im Inland und in koreansicher Sprache vertriebenen Zeitungen, wurde der südkoreansiche Präsident Kim Dae-jung zum "humpelnden Lakai der Yankees, der in böser Absicht zum Verhandeln gekommen ist". Laut Myers hat Pjöngjang 2000 den Staatsbesuch des südkoreanischen Präsidenten als Beleg für die eigene Überlegenheit instrumentalisiert.

Roh Moo-hyun und Kim Jong-il beim Gipfeltreffen zwischen Süd- und Nordkorea (Getty Images)

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, wie der Südkoreaner Roh bei seinem "herzlichen" Treffen mit dem nordkoreanischen Gegenüber Kim Jong Il.

Beim zweiten Gipfeltreffen 2007 wurde der darauffolgende Präsident Roh Moo-hyun – zum Entsetzen der südkoreanischen Delegation – wesentlich frostiger begrüßt. Kim Jong Ils Miene beim gemeinsamen Fototermin blieb außerordentlich starr, die Höflichkeiten wurden merklich reduziert. Myers hat auch dafür eine einleuchtende Erklärung: Da die Nordkoreaner in der Zwischenzeit durch den Grenzhandel zu China einen immer besseren Informationszugang zum Ausland haben, kann das Regime nicht mehr komplett entgegengesetzte Botschaften an die Weltgemeinschaft und an die eigene Bevölkerung aussenden. Nordkorea sah sich vielmehr gezwungen, seine innere und äußere Propaganda anzugleichen und dementsprechend auch nach außen hin die feindselige Rhetorik gegen "Südkorea als Geisel der US-Imperialisten" beizubehalten.

Südkorea Vereidigung Präsident Moon Jae-in (Getty Images/Chung Sung-Jun)

Südkoreas Präsident Moon Ja In will den innerkoreanischen Dialog nicht aufgeben

Präsident Moons Tragik

Trotz der unterschiedlichen Einschätzungen der damaligen Gipfeltreffen ist die seit Mai in Südkorea gewählte Regierung geradezu durchdrungen vom Geiste der innerkoreanischen Annäherung. Hochrangige Posten hat Moon mit den damaligen Architekten der Gipfeltreffen besetzt, allen voran seinen Geheimdienstchef Suh Hoon oder seinen Berater in Wiedervereinigungsfragen Chung Moon-in. Nicht zuletzt hegt Präsident Moon selbst, als Sohn eines nordkoreanischen Kriegsvertriebenen, auch eine persönliche Motivation, um seine Vision eines wiedervereinigten Koreas voranzutreiben. Insofern ist es nicht weniger als tragisch, dass dieses Ziel ausgerechnet unter seiner ersten Legislaturperiode weiter entfernt scheint denn je.

 

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