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Europa

Wojciech Jaruzelski: Der Mann mit der Brille

Wojciech Jaruzelski ist tot. An ihm scheiden sich bis heute die Geister: Für die einen war er ein Diktator, für die anderen ermöglichte er den demokratischen Wandel Polens. Erinnerung an ein Leben voller Wendungen.

Polens früherer kommunistischer Führer, Wojciech Jaruzelski, starb am Sonntag (25.05.2014) nach langer Krankheit

im Alter von 90 Jahren

in einem Militärkrankenhaus in Warschau. General Jaruzelski war der letzte Machthaber einer Ära, die vor beinahe 25 Jahren mit dem Zusammenbruch des Kommunismus zu Ende ging.

Geboren 1923 in einer katholischen Adelsfamilie, wurde der 18-jährige Jaruzelski von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und nach Sibirien deportiert. Dort leistete er zusammen mit seinem Vater Zwangsarbeit. Dabei wurden seine Augen geschädigt. Sein weltbekanntes "Markenzeichen", die dunkle Brille, war eine Folge davon.

Um dem sicheren Tod zu entkommen, schloss sich Jaruzelski 1943 der sich in der Sowjetunion unter der Ägide der polnischen Kommunisten formierenden Armee an. Er kämpfte gegen Nazi-Deutschland, nach dem Krieg machte er in dem von den Sowjets beherrschten Polen eine steile militärische Karriere. Mit nur 36 Jahren zum General befördert, wurde er bald Mitglied des Zentralkomitees der kommunistischen Partei und 1968 Verteidigungsminister. In dieser Funktion verantwortete er die Zerschlagung des "Prager Frühlings" und das Massaker an protestierenden Arbeitern in Stettin und Danzig im Dezember 1970 mit. "Er war einer der ehrgeizigsten Männer, die ich kannte", erinnert sich an ihn ein hoher Offizier und Weggefährte, der wegen seiner Zusammenarbeit mit westlichen Geheimdiensten anonym bleiben möchte.

Ein Leben mit dramatischen Umwegen

Lech Walesa (Foto: Photo by Keystone/Getty Images)

Lech Walesa: Einst Gegner, später versöhnt mit Jaruzelski

1981 sicherte sich Jaruzelski endgültig einen Eintrag in die Geschichtsbücher seines Landes, einen bis heute umstrittenen: Lech Walesas "Solidarnosc", die erste von Kommunisten unabhängige Gewerkschaft des Ostblocks, wurde zur Massenprotestbewegung und damit tödlichen Bedrohung des ganzen Systems. Als Ministerpräsident und Chef der kommunistischen Partei verhängte Jaruzelski das Kriegsrecht: Eine Entscheidung, die er bis zum Tod mit der drohenden militärischen Intervention der Sowjetunion begründete und leidenschaftlich verteidigte.

Nachdem in der Sowjetunion der Prozess der "Perestroika", der Umbau des Sowjetsystems, anbrach, ging Jaruzelski tatsächlich auf die "Solidarnosc" zu, stimmte (halb-)freien Wahlen zu - und übergab ihr nach dem stürmischen Wahlsieg der demokratischen Opposition friedlich die Macht. Der friedliche Wandel, der zum Vorbild für andere Länder des Ostblocks wurde, wäre ohne den persönlichen Mut und den hohen politischen Einsatz des Ex-Diktators in den eigenen Reihen nicht machbar gewesen.

Hohen Respekt dafür erntete Jaruzelski gegen das Ende seines Lebens - auch von den von ihm ehemals verfolgten politischen Gegnern. Ein Bild mit Lech Walesa an seinem Krankenbett ist ein hochsymbolischer Akt der Vollendung dieses Lebens: Eines Lebens voller dramatischer Umwege, Wendungen und Entscheidungen - das doch zum Guten führte.

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