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Europa

"Solidarnosc"-Bewegung mit Folgen

Vor 25 Jahren wurde in Polen die "Solidarnosc" gegründet. Sie trug zum Sturz der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa bei. Heute ist sie viel kritisiert und ohne großen Einfluss.

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Ein Werftarbeiter legt Blumen nieder

Die Gründung der Gewerkschaft "Solidarnosc" vor 25 Jahren in Polen und die damit verbundenen Massenstreiks von Arbeitern und Angestellten scheinen weit in der Geschichte zurückzuliegen. Denn mittlerweile hat sich das Land in einen demokratischen Staat verwandelt, ist Mitglied der europäischen Union und der NATO. Die Gewerkschaft hat eine Entwicklung hinter sich: von der bloßen Forderung zur politischen Partei und wieder zurück.

Wochenlange Streiks

"Endlich haben wir eine unabhängige, selbstverwaltete Gewerkschaft. Wir haben das Recht zum Streiken, und die weiteren Rechte werden wir schon bald einfordern", versprach Lech Walesa vor 25 Jahren unter dem Jubel seiner Anhänger.

Am 31. August 1980 hatten die Werftarbeiter der Danziger Lenin-Werft mit ihrem Führer Lech Walesa ihr Ziel erreicht: Die Streikbewegung Solidarnosc wurde als unabhängige Gewerkschaft akzeptiert. Vorausgegangen waren wochenlange Streiks und Demonstrationen, die ab Mitte August in einen Generalstreik im ganzen Land mündeten.

Millionen polnischer Arbeiter und Angestellte gingen für bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Lebensmittel-Versorgung auf die Straße.

Der Auslöser dafür war eine relativ kleine Begebenheit. Die kommunistische Regierung hatte die Fleischpreise in der Kantine der Danziger Werft erhöht und eine Arbeiterin, die sich darüber beschwert hatte, entlassen. Das brachte das Fass zum Überlaufen und Hunderttausende auf die Straßen, immer in der Angst vor möglicher Gewalt der kommunistischen Regierung, die bereits zehn Jahre zuvor Streiks blutig niedergeschlagen hatte.

Ausrufung des Kriegsrechts

Und gerade deshalb waren sich die Organisatoren ihres Sieges alles andere als sicher, als die Regierung Ende August 1980 die 21 Forderungen der Streikenden nach Meinungsfreiheit, einer freien Gewerkschaft und dem Streikrecht im "Danziger Abkommen" unterschrieb, erinnert sich Bogdan Lis, einer der Mitbegründer der "Solidarnosc": "Wir haben das Recht auf eine vom Staat unabhängige Gewerkschaft bekommen, das war ein Durchbruch. Das war so unglaublich, dass wir damals nur überlegt haben, wie lange man das überstehen wird."

Klarheit bekamen die Gewerkschafter nach 500 Tagen. Der ehemalige Verteidigungsminister, General Wojciech Jaruzelski, war im Februar 1981 zum Regierungschef gewählt worden. Im Dezember desselben Jahres beendete er die Freiheit der Arbeiter, indem er das Kriegsrecht in ganz Polen ausrief.

"Solidarnosc"-Anhänger in Internierungslagern

Knapp zwei Jahre dauerte der Kriegszustand und die kommunistische Regierung griff durch. Kritiker und "Solidarnosc"-Anhänger wurden in Internierungslager gesperrt, auch die Führungsriege der "Solidarnosc" um Lech Walesa. Die kommunistische Regierung versuchte das Land zu säubern.

Unruhe nicht mehr zu stoppen

Auch Walesa wurde verhaftet und stand bis Ende 1982 unter Hausarrest. Doch die "Solidarnosc" agierte unter seiner Führung im Untergrund über Jahre weiter. Die Unruhe im Land war so nicht mehr zu stoppen und führte im Sommer 1988 schließlich zur wirklichen Wende in Polen.

Nach erneuten Streikwellen der Gewerkschaft erklärte sich Regierungschef Jaruzelski zu Gesprächen am Runden Tisch bereit, die schließlich zu freien Wahlen führen. Lech Walesa wurde 1990 zum Präsidenten gewählt. Doch schon da begann die "Solidarnosc" auseinanderzudriften. Unterschiedliche Interessen und radikale Reformen im Transformationsland Polen führten zum Verlust von Popularität und Einfluss. Auch Walesa stand wegen seiner Neigung zur Selbstherrlichkeit schnell in der Kritik und wurde 1995 auch als Präsident nicht wieder gewählt.

Einfluss heute gering

Politisch hat die "Solidarnosc" heute keinen Einfluss mehr und hat sich wieder in eine rein gewerkschaftliche Organisation gewandelt mit noch knapp einer Million Mitgliedern und auch nur geringem Einfluss auf Vorgänge in Unternehmen. Zu besten Zeiten waren ihr mehr als zehn Millionen Menschen gefolgt. Und so begründet Lech Walesa seinen Austritt aus der Gewerkschaft zum 25. Jahrestag auch mit den heute ganz anderen Zielen der Gewerkschaft.

Walesa sieht ihre Verdienste in der Vergangenheit: "Ohne sie gäbe es keine Wiedervereinigung Deutschlands, es gäbe keine Überwindung des Kommunismus, es sind also große Errungenschaften. Dennoch sollten wir hier zwei Sachen nicht verwechseln: Auf der einen Seite ein großer Sieg und auf der anderen schwache Ergebnisse in der Nutzung dieses Sieges. Das wird sehr oft bei uns und in Europa übersehen."

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