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Kultur

Wohnen in der autofreien Zone

Ein Leben ohne Auto können sich viele nicht mehr vorstellen, schon gar nicht im "Autoland" Deutschland. Doch ausgerechnet hier leben einige Menschen schon längst autofrei und zwar mitten in der Stadt. Klappt bestens.

Fahrräder lehnen an einer Hauswand (Foto: DW)

Fahrräder statt Autos

Die Neusser Straße in Köln-Nippes gleicht einer Rennstrecke. Autos hupen und fahren viel zu schnell durch die Kreuzungen, Abgase beißen in der Nase. Köln-Nippes ist ein verkehrsreiches und belebtes Stadtviertel. Trotzdem zieht es vor allem Familien hierher. Viele von ihnen wohnen auf einem ehemaligen Eisenbahngelände mit einer Fläche von fast 4,5 Hektar Größe, wo vor etwa fünf Jahren auch die autofreie Siedlung entstand.

Kinder spielen und fahren hier mit ihren Rädern mitten auf der Straße. Überall stehen und liegen Spielsachen herum. Zwischen den zwei- bis viergeschossigen Reihenhäusern gibt es kleine Wege und Plätze. Es ist ein ungewohnter Anblick, mitten in der Stadt zu sein und keine Autos zu sehen. Dafür gibt es vor jedem Haus einen Abstellplatz oder einen Schuppen für die unzähligen Fahrräder, Bobby Cars oder Go-Karts.

Kinder fahren mit dem Go-Kart in der autofreien Siedlung in Köln (Foto: DW)

Vor allem Kinder sind die Gewinner in der autofreien Siedlung in Köln

Langer Weg von der Idee zur Umsetzung

Der 6-jährige Oscar steigt für einen Moment von seinem Go-Kart ab, um zu erklären, was ihm an der autofreien Siedlung gefällt. Mit ernstem Blick erzählt er, dass in der Siedlung keine Autos fahren dürfen. Deshalb hätten seine Freunde und er ganz viel Platz zum Spielen. Damit spricht er an, was sich vor fast fünfzehn Jahren eine Gruppe Kölner Bürger vorgenommen hatte – eine Siedlung zu bauen, in der Kinder sicher auf der Straße spielen können, ohne Abgase und Autolärm. Von der Idee bis zur Umsetzung vergingen fast zehn Jahre. Besonders schwierig sei es gewesen, die Politiker im Stadtrat zu überzeugen, dass eine autofreie Siedlung in Köln wirklich notwendig ist, sagt Hans-Georg Kleinmann, der von Anfang an am Aufbau beteiligt war. Die Bewohner nennen ihn den inoffiziellen Bürgermeister der autofreien Siedlung.

Hans-Georg Kleinmann, einer der Projektgründer, in der Autofreien Siedlung in Köln (Foto: DW)

Hans-Georg Kleinmann

Schwierig war das Vorhaben eine autofreie Siedlung zu bauen, auch wegen der geltenden Garagenverordnung, nach der zu jeder Wohnung eine bestimmte Anzahl Stellplätze eingerichtet werden muss. Diese wollte man in der autofreien Siedlung natürlich gar nicht haben. Doch das größte Hindernis, so Hans-Georg Kleinmann, war die bei vielen Politikern fest verankerte Vorstellung, man könne ohne Auto einfach nicht leben.

Mobil sein ohne Auto

Von der Zukunftsfähigkeit der Idee, autofrei zu wohnen, ist die Familie Welschoff überzeugt. Pädagoge Werner Welschoff und seine Frau Meike, eine Grundschulleiterin, sind beide Anfang 40. Seit vier Jahren bewohnen sie zusammen mit ihren Söhnen Leonard und Leander ein Reihenhaus in der autofreien Siedlung. Meike Welschoff erinnert sich noch daran, wie sie kurz nach dem Umzug ihre zwei und vier Jahre alten Söhne zum ersten Mal allein draußen spielen ließ: "Damals haben wir gesagt: Allein für diese Woche hat es sich schon gelohnt hierher zu ziehen."

Zwar war es für sie anfangs etwas schwierig, sich daran zu gewöhnen, dass man in der autofreien Siedlung kein Auto haben darf. Doch mittlerweile wissen die Welschoffs bestens ohne Auto den Alltag zu bewältigen. So versuchen sie zum Beispiel die Einkäufe nicht in großen Mengen und wöchentlich, sondern täglich und nach Bedarf zu machen.

Fahrradanhänger, Schubkarren und Go-Karts zum ausleihen in der Mobilitätszentrale (Foto: DW)

Die Mobilitätszentrale hilft den Bewohnern, mobil zu bleiben

Und wenn sie doch etwas größere und sperrige Sachen transportieren müssen, gehen sie zur so genannten "Mobilitätszentrale" am Rande der Siedlung. Das ist ein Pavillon, den die Bewohner eingerichtet haben und der ihnen hilft auch ohne Auto mobil zu bleiben. Da kann man zum Beispiel einen Anhänger fürs Fahrrad, eine Schubkarre oder einen der von Kindern begehrten Go-Karts ausleihen.

Mehr Freiheit – mehr Mut

Die Befürchtungen, dass die Kinder der autofreien Siedlung besonders gefährdet sind, weil sie sich im Verkehr nicht auskennen, teilen die Welschoffs nicht. Ganz im Gegenteil, meint Vater Werner. Während seine Kinder ganzjährig mit dem Fahrrad zur Schule fahren, werden die Anderen ganz oft mit dem Auto gebracht. "Von daher hat mein Sohn ja permanent, jeden Tag, die Auseinandersetzung mit dem Straßenverkehr. Ich denke, er ist seinen Mitschülern da weit voraus im punkto Verkehrsregeln, den Verkehr einschätzen zu lernen."

Familie Welschoff: Mutter Meike, Vater Werner, Söhne Leander und Leonard und Hamster Luka (Foto: DW)

Familie Welschoff

Der Pädagoge glaubt, in der Siedlung werden die Kinder mutiger, neugieriger und selbstständiger, weil sie sich freier bewegen können. Andernorts müssten die Eltern wegen des starken Autoverkehrs ständig aufpassen. Was Eltern und Kinder in der autofreien Siedlung sich jedoch wünschen, sind noch mehr grüne Flächen und Spielplätze. Das sollte auch bei dem weiteren Ausbau der Siedlung einkalkuliert werden. Da die Nachfrage für die Wohnungen groß ist, wird eine Reihe Häuser gerade zusätzlich gebaut.

Keine "Autohasser"

Völlig aufs Auto müssen die Siedlungsbewohner aber nicht verzichten. Neben der Müllabfuhr und dem Umzugswagen lassen sich viele beispielsweise Getränke von einem Lieferservice bringen. 20 Prozent der fast 400 Haushalte dürfen ein eigenes Auto haben. Das besagt eine Vorschrift der Stadt Köln. 16. 000 Euro müssen sie bezahlen, um einen Parkplatz in der kleinen Garage am Rande der Siedlung zu kaufen. Denn in der autofreien Siedlung leben keine "Autohasser".

Auch die 4-köpfige Familie Welschoff kennt Momente, an denen sie nicht ohne Auto auskommt. "Ja, wenn wir nach Holland in den Urlaub fahren wollen", bestätigt Meike Welschoff. "Da kommt man mit der Bahn, also mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur sehr kompliziert und sehr schwer hin." Vor Ort angekommen steigt die ganze Familie aber mit Sicherheit wieder auf Fahrräder um.

Autorin: Tetyana Bondarenko
Redaktion: Jochen Kürten

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