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Politikberatung

Wo die Welt denken lässt

Fast 7000 Denkfabriken hat die University of Pennsylvania in ihrem neuesten Think-Tank Ranking weltweit gezählt. Die nehmen Einfluss auf politische Entscheidungen. Welche sind die wichtigsten und wo stehen die deutschen?

Die Welt wird vernetzter, komplexer, komplizierter. Immer mehr Wissen, mehr Fakten müssen immer schneller für Entscheidungen von großer Tragweite gesichtet, geordnet, gewichtet und analysiert werden. Das schafft Raum für eine intellektuelle Service-Industrie: Denkfabriken, in Deutschland auch gerne Think-Tanks genannt. Der Markt ist groß und unübersichtlich - auch wenn einige dieser Denkfabriken sehr einflussreich sind und ihre Narrative besonders häufig Eingang in die öffentliche Debatte sowie in die Überlegungen von Politikern finden. Überblick verspricht da ein Ranking, angefertigt von der ältesten Universität in den USA: der hochangesehenen University of Pennsylvania in Philadelphia. Zum mittlerweile zehnten Mal hat sie jetzt ihren "Global Go To Think Tank Report" veröffentlicht. Knapp 7000 Think Tanks wurden dafür in einem mehrstufigen Verfahren unter die Lupe genommen. Rund 2500 Experten, Wissenschaftler, Journalisten, Politiker und Think-Tank-Manager haben daran mitgearbeitet. Herausgeber James McGann macht in seinem Vorwort keinen Hehl aus seiner Überzeugung, die Denkfabriken seien mit "existenziellen Herausforderungen" konfrontiert. McGann beklagt, bei der Brexit-Abstimmung oder auch bei der US-Präsidentschaftswahl im letzten Jahr hätten neben den Demoskopen auch die Denkfabriken "monumental" versagt. Soziale Bewegungen hätten aus disruptiven Technologien neue Macht gezogen; das hätte disruptive Politik ermöglicht, analysiert der Wissenschaftler aus Philadelphia.

Großbritanien Chatham House (picture-alliance/dpa/M. Stephens)

Think Tank des Jahres 2016: Das knapp 100 Jahre alte Chatham-House

Think-Tank Supermacht USA

Mit seinen insgesamt 52 Kategorien auf rund 170 Seiten ist der Bericht nicht eben übersichtlich. Aber er vermittelt gerade wegen der großen Differenzierung interessante Einblicke in die Welt der Mittler zwischen Wissen und Politik. Das fängt schon bei der mengenmäßigen Betrachtung der Denkfabriken und ihrer Herkunft an: Mit 1835 Think-Tanks verfügen die USA über das weltweit umfangreichste organisierte intellektuelle Kapital - und die entsprechende "soft-power". Auf Platz zwei folgt mit weitem Abstand China mit 435 Instituten. Deutschland bekleidet Platz fünf mit 195 Denkfabriken. Der Mittlere Osten und Nordafrika insgesamt kommt auf nur 398, ganz Sub-Sahara Afrika auf 615 Denkfabriken.

Nummer eins der weltweit wichtigsten Denkfabriken wurde die Brookings Institution aus den USA. Auf Platz zwei folgt das britische Chatham Haus - das auch zum "Think-Tank-of-The-Year" gekürt wurde. Unter den insgesamt 175 Top-Instituten der Welt belegen die drei best-bewerteten deutschen Denkfabriken die Plätze 16, 17 und 18: Da liegt die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung KAS vor der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung FES und der Berliner Stiftung Wissenschaft Politik, SWP. Die SWP berät Bundestag und Bundesregierung in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik und gilt als eine der einflussreichsten Forschungseinrichtungen in Deutschland. Dennoch wundert sich Frank Priess von der KAS nicht über das gute Abschneiden seiner Organisation. Der stellvertretende Leiter der Hauptabteilung europäische und internationale Zusammenarbeit verweist gegenüber der DW auf das internationale Netzwerk der KAS mit ihren 80 Länderbüros weltweit. "Dieser Bericht ist ein Peer-Report. Da werden weltweit Experten gefragt, mit welchen anderen Think-Tanks man vernetzt ist, mit wem man zusammenarbeitet. Da ist die Wahrscheinlichkeit größer bei einer Organisation, die auf der ganzen Welt vertreten ist, dass sie dort Treffer erzielt, als bei einer Organisation wie der SWP, die in Deutschland einen großen Einfluss hat, die aber nicht weltweit vor Ort ist", analysiert Priess.

Nahe am politischen Prozess

Die Liste mit den besten Denkfabriken mit Bindung an eine politische Partei wird sogar von drei deutschen Stiftungen angeführt. Neben den bereits erwähnten KAS und FES findet sich dort auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. In der Nähe zu korrespondierenden Parteien sieht KAS-Mitarbeiter Priess eine der Stärken der politischen Stiftungen in Deutschland: "Weil sie über die Partnerparteien Expertise direkt in den politischen Prozess einspeisen können", erläutert Priess.

Den ersten Rang belegte im Bereich "Beste Think-Tank Konferenz" die Münchner-Sicherheits-Konferenz. Spitzenplätze im Ranking gab es für deutsche Institutionen auch im Bereich Wissenschaft und Technik: Die Max-Planck-Institute führen die Liste an; das Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung (DIE) belegt Platz drei. In der Kategorie Umweltpolitik liegt das Potsdamer Institut für Klimafolgen (PIK) auf Platz zwei. In der Kategorie Transparenz und gute Regierungsführung liegt die deutsche Nichtregierungsorganisation Transparancy International (TI) auf Platz eins. Cobus de Swardt von TI zeigt sich gegenüber der DW "hoch erfreut über die Anerkennung unserer Arbeit für Transparenz und gegen Korruption" durch den Think-Tank-Bericht. Immerhin taucht TI in nicht weniger als zehn Kategorien auf - unter anderem auf Platz drei in der Kategorie "Beste Kampagne" oder als beste deutsche Denkfabrik auf Platz neun in der Kategorie "Bedeutendster Einfluss auf die öffentliche Ordnung (public policy)."

Angesichts des guten Abschneidens deutscher Think-Tanks müsste man sich um politischen Sachverstand in Deutschland keine Sorgen machen. In zwei Kategorien aber fällt auf: Unter den 35 gelisteten Denkfabriken der Kategorie "Globale Gesundheitspolitik" findet sich genauso wenig eine deutsche wie unter den 65 zur Erziehungspolitik aufgeführten.

 

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