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Amerika

Wo der Tango wartet: "Der letzte Applaus"

In einer Bar bei Buenos Aires überwinterte der ursprüngliche Tango. Und mit ihm eine Generation von Musikern, die ihn leben. Der Film "Der letzte Applaus" erzählt ihre Geschichte. Er läuft jetzt in den deutschen Kinos.

Schild der Bar (Foto: Carolina López Feijóo)

Ein Ort, wo der Tango noch lebendig ist: Die legendäre Bar "El Chino"

"Pompeya, Ort des Tangos, des Mondes und seiner Geheimnisse", schwelgt ein alter Tango, "ferne Straßen, alte Freunde, was haben sie gemacht, wie wird es ihnen gehen?" Nicht besonders, denke ich, durch die Straßen des fernab gelegenen Viertels fahrend. Eingequetscht liegt es zwischen dem armen Hafenquartier La Boca, dem übel riechenden Riachuelo und dem Elendsviertel Villa 21.

Düstere Gestalten huschen vorüber, von fern das Aufheulen eines Motors, Straßenlaternen gibt es nicht. Fast hätte ich sie da übersehen, die "Bar El Chino" - einen Ort in der Welt, um sich mit Freunden zu treffen, wie in verblassten Lettern an die Hauswand geschrieben steht.

No Tango for Export

Tangotänzer, Filmausschnitt aus Der letzte Applaus (Foto: arsenal film)

Der Tangotanz hat in der der Bar Tradition

"Das hier", sagt Juan Carlos, der Kette rauchend im Innenhof sitzt, "ist einer der wenigen wirklich argentinischen Bars." Kein Tango "for Export", ohne akrobatische Tänze à la Hollywood. "Hier wird Tango gelebt." Und dann wischt er sich eine Träne am Lederjackenärmel ab. Früher habe er auch lieber die Stones gehört, sagt er, dann sei seine Frau gestorben: "Heute ist mein Herz einsam, singt Gardel, das ist es, verstehst du. Der Tango wartet auf dich."

Anfang des Jahrhunderts war das Gebäude ein Schnapsladen. Aber als der Besitzer, ein galizischer Einwanderer, starb, machte sein Sohn Jorge das daraus, was es im Grunde ohnehin schon war: Eine Kneipe. In Rauch durchwölbtem Licht saßen sie hier, spielten Karten und Gitarre, tranken und sangen. Von den schimmelfaulen Wänden schauten ihnen Dutzend schief hängende und vergilbte Bilder dabei zu.

Der letzte Applaus

Die Tangosänger Inés Arce, Cristina de los Ángeles, Julio César Fernán mit Omar Garré beim letzten Konzert im El Chino (Foto: arsenal film)

Das letzte Konzert im El Chino

"Doris Dörrie, meine Professorin an der Münchner Filmhochschule, gab mir den Tipp, diese Bar in meiner Heimatstadt Buenos Aires zu besuchen", erzählt Germán Kral. Der Filmemacher beschloss sofort, eine Dokumentation über "El Chino" zu drehen.

Sieben Jahre lang begleitete er das Leben und die Menschen in der Bar. "Warum tust du dir das an, Germán?", habe sie ihn immer gefragt, sagt Inés. Die 82-jährige Hausfrau und Großmutter gehört fest zum Inventar der Bar. Inés lacht, sie seien hier alle doch sehr eigen, jeder habe sein Ego, seine Geschichte, seinen Stolz. "Und genau deswegen bin ich hier", so die Antwort des Filmemachers. Louis Borda, selbst Tangosänger und Komponist produzierte dazu einen wunderbaren Soundtrack.

Die Doofe der Nation

"Ich habe geliebt und dafür eines auf den Deckel gekriegt. Und jetzt steh’ ich da, wie die Doofe der Nation", singt Cristina de los Angeles mit kräftiger Stimme und hebt keck und matronenhaft zugleich die Arme zur Decke. "Alle Lieder spiegeln etwas aus dem Leben wieder und geben einem manchmal Hoffnung." Ihr Schlafzimmer teilt sie seit Jahren nur mit der Urne ihrer verstorbenen Mutter und einem Portrait von Gardel.

Julio César, ein Casanova von fast 60 Jahren, singt von Freiheit und kämpft immer noch damit, bei seiner Mutter auszuziehen. Horacio Acosta gibt den Lebemann, schwenkt scherzend ein Lied übers Leichenschauhaus - wie er die Hypothek seines Hauses bezahlen soll, weiß er nicht. Und die alte Inés Arce erstrahlt im Chino wie ein funkelnder Stern.

Zum Klo unten durch, bitte

Krals Film verwebt Musik und Lebensgeschichten, der Stoff der Träume webt sich selbst: "Der Tango ist wie eine Sucht", sagt Inés, "und der Chino mein Zufluchtsort, wo ich sie leben kann." Einfache Nachbarn sangen hier von ihrem Alltag, von Liebe und Wehmut. So wie ihre Eltern und Großeltern schon, die einst ihrer Heimat den Rücken kehrten, um am Rio de la Plata das Glück zu suchen.

Damit lockte die Bar Künstler und Bohèmians aus der ganzen Welt in ihre zugige und enge Bruchbude. "Es gab keine Bühne und keine Mikros", erinnert sich Juan Carlos, "aber die 40 Quadratmeter hier platzten aus allen Nähten, die Leute saßen auf dem Boden, krochen unter den Tischen durch, um irgendwie aufs Klo zu kommen, selbst bei Jorge im Schlafzimmer wurde gespielt."

Der Chinese

Filmausschnitt aus Der letzte Applaus (Foto: arsenal film)

Jorge "El Chino" García vor seiner Bar

Jorge, sagt Inés, sei eine einzigartige Type gewesen, ein Haudrauf mit großem Herz, immer ein Lachen im Gesicht. Davon sollen seine Augen zu Schlitzen geworden sein, deswegen der Beiname "El Chino" - der Chinese. "Mehr als das hier brauche ich nicht", sei sein Credo gewesen, "bevor ihr was verändert, erschießt mich lieber gleich!" 2001 erliegt sein Sohn einer schweren Krankheit, nur acht Monate später stirbt auch er - aus Traurigkeit, sagt Julio César. "Er hatte einen Engel und als der fort geflogen ist, war es auch vorbei mit 'El Chino'."

Jorges Frau Delfina versucht die Bar weiterzuführen, doch kaum einer kommt mehr. Einige der Protagonisten des Films sind ebenfalls, noch während Krals Dreharbeiten, gestorben. Andere meiden die Bar, streifen in einem Taumel aus Überraschung und Orientierungslosigkeit durchs Leben - hier ein Auftritt in der Fußgängerzone, dort ein Engagement bei einem Geburtstag. Vielen geht es wie Inés: "Ich vermisse das alles so sehr, bei el Chino war ich ein anderer Mensch. Unter der Woche macht es mir nichts aus, zu putzen und zu waschen, aber am Wochenende..."

"Siempre se vuelve al primer amor"

Germán Kral schafft es, sie mit einer jungen Tangoformation, dem "Orquestra Imperial" zusammenzubringen. Gemeinsam geben sie ein letztes Konzert im "Chino". "Volver" - zurückkehren, leben - singt Cristina, "meine Seele umklammert eine süße Erinnerung, für die ich noch einmal weine."

Hier endet Krals Film - Musik in Bildern, authentischer und ehrlicher als eine Vielzahl der Großproduktionen, die in den letzten Jahren zu Thema gedreht wurden. "Der letzte Applaus" ist das einfühlsame Portrait einer aussterbenden Generation, die für und durch den Tango lebt. Kurz darauf muss die Bar wegen Einsturzgefahr schließen.

Die Liebe ist ein Stern an Gitarrensaiten

Juan Carlos (Foto: Carolina López Feijóo)

Juan Carlos hat zusammen mit Nachbarn die Bar wieder aufgemacht

Zwei Stammgäste, Juan Carlos und Oscar, beschließen ein Jahr später, 2007, den Mythos wieder aufleben zu lassen. Alle Nachbarn helfen bei der Renovierung. Jetzt ist "El Chino" ein nettes, kleines Restaurant, es gibt gutes Steak, eine Bühne und Mikrofone. Wir haben gute und schlechte Tage, sagt Juan Carlos. Das Viertel hier habe ja auch einen schlechten Ruf, meint Inés.

Doch wenn die alten Freunde von damals anfangen zu singen, geht der Mond wieder auf und zeigt seine Geheimnisse. "Ich bin wieder da, die Herde in meiner Spur…" Juan Carlos kommt an den Tisch und fordert zum Tanz auf. "…Deine Liebe ist ein Stern an Gitarrensaiten..." - "…Ein Licht, das mir leuchtet in meiner Dunkelheit…", ruft es plötzlich von einem Ecktisch. Ein Raunen erhebt sich, wird immer lauter, alle kennen den Text. "…Und in der Ferne, die Stimme des Bandonéons..." Pompeya, Ort des Tangos, denkt man und bestellt noch einen Wein.

Juan, ein alter Stammgast, fährt mich um vier Uhr morgens zurück ins Zentrum.

Autorin: Anne Herrberg

Redaktion: Anna Kuhn-Osius

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