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Amerika

Das Wehklagen des Rio de la Plata

Das Bandoneon gibt dem Tango seinen unverwechselbar nostalgischen Klang. Doch aussgerechnet in der Hauptstadt des Tango, in Buenos Aires, werden die Instrumente nun knapp. Oscar Fischer will das verhindern.

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Schwerfällig quietschend und laut hupend rumpeln die rußenden Bondis, die Omnibusse, über das Kopfsteinpflaster der Straße Defensa. Vorbei an ehrwürdigen Kolonialbauten mit Cafés und Antiquitätengeschäften. Sie scheuchen ein paar Plastiktüten vor sich her und ein Touristenpärchen auf, das zu nah an der Bordsteinkante steht. Unbeeindruckt von Lärm und Staub sitzt ein Grüppchen älterer Herren auf teuer aussehenden Antikstühlen, wild gestikulierend in eine lautstarke Diskussion vertieft. Aus einem weit geöffneten Flügelfenster, zwei Stockwerke darüber, ertönt auf einmall der seufzende Klang eines Bandoneons. San Telmo, das Bohème-Viertel von Buenos Aires, schenkt manchmal Momente, die man keinem Reiseführer glauben würde.

Die Seele des Tangos

Bandonéon

Oscar Fischer: "Das Bandoneon ist Teil unserer Kultur."

"Tango ist die Musik unserer Stadt", sagt Oscar Fischer und starrt aus dem Fenster, "das ist der Klang des Bandoneons." Das Lärmen und Drängeln, der Schmutz der Straßen, "unsere Art des Sprechens - arrogant, aufbrausend und klagend zugleich" - das alles fände seine Entsprechung in diesem Instrument, das nun aufgeklappt und schwer auf den Knien des 40-Jährigen liegt.

Der Deutschstämmige ist einer der drei einzigen Instrumentenbauer Argentiniens, die Bandoneon stimmen und reparieren können. Unter seinen Kunden sind Musiker aus aller Welt, sogar aus Australien sei mal einer angereist. Seine Werkstatt ist ein kleines Museum, mit antiken Instrumenten, alten Partituren und Bildern von berühmten Bandoneon-Spielern. Fischer seufzt: "In ein paar Jahren wird der Tango vielleicht ohne das Bandoneon auskommen müssen".

Vom Aussterben bedroht

Fischers Sorge ist berechtigt: weltweit, so schätzen Experten, gibt es nur etwa 20.000 Instrumente, davon sei aber nur jedes Zehnte in gutem Zustand. Der weltweite Tangoboom habe in den letzten Jahren die Nachfrage enorm angeheizt. Sammler und Touristen aus Europa, den USA oder Japan kommen nach Argentinien, um sich eines der begehrten Instrumente mitzunehmen. Denn, nach der Krise 2001 und dem Wertverfall des argentinischen Peso, sind die Bandoneons dort oft zu einem Viertel des Preises zu haben. Aus Geldnot wurden viele Instrumente in Familienbesitz für ein Apfel und ein Ei verscherbelt. "Und dann passiert das, was in diesem Land immer passiert", schimpft Oscar Fischer, "wir verkaufen unsere Kultur ans Ausland!".

Mafiöse Strukturen

Bandonéon

Qualität aus dem Erzgebirge - Doppel-A Bandonéons sind die begehrstesten

Es gebe inzwischen fast so etwas wie eine "Mafia-Struktur": Instrumentenscouts, die im ganzen Land den Markt leer kaufen, alte Instrumente schlecht reparieren und im Internet teuer verscherbeln, Bandoneon-Spieler, die Instrumente auf Auslandstourneen mitnehmen und dort verkaufen. Fischer erzählt auch von Kunden, denen mehrmals das Instrument geklaut wurde. "Immer haben wir es im selben Musikgeschäft wiedergefunden, es gab sogar einen Gerichtsprozess". Das führt nicht nur dazu, dass viele Instrumente Vitrinen schmücken, statt gespielt zu werden. Auch die Preise sind enorm angestiegen. Für ein Bandoneon der begehrten "AA"-Modelle zahlt man bis zu 3000 Dollar. Das Doppel-A steht für den Instrumentenbauer Alfred Arnold aus Carlsfeld im Erzgebirge. "Diese Instrumente sind 80 Jahre alt und Bandoneons sind wie ein guter Wein - je älter sie sind, desto besser klingen sie", schwärmt Fischer und wird sofort wieder ernst.

Das große Problem sei, dass Musiker aus Argentinien, die ernsthaft interessiert sind, das Instrument zu erlernen, fast keine Möglichkeit mehr haben, eines zu finden. "Detektivarbeit", sei nötig, bestätigt Julio Covielo, Bandoneonspieler bei der Gruppe Fernández Fierro. "Ich habe im ganzen Land gesucht, Freunde gefragt, Anzeigen geschaltet" - als er mit viel Glück sein Bandoneon gefunden hatte, musste er 2200 Peso, umgerechnet 500 Dollar zahlen - eine gigantische Summe, "vor allem, weil man als Musiker ja auch fast nichts verdient".

Als argentinisches Kulturgut schützen

Neue Instrumente werden kaum hergestellt, die meisten Bandoneons stammen aus Deutschland (s. "Das Bandoneon") und kamen Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Einwanderern an den Rio de la Plata. Trotzdem, "auch wenn das Bandoneon keine argentinische Erfindung ist, so ist es zu einem Teil unserer Kultur geworden", sagt Fischer. Der kleine, zierliche Mann mit Pferdeschwanz hat deshalb Großes vor: er will das Bandoneon zum argentinischen Kulturgut erklären lassen. Zusammen mit der UNESCO hat er eine Studio über Geschichte und Bestand erstellt. Damit ist er an die Regierung getreten. Er fordert, dass Ausfuhrsteuern erhoben werden um damit jungen, nationalen Musikern billige Kredite zum Kauf eines Instruments zu finanzieren.

Bandonéon

Flyer von Oscar Fischer: "Liebe Touristen, lassen Sie unsere Bandonéons in Ruhe"

Die Abgeordnetenkammer hat einem entsprechenden Gesetzesvorschlag schon zugestimmt, nun liegt der Fall im Senat: "Ich habe nichts gegen ernsthafte Musiker, die ein gutes Instrument suchen", erklärt Fischer", was mich wütend macht, sind dieTouristen, die mit ihren Geldscheinen herumwedeln und denken: Argentinien ist Tango, also nehmen wir uns eines dieser Dinger als Souvenir mit". Auf dem letzten Tango-Festival drückte Fischer solchen Touristen einen Flyer in die Hand: "Liebe Touristen, unsere Bandoneons sind vom Aussterben bedroht. Kommen Sie wieder und tanzen Sie Tango, aber lassen sie unsere Instrumente im Land."