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Wirtschaft

Wirtschaftskrise vertreibt Afrikaner

Fünf Jahre boomte die Wirtschaft, dann kam die Krise. Für viele Afrikaner bedeutet das: Keine Hoffnung auf Arbeit. Der einzige Ausweg scheint da der gefahrvolle Weg nach Europa zu sein.

Afrikanischer Fischer blickt aufs Meer (Foto: dpa)

Für viele Afrikaner ist der Weg übers Meer die einzige Chance

Im Hafen von St. Louis prüft Babacar Sek seine Fangnetze. Bald wird er wieder hinausfahren aufs Meer. Hier, im Norden des Senegal, wo der gleichnamige Fluss in den Atlantik mündet, leben die meisten Menschen vom Fischfang – es ist die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Doch Babacar klagt, dass er kaum noch etwas für seinen Fisch bekommt. Weil es für traditionelle Fischer wie ihn keine Fangquoten gibt, die den Preis stabil halten würden. Und auch deshalb, weil die Europäische Union ihren Fischfang subventioniert – in Zeiten der Wirtschaftskrise ist der Protektionismus der EU für Menschen wie Babacar besonders schlimm.

Fischer mit Boot am Strand im Senegal

Keine Chance gegen hochmoderne europäische Fangflotten

Babacar ist verzweifelt, und wenn sich nicht bald etwas zum Guten ändert, will er es noch mal wagen – über den Atlantik, nach Europa. So wie vor zwei Jahren, als er vor der spanischen Küste fast ertrunken ist. Trotzdem würde er es noch mal wagen. "Ich finde im Senegal einfach keine Arbeit. Und von dem bisschen Geld, das ich mit dem Fischfang verdiene, kann man keine Familie ernähren. Wie auch immer die Umstände dort sein mögen – in Europa ist es auf jeden Fall besser als hier."

Das Leben war immer schon schwer in Afrika, und die Menschen versuchen, auch mit den neuen Herausforderungen fertig zu werden. Doch der Glaube an das eigene Stehvermögen wird in Afrika momentan in dem Maße erschüttert, wie die mühsam errungenen Entwicklungsfortschritte zunichte gemacht werden.

Finanzkrise beendet kurzen Boom

Hand hält Kaffeebohnen (Foto: James Nzibavuga)

Mit dem Export von Kaffee läßt nur noch wenig verdienen

Fünf Jahre lang hatten hohe Rohstoffpreise in Afrika für ein kleines Wirtschaftswachstum gesorgt. In manchen Ländern südlich der Sahara ist das Bruttosozialprodukt pro Jahr um satte sechs Prozent und mehr gestiegen. Doch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat nun diesen Boom beendet. Die Rohstoffpreise sind in den Keller gefallen, die Nahrungsmittelpreise aber gestiegen. Zudem ziehen sich ausländische Investoren zurück und kleine Unternehmen bekommen kaum noch Kredit. Die Auswirkungen auf die afrikanischen Staatshaushalte sind zum Teil dramatisch. Zukunftschancen für die Menschen gibt es kaum noch.

Für Laurent De Boeck von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Dakar haben vor allem die gestiegenen Nahrungsmittelpreise im letzten Jahr dazu geführt, dass die Menschen ihre Heimat verlassen. In der ganzen Region Westafrika seien die Menschen vor der Krise geflohen. Manche haben es in den Nachbarländern versucht, andere seien zu illegalen Flüchtlingen geworden, die sich nach Europa durchschlagen wollen.

Schlauchboot am Strand von Lampedusa gefüllt mit Abfällen der FLüchtlinge

Mit diesem Schlauchboot kamen 60 Flüchtlinge über das Meer

Durch die Finanzkrise wurden außerdem weltweit weniger Rohstoffe nachgefragt und die Preisen sanken. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) werden sie dieses Jahr mindestens ein Drittel niedriger sein werden als 2008. Das trifft die Entwicklungsländer südlich der Sahara hart. Hier sind viele Staaten nach wie vor vom Rohstoffexport abhängig. So wie Kamerun mit seinen Vorkommen an Erdöl, Aluminium, Bauxit und Eisenerz. In der Landwirtschaft gehören Holz, Bananen, Kautschuk und Kaffee zu den wichtigsten Produkten.

Es gibt nur wenig Arbeit in Kamerun

Aber bei 25 Prozent Arbeitslosigkeit wissen viele junge Kameruner nicht mehr, wie sie ihr Leben finanzieren können. Prosper Owona wollte nach seinem Abitur eigentlich Forstmanagement studieren – aber er winkt ab – im Holzbereich gebe es keine Jobs mehr. Er klagt: "Wir wollen gar nicht weg nach Europa. Aber wir müssen ja Arbeit finden!"

Flüchtlingslager auf Lampedusa (Foto: Sandra Petersmann)

Wer es übers Meer schafft landet oft in Flüchtlingslagern wie diesem auf Lampedusa

Fabrice Nana will das alles nicht wahrhaben - noch nicht. Der Gymnasiast will ein gutes Abitur machen. Leistung, sagt er, lohne sich auch in Kamerun. Immer noch. "Das Leben in Kamerun war schon immer hart – und jetzt mit der Wirtschaftskrise müssen wir uns eben irgendwie durchboxen." Zur Not müsse man eben vorübergehend Zigaretten auf der Straße verkaufen. "Alles besser, als abzuhauen, denn zum einen weiß man nicht, wie es in Europa sein wird und ob man überhaupt lebend ankommt, und zum anderen lässt man ja alle im Stich, und der Verlust wäre einfach zu groß."

Überweisungen von erfolgreichen Migranten entfallen

Fabrice hat allerdings ein Problem: Er muss es allein schaffen, denn er bekommt kein Geld mehr von seinen Verwandten aus Europa. Lange Jahre haben die Auslands-Afrikaner Milliarden von Euro in die Heimat geschickt und damit sozusagen praktische Armutsbekämpfung geleistet. Doch nun können sie wegen der Finanzkrise nichts mehr überweisen, auch nicht nach Kamerun.

Afrikanerinnen mit Geld in der Hand

Von den Verwandten in Europa fließt weniger Geld nach Afrika

Laurent de Boeck von der Internationalen Organisation für Migration in Dakar sieht aber in der Krise eine Chance. Denn dieser Einbruch der Auslandsüberweisungen werde die jungen Leute dazu bringen, mehr Eigenverantwortung zu entwickeln. "Jetzt gibt es eben nicht mehr den Bruder, den Cousin oder den Onkel in Europa, der Geld schickt, und da hoffe ich, dass die jungen Menschen sich überlegen, wie sie selbst etwas aus sich machen können. Und das wird ihren Ländern zugute kommen."

Fischer Babacar Sek aus dem Senegal sieht in der Heimat jedoch keine Zukunft mehr für sich und seine Familie. Trotz des gefährlicheren Weges zieht es ihn ins vermeintliche Paradies Europa: "Wenn ich die Gelegenheit hätte – ich würde auch von hier weggehen, denn in Europa gibt es Arbeit." Doch auch in Europa ist die Wirtschaftskrise längst angekommen, sie war schneller als er. Doch das will Babacar nicht wissen.

Autor: Alexander Göbel

Redakteurin: Insa Wrede

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