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Europa

Ein Leben in der Warteschlange

Die Flüchtlinge, die in Griechenland ankommen, haben schlechte Karten: Es gibt nicht genügend Unterkünfte, Asyl und Arbeit sind schwer zu bekommen und eine EU-Verordnung verbietet ihnen die Reise in ein anderes EU-Land.

2 Flüchtlinge stehen in einem kargen Raum, auf dessen Boden einige Kartons liegen (Foto: Alkyone Karamanolis)

Kein Strom, kaum Wasser - ohne Asyl können die Flüchtlinge nichts an ihrer Situation ändern

Allam hat zwar keine Arbeit, doch sein Tagesablauf ist klar strukturiert: Um 10 Uhr frühstückt er bei den Missionarinnen der Nächstenliebe in Athen, dann geht er zu Fuß zur Caritas, wo es Mittagessen gibt, und abends ist Brotzeit beim Roten Kreuz. Der junge Mann aus Darfur im Sudan hat keinen Cent in der Tasche. Ohne die Hilfe der Wohltätigkeitsorganisationen könnte er nicht überleben. Er habe gedacht, in Europa würde sein Leid ein Ende finden, sagt Allam. Stattdessen setze es sich hier nur fort.

Nicht genügend Platz für die Flüchtlinge

Müll liegt in einer Ecke (Foto: Alkyone Karamanolis)

Wer nicht in einer Asylbewerberunterkunft unterkommt, muss sich woanders einen Platz zum Schlafen suchen

Allam wohnt in einem heruntergekommenen Viertel im Zentrum Athens, das in den letzten Jahren zum Flüchtlingsghetto geworden ist. Denn abgesehen von landesweit rund 800 Plätzen in Asylbewerberunterkünften gibt es keinerlei staatliche Fürsorge. Die Schutzsuchenden müssen selbst schauen, wo sie unterkommen und wovon sie leben. Manche verdienen ein paar Euro als fliegende Händler oder als Tagelöhner, andere rutschen in die Kriminalität ab. Der Drogenhandel auf der Straße ist inzwischen fest in der Hand von Afghanen und Afrikanern. Wegen seiner dunklen Hautfarbe wird Allam innerhalb weniger Minuten mehrfach von Drogensüchtigen angesprochen. Er wehrt höflich ab.

Der Weg zu Allams Zuhause führt durch einen zugemüllten Innenhof. Eigentlich sei das eher ein Platz zum Sterben, fügt er hinzu und zieht ein Papiertaschentuch aus der Hosentasche. Das hält er sich vor die Nase - wegen des Gestanks. Sein "Heim" ist ein ehemaliges Verwaltungsgebäude: neun Stockwerke, kein Strom, keine funktionierenden Toiletten und nur ein einziger Wasserhahn im Erdgeschoss. In einem Raum neben dem Eingang verkauft ein findiger Bewohner für einen Euro frittierte Hühnerleber. Ihr Geruch mischt sich mit dem durchdringenden Urin-Gestank, der einem entgegenschlägt, sobald man das Gebäude betritt.

"Dublin 2" hält die Flüchtlinge fest

Karton und eine ausgebreitete Decke auf dem Boden liegend (Foto: Alkyone Karamanolis)

Kein besseres Leben: Als Ruhestätte dient ein Karton und eine Decke

Rund 500 Männer leben hier – und warten auf eine Gelegenheit, nach Mittel- oder Nordeuropa weiterzureisen. Sie erfahren schnell, dass in Griechenland sowohl die Chancen auf Asyl als auch auf Arbeit, um sich während der jahrelangen Bearbeitung des Asylantrags über Wasser zu halten, katastrophal sind.

Doch einfach weiterreisen dürfen die Flüchtlinge nicht. Eine europäische Richtlinie, "Dublin 2" genannt, verlangt, dass Schutzsuchende im Einreiseland Asyl beantragen und nicht in einem anderen Land. Griechenland beklagt, dass auf diese Weise vor allem die Mittelmeer-Anrainer belastet würden. "Unser Anliegen ist es, die "Dublin-2"-Vereinbarung zu modifizieren, so dass die Ankommenden auch in einem anderen als dem Einreiseland Asyl beantragen können", eklärt Innenminister Prokopis Pavlopoulos in einem Radiointerview.

Warten, warten, warten

Im sechsten Stock des Verwaltungsgebäudes, in einem Zimmer ohne Fensterscheiben, liegen fünf Männer apathisch auf Matratzen am Boden. Sie stammen aus Somalia und sind seit zwei Monaten in Griechenland. Er lebe in diesem Gebäude, weil er keine andere Wahl habe, sagt Abdullah. Eigentlich wollte er weiter, in irgendein anderes europäisches Land, denn hier gebe es keine Arbeit. Doch "Dublin 2" verwehrt ihm die Weiterreise. Und so besteht Abdullahs Leben – genau wie Allams - aus dem täglichen Gang zur Essensausgabe von Caritas und Rotem Kreuz. Ansonsten wartet er. Auf was? Abdullah weiß es selbst nicht mehr.

Autorin: Alkyone Karamanolis
Redaktion: Julia Kuckelkorn / Mareike Röwekamp


Weitere Informationen:

Die EU-Kommission will sich nun um dieses Problem kümmern. Beim Treffen des Innen- und Justizministerrats in Luxemburg (04.056.2009) wird EU-Kommissar Jacques Barrot die Mitgliedsländer zu mehr Solidarität aufrufen. Ende Juni 2009 wird Barrot außerdem die griechischen Außengrenzen besuchen, um sich selbst ein Bild der Situation zu machen.

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