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Kultur

Wirbel um die Wehrmacht

Ab Donnerstag (29.1.) ist die Ausstellung über die "Verbrechen der Wehrmacht" während des Zweiten Weltkrieges zum letzten Mal in Hamburg zu sehen. Ein Projekt, um das es viel Diskussion und Ärger gab.

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Die Vergangenheit läßt keine Ruhe

War die Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges an Gräueltaten beteiligt? Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" kommt zu dem Ergebnis: ja, als Institution war sie an der Planung und Durchführung des von Adolf Hitler initiierten Rassen- und Vernichtungskrieges beteiligt.

In der Ausstellung wird an den Beispielen der Kriegsschauplätze in Ost- und Südosteuropa die teils aktive, teils passive Mitwirkung der Wehrmacht an verschiedenen Verbrechen dargestellt: Dem Völkermord an den sowjetischen Juden, dem bewusst herbeigeführte Massensterben von mehr als zwei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, den Deportationen von Zwangsarbeitern, sowie dem Krieg gegen weite Teile der sowjetischen Zivilbevölkerung.

Eklat: Fehler und Nachlässigkeiten

Genau genommen geht es nicht um eine, sondern um zwei Ausstellungen. Die erste eröffnete 1995 unter dem Titel "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944". Dann fanden Fachwissenschaftler jedoch 1999 heraus, dass Fotos und Bildunterschriften nicht zusammenpassten. Beispielsweise zeigten Fotos mit angeblichen jüdischen Pogromopfern in Wirklichkeit Ermordete des sowjetischen Geheimdienstes. Die Ausstellung wurde geschlossen. Ausstellungsmacher Hannes Heer nahm seinen Hut. In den folgenden zwei Jahren überprüften Historiker das Material.

Ab 2001 ging eine komplett neu gestaltete, noch detailgenauere Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung unter dem Titel "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" auf Wanderschaft durch Deutschland. Rund 800.000 Menschen haben die erste Exposition besucht, etwa 400.000 sahen sich die zweite an. Zum letzten Mal ist die Ausstellung nun vom 29. Januar bis zum 28. März 2004 in Hamburg zu sehen.

Die Stimmung kocht hoch

Beide Ausstellungen lösten heftige Reaktionen in der Öffentlichkeit aus: Es kam zu hoch emotional geführten Streitgesprächen, Demonstrationen Rechtsradikaler und Debatten im Bundestag und in den Landtagen.

Jan Philipp Reemtsma Wehrmachtausstellung

Jan Philipp Reemtsma in der Wehrmachtausstellung

"Über das Thema Wehrmacht und Kriegsverbrechen wird in der Öffentlichkeit nicht mehr so geredet werden können wie vor dem Start unserer ersten Ausstellung 1995", meint Jan Philipp Reemtsma (Foto), Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Die Ausstellung war Teil eines Forschungsprojektes des Instituts. Keiner im Institut hätte damals mit der Resonanz und der Polarisierung gerechnet, die die Ausstellung fast von Anfang an auslöste. "Die öffentliche Erregung, die diese Ausstellung brachte, lag auch daran, dass es um ein Familienthema ging, denn in fast jeder deutschen Familie gab es einen Wehrmachtsangehörigen", sagt Reemtsma.

Die Zeit sei reif gewesen für eine Auseinandersetzung, die Ausstellung sei lediglich so etwas wie ein Katalysator gewesen. "Es war die Zeit, wo viele, die den Krieg aktiv miterlebt hatten, in ein Alter gekommen waren, in dem man noch mal über die eigene Biografie nachdenkt und mit der nächsten und übernächsten Generation ins Gespräch kommt", sagt Reemtsma. Die Jüngeren hätten wegen des fortgeschrittenen Alters der Betroffenen "relativ gefahrlos" nachhaken können, denn "diese befanden sich mittlerweile nicht mehr in familiären oder öffentlichen Machtpositionen".

Erleichterung und Verleugnung

Eine Flut von Briefen überschüttete Jahre lang das Institut. "Die Besucher der Ausstellung waren emotional beteiligt. Viele wollten ihre eigene Geschichte loswerden, manche zeigten sich erleichtert, endlich über das Erfahrene reden zu können, andere verleugneten alles und beschimpften uns, zahlreiche Leute wollten wissen, wo sie Näheres über die Kriegsbeteiligung von Angehörigen erfahren könnten", sagt Ulrike Jureit, die maßgeblich an der Neugestaltung der Ausstellung beteiligt war.

"Das Interesse an der Ausstellung ist bis heute ungebrochen. Dabei raufen sich Museumspädagogen angesichts der Textlastigkeit die Haare. Doch die Menschen bleiben Stunden lang drin und lesen - sie strengen sich an, weil sie es wissen wollen", erzählt Reemtsma. Nach neun Jahren soll nun dennoch Schluss sein. Zum einen hätte die Ausstellung, die in fast allen größeren Städten Deutschlands zu sehen war, für sehr viel Geld restauriert werden müssen. Zum anderen solle man aufhören, bevor sich Desinteresse zeige, meint Jureit. "Dass uns diese Ausstellung fast zehn Jahre begleiten würde, hat niemand geahnt. Und ganz gewiss werden wir nicht wieder etwas Ähnliches machen", betont Reemtsma. (iw)

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