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Deutschland

Wir, die Queen und die Brits

Inzwischen mögen wir uns. Das war nicht immer so. Deutsche und Briten pflegten lange ihre Negativ-Klischees voneinander. Immer über den Dingen: die Queen. Und jetzt kommt sie zu Besuch. Eine Beziehungsdiagnose.

Es sind die Witze, die mehr sagen als wortreiche Analysen. Einer geht so: Heinrich Lübke, zweiter Bundespräsident der alten Bundesrepublik (1959-1969), wird vom englischen Kellner gefragt, was er denn gerne essen möchte. "A bloody steak", gibt der zur Antwort. Darauf der Kellner: "With fucking potatoes, Sir?"

Nun spielt es keine Rolle, ob sich das jemals so zugetragen hat. Aber Lübkes berühmt-hilflose Englisch-Versuche im Amt, bei denen er sich regelmäßig um Kopf und Kragen redete, waren hierzulande immer schon eine dankbare Einladung zu Häme und Schadenfreude.

Lübke als Zielscheibe auch englischer Lästerzungen, das passte zum Bild der Brits über die Germans. Wir waren the Huns, die Hunnen, die tumben Fritzen. Englischer Humor geht aber auch anders. Sogar deutschfreundlich. Fußball sei ein Spiel elf gegen elf, definierte mal Gary Lineker, Englands Top-Torjäger der 1980er Jahre, und am Ende gewännen stets die Deutschen. Nie war der Satz so richtig wie in Brasilien vergangenes Jahr.

Eine erstaunliche Annäherung

Die Briten und wir, das ist mindestens ein Sonderverhältnis. Doch längst sind wir ziemlich beste Freunde. Fast 300.000 Deutsche leben und arbeiten dauerhaft auf der Insel - Tendenz steigend. Und Jahr für Jahr schicken bildungsbeflissene Eltern zwischen Flensburg und Garmisch ihre Sprösslinge auf Boarding-Schools und blättern den Internats-Bursars dafür kleine Vermögen hin. Dafür, dass die Pubertierenden fortan Schuluniform tragen. Keine Frage: Großbritannien ist hip und London gilt als eine der coolsten Szenestädte der Welt. Und die Queen? Die war immer schon Sehnsuchtssubjekt der Teutonen.

Großbritannien Queen Elizabeth II. feiert 89. Geburtstag (Foto: REUTERS/Stefan Wermuth)

Die Queen mit Prinz Philip am 13. Juni 2015: Ihrem 89. Geburtstag.

Auch jenseits des Kanals haben es die Germans zu echter Anerkennung gebracht. Boris Becker lieben sie seit seinen Wimbledon-Victories für sein Bumbum-Tennis. Und unter der ordinären Anrede "Big fucking German" huldigen sie inzwischen dem Teutonen Per Mertesacker, dem Abwehrchef bei Arsenal London. "Ihr seid unkompliziert", lobt uns Simon McDonald, Botschafter des Inselreiches in Berlin, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Alles andere als unkompliziert waren die Beziehungen zwischen den entfernten Verwandten nach 1945.

"Don't mention the war!"

War schon der Erste Weltkrieg aus britischer Sicht ein immer währender Stachel im Fleisch der Nation - allein schon wegen der deutschen Senfgas-Angriffe, einem Verstoß gegen das ur-britische Fairness-Gebot - so ruinierten Hitler im allgemeinen und die Bombardements auf Coventry und London im besonderen die verwandtschaftlichen Gefühle restlos. Das britische Volk war noch zwei Jahrzehnte nach dem D-Day deutschlandfeindlicher als jede andere Nation innerhalb der NATO, schrieb der britische Publizist Peregrine Worsthorne. Er brachte es auf den Punkt: "Die Nation kann Fritz einfach nicht ausstehen!"

Richtig ist: Ein halbes Jahrhundert lang galt das Gegenteil von Basil Fawlty's Mahnung aus der Kult-TV-Serie Fawlty Towers: "Don't mention the war", denn jeder redete immer und stets über den Krieg. Und auch die politisch so unkorrekten Scherze hatten bis in die 1990er Jahre noch Konjunktur. Warum stehen Bäume auf den Champs-Elysees? Damit die deutschen Soldaten im Schatten marschieren können!

Vorbei die Zeit. Selbst die berüchtigte Yellow-Press der Insel befolgt zunehmend die Regeln der political correctness. Heute finden uns die Tommys alright. 1965 konnte davon noch keine Rede sein.

Queen Elizabeth II. mit Willy Brandt und Ludwig Erhard (Foto: Reuters)

Ein historischer Gast: Elizabeth II. bei ihrem ersten offiziellen Deutschlandbesuch 1965 in Berlin (links Willy Brandt)

Der Jahrhundertbesuch der Queen 1965

Zwei Jahre Vorarbeit waren nötig für den historischen Besuch, dem ersten seit Edward VII. 1909 auf deutschem Boden. Es gab für beide Seiten knifflige Fragen zu klären. Vor allem die, wie mit der deutschen Verwandtschaft der Windsors, besonders der des Prinzgemahls umzugehen sei. Einige Mitglieder der erweiterten Großfamilie des deutschstämmigen Philip standen dem NS-Regime eindeutig zu nahe. Und der Queen-Gemahl musste sich bei Teilen der britischen Presse regelmäßig den Vorwurf gefallen lassen, "der Sprecher der Deutschen in England" zu sein. Nichts konnten die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg weniger vertragen, als permanent an die verwandtschaftlichen Linien zwischen dem Königshaus und den Deutschen erinnert zu werden.

Queen Porträt (Foto: Arthur Edwards/WPA -Pool/Getty Images)

Wie sie sich selbst sieht: eine ganz normale Frau.

Doch die Queen ließ sich in die emotionalen und politischen Scharmützel nicht verstricken. In elf Tagen bereiste sie das Land von München bis Hamburg, ließ auch West-Berlin nicht aus und ehrte auch kleinere Städte wie Marbach, Kaub oder Soest. Insgesamt 19 Stationen in acht Bundesländern. "Die Deutschen empfinden dies", so der SPD-Abgeordnete Carlo Schmidt in einem Guardian-Interview über die Wirkung des Queen-Besuchs, "als das Ende ihres Status als geächtete Nation."

Unser Neid auf die "gekrönte Republik"

Mohnblumen Ausstellung in London am 16.10.2014 mit der Queen (Foto: Chris Jackson - WPA Pool /Getty Images)

Farblich immer perfekt: Die Queen im Mohnblumen-Meer

Und auch bei allen weiteren offiziellen Staatsbesuchen (1978, 1992, 2004) vermochte es Elizabeth, die Massen zu begeistern und die sensible politische Gemengelage zu beruhigen. Sie "sendet" und wirkt auf einer anderen Ebene. Auf der tagespolitischen Bühne mag es zwischen London und Berlin - früher Bonn - hart zugehen. Die Königin, die am 10. September zur dienstältesten britischen Monarchin aufsteigen und dann die große Victoria (1837 - 1901) ablösen wird, hat stets die Balance gewahrt. Ob Margaret Thatcher die EU mit provokanten Forderungen quälte ("I want my money back"), ob das britische Pfund aus dem Währungsverbund der Europäer ausscherte oder Prime Minister David Cameron mit EU-Austritt drohte: Immer blieb Elizabeth unbelastet von Blessuren im europäischen Mächtegerangel.

Sie war und ist das, was sie von Anbeginn ihrer Regentschaft für die Deutschen war: einfach faszinierend. Der Daily Mirror brachte es 1965 zweisprachig(!) zum ersten Staatsbesuch in Deutschland auf die Formel: "It's the Queen – wunderbar!" Kein Wunder, dass wir klammheimlich etwas neidisch sind auf die britischen Verwandten, die es in den Worten George Orwells zu einer "gekrönten Republik" gebracht haben.

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