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Filme

Wie vor 20 Jahren

Gibt's denn nix Neues mehr oder warum jagt ein Retrotrend den nächsten? Der junge deutsche Film "Verschwende Deine Jugend" bringt die frühen 1980er Jahre in die Kinos und bleibt dabei angenehm eigenständig.

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Jungmanager Harry und Sängerin Melitta gönnen sich eine Pause

Das 80er-Revival blüht und gedeiht - wenn auch mit teilweise seltsamen Auswüchsen. So wirbt Nena als gealtertes Fräuleinwunder der Neuen Deutschen Welle neuerdings für Waschmittel und Billigschuhe. Aber das berührt die Retro-Gänger nur peripher. Wieder stilprägend sind ihre alten Songs, neu aufgelegt oder auch im Duett mit anderen Ikonen der Vergangenheit (Kim Wilde) vorgetragen.

Kollektives Nachholen

Das letzte Jahrzehnt des Kalten Kriegs scheint Potenzial zu haben. Träger des Revivals sind die Twentysomethings, die etwas nachholen wollen. "Der Retrotrend lebt von denen, die noch bruchstückhafte Erinnerungen an die 80er haben und diese Lebensgefühl jetzt nachholen wollen", erklärt Birgit Gebhardt vom Trendbüro Hamburg im Gespräch mit DW-WORLD. In der Jugendkultur waren die 80er das Jahrzehnt des Individualismus - dies macht den Erfolg des Vergangenen aus. Es gab nicht mehr nur den einen Trend, sondern Popper und Waver und Punker und andere. "Die Stilwelt differenzierte sich", sagt die Trendforscherin.

Und was ist mit Tschernobyl, den Anti-Raketen-Demos und der No-Future-Attitüde? "An den 80ern interessiert nur die coole und eingängige Oberfläche, nicht der Inhalt, weil der überholt ist. Politischer Protest zeigt sich heute anders, in der Antiglobalisierungsdebatte zum Beispiel. An die Macht von Protestdemos glaubt keiner mehr." Das 80er-Revival lasse sich auch in anderen Ländern beobachten, wie in Frankreich zum Beispiel. Die Neue Deutsche Welle war und ist dabei ein Konsens schaffender Exportschlager.

Musikfilm für die Jugendkultur

Verschwende Deine Jugend Tom Schilling, Jessica Schwarz und Robert Stadlober

Die drei Hauptdarsteller aus "Verschwende Deine Jugend": Robert Stadlober, rechts, Jessica Schwarz, Mitte, und Tom Schilling, links

Mit "Verschwende deine Jugend" ist die neue alte Jugendkultur nun auch im Mainstream tauglichen deutschen Kino angekommen. Die Geschichte spielt 1980 in München. Banklehrling Harry (Tom Schilling) will Musikmanager werden und hat sich dafür die "neue, schnelle deutsche Musik" ausgesucht – das was man später Neue Deutsche Welle nennen wird. Seine Freunde Vince (Robert Stadlober) und Melitta (Jessica Schwarz) schlagen sich als Band "Apollo Schwabing" durchs Nachtleben und experimentieren mit allem, was technisch, hart und doch poetisch klingt. Jeder kann Musik machen, auch wenn es mit Kinderspielzeug ist, erklärt Harry im Film. DAF, die Deutsch-Amerikanische Freundschaft, ist ihr großes Vorbild und soll den Schwabingern zum Durchbruch verhelfen. Harry plant dafür ein gemeinsames Konzert im Zirkuszelt.

Doch bis es dazu kommt, muss er jede Menge Mutproben bestehen. Er verschuldet sich bis über beide Ohren, raubt seine eigene Bank aus, legt sich mit ausgefuchsten Managern an und setzt seine Freundschaften aufs Spiel. Zum Glück gibt’s ein Happyend.

Die Geschichte wird angenehm glaubhaft erzählt, dokumentiert auch Probleme von nebenan und lädt damit auf unaufdringliche Weise zum individuellen Revival der 80er ein. Tom Schilling spielt Harry wirklich überzeugend: Einen Milchbubi, der ins kalte Wasser geschmissen wird und sich mit Angsttränen in den Augen dennoch durchboxt – fast ein Lehrbeispiel für Jungmanager. Dieser Feuerprobe verdankt der Film seine komischsten Momente.

Eine Geschichte über Geschichte

Der Retro-Trend lebt vom Verschönern der Vergangenheit. Dieser Methode hat sich Regisseur Benjamin Quabeck nur in geringen Dosen bedient. Seine Figuren haben Pickel, glänzende Haut und tragen zwar typische aber nicht stilisierte Anziehsachen. Es regnet viel, die Häuserwände sind grau, die Wohnungen düster, die Handys koffergroß. So richtig einladend ist das alles nicht. Tatsächliche Geschichte spielt keine Rolle. Als Harry nach dem Nato-Doppelbeschluss gefragt wird, sagt er, der müsse wohl gut sein, wenn sie ihn gleich doppelt beschlossen haben.

Der Film lebt von der gut erzählten Geschichte und der Musik als dem eigentlichen Revival-Träger. Insofern passt "Verschwende Deine Jugend" in den Retro-Trend - auch der Titel ist letztlich von einem DAF-Song "geklaut" – schwimmt aber nicht nur einfach auf der großen Retro-Welle mit, die über uns zusammenschlagen will.

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