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Politik

Wie viel Sicherheit brauchen Unternehmen im Ausland?

Nach der Entführung zweier deutscher Ingenieure der Firma Cryotec im Irak, gibt es Kritik an der Firmenleitung. Es sei unverantwortlich gewesen, die Mitarbeiter in den Irak zu schicken.

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Gefährliches Pflaster Irak

Das Schicksal der beiden im Irak entführten Ingenieure bleibt weiter im Dunkeln. Die Sorge wächst bei den Angehörigen und Mitarbeitern der Firma Cryotec aus Bennewitz bei Leipzig, je länger die Ungewissheit dauert. Die Anteilnahme in der Bevölkerung ist groß. In der Leipziger Nikolaikirche soll bei den Gottesdiensten am Sonntag für die beiden verschleppten Sachsen gebetet werden.

Gleichzeitig gibt es zunehmend Kritik am Firmenchef der betroffenen Firma Cryotek, Peter Bienert. "Es liegt eine hohe Verantwortung bei denen, die diese zwei Techniker da hingeschickt haben und sie ohne Schutz dort haben arbeiten lassen", sagte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler in einem Interview. Auch der frühere Geheimdienstkoordinator und heutige CDU-Bundestagsabgeord­nete Bernd Schmidbauer erhebt schwere Vorwürfe gegen die Firmenleitung. "Hier kann auch das beste Geschäft nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mitarbeiter in eine riesige Gefahr geschickt wurden", sagte der Politiker in einem Interview von DW-TV.

Warnung vor "übereilter Diskussion"

Die Firma hält sich derzeit mit öffentlichen Äußerungen zurück, In einer Erklärung bat Bienert um Verständnis dafür, dass die Firma keine Informationen an die Öffentlichkeit geben werde, die die Arbeit des Krisenstabs gefährden könnten. Die Männer seien nach Angaben des Unternehmens in den Irak gereist, um eine Anlage zur Erzeugung von Stickstoff als Schutzgas für chemische Prozesse zu übergeben.

Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) dagegen warnt vor einer übereilten Diskussion über die Verantwortung der Firma Cryotec an der Entführung ihrer beiden Mitarbeiter im Irak gewarnt. "Es ist der falsche Zeitpunkt, jetzt solche Fragen aufzuwerfen", sagte Milbradt am Donnerstag in Dresden. Die Sicherheit der verschleppten Ingenieure dürfe nicht gefährdet werden.

Langjährige Erfahrung hilft nicht immer

Dennoch steht die Frage im Raum, nach welchen Kriterien Unternehmen entscheiden, ob sie Mitarbeiter in ein Hochrisiko-Land wie dem Irak schicken. Fest steht, dass die Firma schon lange vor dem Sturz von Saddam Hussein im Irak aktiv war und sehr gute Kontakte zu den Menschen vor Ort hatte. Cryotec Anlagenbau GmbH ist mit 15 Mitarbeitern weltweit tätig und hat sich seit dem Jahr 2000 an Ausschreibungen im Rahmen des UN-Programms "Öl für Lebensmittel" beteiligt. Zwei Projekte seien 2004 nach dem Ende des Irak-Krieges abgeschlossen worden. Eine weitere Anlage zur Erzeugung von medizinischem Sauerstoff sei Anfang 2005 an ein Krankenhaus im Irak geliefert worden.

Die beiden entsandten Ingenieure hatten Vertrauen zu ihrem Chef, einer davon, der 31-jährige René Bräunlich, war außerdem nicht zum ersten Mal im Irak und war schon auf Montage in anderen gefährlichen Ländern wie Sudan. Nach Ansicht von Helmut Harff, Geschäftsführer des Ausschusses für Sicherheitsfragen beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), hat das Unternehmen keinen Fehler gemacht. Er weist gegenüber DW-WORLD die Kritik an Cryotec als "unfundierte Meinungsäußerungen" zurück. Es liege letztendlich im Ermessen des Unternehmens, ob Mitarbeiter entsandt werden oder nicht. Auch wenn sich der BDI sich an die Reise-Emüfehlungen des Auswärtigen Amtes halte: "Reisewarnungen sind kein Gesetz", so Harff.

Große Unternehmen mit eigenen Sicherheitskonzepten

Dagegen spricht sich Berthold Stoppelkamp, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW), grundsätzlich dafür aus, derzeit keine Deutschen in den Irak zu entsenden. "Wie sich zu diesem Zeitpunkt die Situation darstellt, war es nicht verantwortlich, die Mitarbeiter dorthin zu senden. Wenn die auf Begleitschutz verzichtet haben, ist das keine Art und Weise der Fürsorge, wie sie normalerweise notwendig wäre", sagt Stoppelkamp zu DW-WORLD. Für ein abschließendes Urteil will er jedoch weitere Informationen abwarten.

Die ASW appelliert vor allem an kleine und mittelständische Unternehmen, Sicherheitsfragen bei Auslandseinsätzen mehr zu berücksichtigen. "Unserer Erfahrung nach haben die vielfach überhaupt keine Sicherheitskonzepte haben“. Es komme immer wie­der vor, dass wirtschaftliche Argumente dem Schutz der Mitarbeiter vorgezo­gen würden, erklärt der Sicherheitsexperte. Es werde „gewöhnlich aber niemand gezwun­gen, in eine gefährliche Region zu gehen“, so Stoppelkamp. Ob auch das betroffene Unternehmen Cryotec einen Fehler bei der Abwägung des Risikos für die Mitarbeiter gemacht haben, dazu wollte er sich jedoch nicht äußern.

Grundsätzlich gelte aber, dass große Unterneh­men in der Regel die Sicherheit ihrer Mitarbeiter ausreichend berücksichtigten. "Die betreiben oft spezielle Sicherheitsabteilungen, die eine Gefahreneinschät­zung der Region vornehmen, in die Mitarbeiter geschickt werden sollen“, so Stoppelkamp. Mitarbeiter würden in mehrtägigen Schu­lungen von externen Sicherheitsberatern, Verhaltenstrainern und Psychologen auf die Einsätze im Ausland vorbereitet.

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