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Asien

Wie Tokio mit der Atom-Katastrophe lebt

Die atomare Bedrohung wird für Tokio immer größer. Mehr und mehr Menschen verlassen die Millionen-Metropole. Alexander Freund, der Japan-Experte der Deutschen Welle, analysiert im Gespräch die Lage in der Hauptstadt.

Passagiere, die am Flughagen von Tokio auf ihre Ausreise warten (Foto: EPA/STR)

Warten auf die Ausreise

DW-WORLD.DE : In Tokio ist bereits radioaktive Strahlung gemessen worden. Die Bedrohungslage wird also immer konkreter. Noch gibt es keine Panik in der Stadt, aber vielleicht ist es nur die Ruhe vor dem Sturm? Wie schätzen Sie die Lage ein?

Alexander Freund: Ich glaube, es wird sehr, sehr lange dauern, bis in Tokio wirklich Panik ausbricht. Es ist ein Abwarten, es ist ein gebanntes Schauen auf den Wetterbericht. Solange wir Wind haben, der die nukleare Wolke raus auf das Meer treibt, wird es wahrscheinlich keine große Fluchtbewegung in Tokio geben. Aber es ist einfach ein banges Warten. Die Menschen warten ab, sie präparieren sich. Sie horten Lebensmittel, kleben die Fenster ab, lassen die Badewanne volllaufen. Sie sammeln so viel Wasser, wie es nur irgendwie geht. Laden alles auf, was es gibt. Einfach, um sich zu rüsten, um dann im Falle des Falles auch wirklich mal ein paar Tage im Haus verbringen zu können.

Sollte es dennoch zu einer Panik kommen, gäbe es überhaupt eine Chance die Bevölkerung einigermaßen geordnet zu evakuieren? Oder wäre das trotz der großen Disziplin der Japaner, allein wegen der Masse der Menschen, nicht zu gewährleisten?

Portrait von Alexander Freund, Redaktionsleiter Team International (Foto: DW)

Alexander Freund

Ich glaube, da würde jede Volkswirtschaft dieser Welt sehr schnell an die Grenze ihrer Möglichkeiten stoßen. Wenn man sich die japanischen Bedingungen einfach mal anschaut: eigentlich kann Tokio gar nicht funktionieren. Wenn man sich diesen eng besiedelten Ballungsraum vor Augen führt, wo 35 bis 40 Millionen Menschen zusammenleben, da ist es jeden Morgen und jeden Abend eine unglaubliche logistische Herausforderung, wie sich da Menschenströme in Bewegung setzen. Da sind Verkehrsknotenpunkte, wo wirklich morgens fünf, sechs bis zehn Millionen Menschen hin und her bewegt werden. Das funktioniert natürlich nur so lang, wie alles eben seinen gewohnten Weg geht. Wenn aber jetzt der Strom abgeschaltet wird, dann wird es alles natürlich sehr, sehr problematisch. Denn es gibt zum Beispiel nur eine Hauptverkehrszuglinie nach Süden. Und es gibt nur wenige Ausfallautobahnen Richtung Südwesten. Das heißt, die Stadt würde sehr, sehr schnell an die Grenzen kommen. Hinzu kommt natürlich, dass viele Tokioter kein Auto haben, denn in solch einer Metropole lohnt es sich einfach nicht, ein Auto zu haben. Wenn es jetzt schlimm würde, können sie sich nicht einfach in Bewegung setzen, sondern wären auf die begrenzten öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.

In Tokio sind ja auch viele Ausländer, entweder zu Besuch oder weil sie dort leben. Wenn die internationalen Fluggesellschaften nun in kürzester Zeit möglichst viele Passagiere ausfliegen müssen, könnte das allein über den Flughafen von Tokio überhaupt abgewickelt werden?

Ich glaube, auch das ist sehr, sehr schwierig. Es gibt zwei zentrale Flughäfen in Tokio: den innerstädtischen, "Haneda" und einen weit außerhalb liegenden - "Narita". Narita ist sozusagen der Hauptverkehrsflughafen. Schon jetzt hören wir, dass an den Flughäfen die Tickets extrem teuer geworden sind. Einige Fluggesellschaften verlangen mittlerweile fast schon das Doppelte für diese Tickets. Die Flughäfen sind nicht dazu ausgerichtet, um irgendwie Hunderttausende oder gar Millionen abzufertigen.

Herr Freund, die Japaner haben leidvolle Erfahrungen mit Tsunamis und anderen Katastrophen erlebt. Inwieweit ist Tokio selbst auf eine Katastrophe diesen Ausmaßes vorbereitet gewesen? Und hat es früher Katastrophenübungen gegeben, die dieser extremen Lage auch nur im Ansatz gerecht geworden sind?

Ich glaube, dass wir in Tokio jetzt bei den starken Auswirkungen des Erdbebens keine Opfer zu beklagen haben. Das hängt damit zusammen, dass diese Stadt seit dem verheerenden Erdbeben 1923 wirklich schrittweise auf erdbebensicher ausgerichtet wurde. Das heißt, alle großen Gebäude sind erdbebensicher gebaut. Natürlich halten die auch irgendwann den großen Belastungen nicht mehr stand. Aber es gibt eben Evakuierungspläne. Es gibt sehr breite Schneisen die verhindern, dass wieder ein Flächenbrand entsteht, der dann nach dem Erdbeben verheerende Folgen hätte. Aber ich glaube, dass jede Metropole dieser Welt einfach irgendwann an die Kapazitätsgrenze stößt.

Über 35 Millionen Menschen leben im Großraum Tokio. Wie muss man sich das Leben in so einer Megacity vorstellen?

Frau mit Atemschutzmaske in Tokio (Foto:Eugene Hoshiko/AP/dapd)

Ausreichender Schutz?

Diese Megacity ist geprägt von einer unglaublichen Geschäftigkeit. Das geht vom frühen Morgen bis zum frühen Nachmittag, wo einfach unheimlich viele Menschen aus den Schlafstätten morgens in die Stadt reinkommen und am Nachmittag oder am frühen Abend wieder zurückfahren. Das alles spielt sich in sehr vielen unterschiedlichen Stadtzentren ab, in dieser dezentralisierten Stadt. Funktionieren kann das alles nur durch diesen extrem eng getakteten, bestens funktionierenden öffentlichen Nahverkehr.

Wenn jetzt da die Kette reißt, dann haben wir ein großes Problem. Denn so gut die japanischen Organisationspläne auch sind, improvisieren können die Japaner leider nicht so gut. Da stoßen sie sehr schnell an ihre Grenzen.

Wie sehr ist denn Japan von seiner Hauptstadt Tokio abhängig? Sowohl wirtschaftlich wie auch kulturell?

Tokio ist natürlich in jederlei Hinsicht, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich und kulturell, das absolute Zentrum von Japan. Die Japaner haben ja einige Erfahrungen gemacht. Sie haben immer mal wieder ihre Hauptstadt verlagert. Früher war auch mal Kyoto lange Zeit Hauptstadt; Nara war mal Hauptstadt. Und dann wurde sie irgendwann nach Osten einfach verlegt. Tokio heißt nichts anderes als östliche Hauptstadt. Weil früher halt das Zentrum in der Gegend rund um Osaka war. Man muss jetzt nicht spekulieren. Es wird Tokio nicht so schlimm treffen, dass diese Stadt irgendwie unbewohnbar wäre oder, dass man sich ernsthaft um den Fortbestand von Tokio Sorgen macht. Es gibt keine Alternative zu Tokio.

Das Gespräch führte Ralf Bosen

Redaktion: Conny Paul

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