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Kultur

Japan und die Katastrophe

Alptraum in Japan, apokalyptische Szenen im Fernsehen. Die Menschen reagieren äußerlich gelassen. Ein Gespräch mit dem Japan-Experten der Deutschen Welle Alexander Freund.

Fukushima Dai-ichi nuclear power plant is pictured before helicopters dump water on the stricken reactor to cool overheated fuel rods inside the core Thursday morning, March 17, 2011. (AP Photo/Kyodo News) JAPAN OUT, MANDATORY CREDIT, NO LICENSING IN CHINA, HONG KONG, JAPAN, SOUTH KOREA AND FRANCE

Fukushima

Deutsche Welle: Eine deutsche Zeitung hat in diesen Tagen geschrieben: "In Japan sorgt man sich im Stillen." Ist das ein Klischee aus westlicher Sicht oder ist daran auch etwas Wahres?

Alexander Freund: Ich glaube schon, dass daran etwas Wahres ist. Man hat einfach nicht so einen expressiven Umgang mit Gefühlen. Ich glaube, wir haben ein interkulturelles Kommunikationsproblem, weil wir es einfach nicht verstehen, wenn da Menschen die Hand vor den kichernden Mund halten und erzählen: "Gerade ist mein Haus weggerissen worden." oder "Ich suche meine Tochter." Man geht in Japan mit tiefen Gefühlen – vor allem mit negativen Gefühlen, wie Schmerz, Leid anders um. Man will sie nicht mit Anderen teilen. Solche Gefühle werden gegenüber den Partnern, den Eltern ausgedrückt, aber nicht einer breiten Öffentlichkeit gegenüber. Man will den Anderen auch nicht mit den eigenen Problemen belasten. Was verwundern kann, ist, dass Japan eine Art 'Konsensgesellschaft' ist. Dieses stetige freundliche Nicken, das mit der Erwartung einhergeht, dass das Gegenüber Verständnis hat.

Wird denn diese Form von Gelassenheit, oder auch das Verbergen von Gefühlen in der Öffentlichkeit von klein auf gelernt?

Ja, es ist ein ganz anderer Zugang. Wir sind ja gewöhnt, dass wir unserem Unmut mal Luft verschaffen können. Dass man Konflikte offen austrägt, dass man laut wird. Japan, ein Land, das immer schon so dicht besiedelt war, hat ein System der Abschottung entwickelt. Früher gab es ja nur diese Papiertrennwände, die 'Shoji'. Man kriegte natürlich die Gespräche, die Streitereien des Nachbarn mit. Aber man hat sich nicht darum gekümmert. Generell interessiert man sich zwar schon für die Belange des Nachbarn, aber man mischt sich nicht ein. Auch mit Kindern herrscht ein ganz anderer Umgang: Lautstarke kleine Prinzen werden von ihren Eltern eher ignoriert. Auch wenn sie weiter rumschreien, sie werden ignoriert. Und so sollen die Kinder merken, dass sie mit ihrer Ausfälligkeit nicht viel erreichen. Erst wenn sie bemerken, dass sie keine Aufmerksamkeit kriegen, werden sie ruhiger. Dann reden die Eltern wieder mit ihnen und auf einmal merken sie: 'Aha – so scheint die Kommunikation irgendwie besser zu klappen.'

Man sieht in diesen Tagen aber auch sehr viele alte Menschen. Haben diese alten Leute vor dem Hintergrund der historischen Katastrophen, Hiroshima, Nagasaki, die Erdbeben in den späteren Jahren eine besondere Form von Leidensfähigkeit entwickelt?

Ich glaube, Japan ist wirklich ein Leid geprüftes Land. Das ist nicht nur kriegsbedingt. Es ist natürlich auch das ständige Bewusstsein gewesen, das einzige Land der Welt zu sein, dass Atombombenopfer zu beklagen hat. Und der Umgang mit belebter Natur ist ein anderer. Japan ist ein Land, das auf einem Feuerring liegt. Man tanzt seit Jahrhunderten auf dem Vulkan. Es ist ein Land, in dem es überall Vulkane gibt. Regelmäßig gibt es Tsunamis und auch entsetzliche Taifune, die über das Land fegen. All das ist tief in dem Bewusstsein der Japaner verankert. Es gibt neben dem Buddhismus in Japan auch den Shintoismus. In den Vorstellungen dieser Religion der belebten Natur haben alle Dinge eine Seele. Das mögen auch die jungen Harajuku-Girls verinnerlicht haben. Es ist ein anderer Zugang, ein anderes Leben mit der Natur.

Vor diesem Hintergrund: Glauben Sie die japanische Gesellschaft wird den Wiederaufbau, den Neuanfang nach dieser Katastrophe bewältigen?

Es ist, glaube ich, ein anderes Verständnis von Gemeinschaft und nationaler Verantwortung. Da spielen alle mit und das hat man auch in der Vergangenheit selbst bei Kleinigkeiten gesehen. Wenn zum Beispiel ein Taifun über den Norden rast und auf einmal die Apfelernte zerstört ist, dann schwenkt ganz Japan um und im Fernsehen kommen Rezepte wie man Apfelsaft herstellt. Alles spielt sich darauf ein und die Leute kaufen auch Äpfel. Sie sind dann auf einmal billig. Aber so bewältigt man nationale Missstände und gerade auch nationale Katastrophen gemeinsam. Ohne dass sich da Leute sonderlich profilieren müssen, die Entscheidung wird gemeinschaftlich getroffen. Es dauert länger, bis die Gemeinschaft die Entscheidung getroffen hat. Aber wenn man dann die Entscheidung hat, dann hat man auch keine Widerstände sie durchzusetzen, weil sie eben gemeinschaftlich getroffen worden ist.

Das Gespräch führte Cornelia Rabitz