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Sport

Wie sicher wird Olympia?

Kurz vor den Olympischen Spielen geht die Sorge um die Sicherheit um. Trotz vieler Zwischenfälle: Der Sicherheitschef des Bundesstaats Rio de Janeiro gibt sich kämpferisch. Aus Rio DW-Reporter Friedel Taube.

Der Rundbau mit der riesigen Glasfassade wirkt imposant. Hier, direkt um die Ecke des weltberühmten Sambodroms in Rio de Janeiro, schlägt das "Herz" des Sicherheitsapparats für die Olympischen Spiele. So zumindest drückt es der Hausherr aus, Jose Mariano Beltrame. Als Sicherheitssekretär ist er zuständig für das CICC, das "Kontroll- und Kommandozentrum" des Bundesstaates Rio de Janeiro.

Beltrame ist auf Großereignisse spezialisiert. Den Papstbesuch 2013, die Fußball-WM 2014 - das alles hat er gemeistert, und den Stolz darauf merkt man ihm an. Außerdem hat sich der gelernte Polizist einen Namen gemacht, indem er mit Hilfe einer "Befriedenden Polizeieinheit" (UPP) die herrschenden Drogengangs aus vielen Favelas der Stadt verdrängt hat. Vor der Mammutaufgabe Olympia hat aber auch der Sicherheitschef großen Respekt.

Islamistischer Anschlag in Rio?

"Der Terrorismus ist unsere größte Herausforderung", sagt Beltrame und betont, dass dies ganz unabhängig sei von den Anschlägen, die zahlreiche europäische Städte zuletzt erschüttert hätten. "Seit 2007 schon war uns das klar, also, als wir hier angefangen haben zu arbeiten."

85.000 Polizisten und Soldaten werden für Olympia abgestellt - doppelt so viele wie 2012 in London. Es ist das größte Sicherheitsaufgebot in der Geschichte Brasiliens. Am Donnerstag nahmen die Sicherheitsbehörden

zehn Terrorverdächtige

fest. Auf Anschläge - auch solche mit islamistischem Hintergrund - bereiten sich die Verantwortlichen seit Monaten vor. "Unser Geheimdienst in der Hauptstadt Brasilia erstellt laufend so genannte Gefahren-Maps, die Verdachtsmomente aufzeigen. Die werden uns alle 15 Tage zugesandt."

Portraitfoto Jose Mariano Beltrame; Foto: AP Photo/Eraldo Peres

Beltrame: "Ich habe Hoffnung für Rio"

Stadien, Flughäfen, Metrostationen - die neuralgischen Punkte, die die Terroristen bei den Anschlägen in Paris und Brüssel ins Visier genommen hatten, sollen in Rio mit einem "Gürtelsystem" von Beamten gesichert werden."Wir dürfen nicht zulassen, dass ein Terrorist überhaupt bis zur Metro durchkommt", sagt Beltrame, der aber gleichzeitig klar macht, keine Garantien abgeben zu können - gerade, wenn man es mit Einzeltätern zu tun habe. Die ohnehin hohen Sicherheitsstandards wurden nach dem

Anschlag von Nizza am 14. Juli

nochmals erhöht: So sollen noch rigidere Personenkontrollen stattfinden. Von Montag, den 18. Juli an, wurden zudem auch auf Inlandsflügen die gleichen Sicherheitsstandards eingeführt, die auf internationalen Flügen gelten. Mit den französischen Behörden steht man im Erfahrungsaustausch, zumal Frankreichs Geheimdienst Hinweise erhalten hat, dass das heimische Olympiateam Ziel eines Anschlags werden könnte.

Überfälle und Gewalt an der Tagesordnung

2009 bekam Rio den Zuschlag für Olympia. Die Sicherheitslage in Stadt und Bundesstaat könnte wenige Tage vor Beginn der Spiele aber kaum prekärer sein. Die Liste des Grauens ist lang: Die australische Paralympin Liesl Tesch wurde Ende Juni mit vorgehaltener Waffe in Rio überfallen. Bereits Ende Mai traf es Fernando Echevarri, Segel-Olympiasieger 2008, auch auf offener Straße. Im Juli wurde ein Transporter des deutschen Fernsehens ARD überfallen und gestohlen, Technik im Wert von 400.000 Euro war weg. Und aus einem Militärkrankenhaus mitten im Zentrum von Rio befreiten 20 Mitglieder einer Drogengang vor wenigen Wochen ihren Boss "Fat Family", einen der berüchtigten Gangster Brasiliens. Zwei Menschen kamen ums Leben.

Protest von Polizei und Feuerwehr, Foto: Reuters

"Welcome to hell": Am 4. Juli protestierten Polizisten und Feuerwehrleute gegen die Unterfinanzierung ihrer Einheiten

"Willkommen in der Hölle" - mit diesem Transparent begrüßten im Juli protestierende Polizisten und Feuerwehrleute die Ankommenden am Flughafen in Rio. Und tatsächlich: Nicht wenige Athleten machen sich ernsthaft Sorgen und kündigen, wie der deutsche Golfer Martin Kaymer, schon mal vorab an, das Olympische Dorf nicht verlassen zu wollen.

Klare Vorgaben durch das IOC

"Ich habe Hoffnung für Rio", sagt Jose Beltrame fast schon kämpferisch. Auch, wenn er sein angedachtes Sicherheitskonzept nicht zu 100 Prozent realisieren kann, denn das Internationale Olympische Komitee hat seine eigenen Vorstellungen. "Sie wollen keine Sicherheitsleute in Uniform in den Stadien haben", erklärt er, "sie befürchten, dass das Zuschauer und Athleten irgendwie beeinträchtigen könnte." Eine von ihm ins Leben gerufene militärische Truppe, die regelmäßig Fußballspiele im Maracana absichert, kann deshalb bei der Eröffnungsfeier an gleicher Stelle nicht eingesetzt werden. "Das IOC will einige Sachen, die etwas kompliziert sind", sagt Beltrame diplomatisch, "aber das Komitee darf verlangen, was es will, denen muss ich gehorchen."

Brasilien: Hauptgebäude CICC - Kommandozentrale Sicherheit in Rio de Janeiro, Foto: DW

Die Zentrale des Kontroll- und Kommandozentrums CICC in Rio de Janeiro

Im Keller des Sicherheitszentrums bietet sich dem Besucher ein Bild wie in der NASA-Zentrale: Lange Reihen von Tischen und Arbeitsplätzen, vor ihnen eine riesengroße Wand aus Dutzenden Monitoren, auf denen die Karte von Rio de Janeiro leuchtet und aufzeigt, wo gerade Gefahr droht. Hunderte Beamte im ganzen Haus telefonieren so eifrig, als sei schon jetzt Olympia. Ein gigantischer Apparat. Rund 600 Millionen Euro lässt Rio sich das olympische Sicherheitskonzept offiziell kosten, und das, obwohl der

Bundesstaat praktisch pleite ist

und auf finanzielle Unterstützung aus der Hauptstadt hofft.

Eine "neue Polizei-Kultur"

Beltrame setzt darauf, dass sein Sicherheitskonzept - gerade, was die Befriedung der Favelas angeht - als eines der nachhaltigen Olympiaprojekte anerkannt wird. "Wir haben die Chance zu zeigen, dass wir nicht nur die gewalttätige Stadt sind, als die uns die Welt kennt". Zu dem negativen Bild tragen allerdings auch die Polizisten selbst bei - fast täglich kommen in Rio Menschen durch Polizeigewalt ums Leben. Die "Friedenssoldaten" in den Favelas träten wie Besatzer auf, sagen Kritiker. Das soll sich ändern - durch "neue Ausbildungsbestandteile", wie Beltrame sagt. Soziologie und Menschenrechte sollen dann auf dem Stundenplan stehen. "Wir müssen die Polizei-Kultur ändern", so der 59-jährige Staatssekretär.

Persönlich wird sich Beltrame Olympia nicht anschauen - die Pflicht ruft. Im CICC hat er sogar ein Schlafzimmer. Während der Fußball-WM habe er das Kontrollzentrum gar nicht verlassen, sagt er. Und so wird er auch während Olympia hier bleiben - im "Herz" der olympischen Sicherheit.

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