1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Digitales Leben

Wie sich Frauen gegen Hassrede im Netz stellen

Frauen, die Online ihre Meinung äußern, sind besonders betroffen: von Beleidigungen, Vergewaltigungs- und Todesdrohungen. Nach dem Facebook-Urteil fordern Experten jetzt erst recht Regeln im Umgang mit Hasskommentaren.

Schreibwettbewerb der Organisation LizzyNet #Netzheldin (Antonioguillem/fotolia.de)

LizzyNet engagiert sich gegen Online-Hasskommentare und veranstaltete 2016 einen Schreibwettbewerb zu dem Thema unter dem Titel #Netzheldin

Hasskommentare im Internet haben konstant zugenommen: Laut aktueller Studien sind vor allem Frauen und Mädchen von Hass und Gewaltandrohnungen im Netz betroffen. Zwar ist das Bewusstsein für die zerstörerische Dimension von Hasskommentaren mittlerweile gestiegen, aber an geeigneten Strategien, ihnen zu begegnen oder sie zu unterbinden, mangelt es. Dabei geht es nicht um Lappalien: Neben Beleidigungen und Beschimpfungen kommt es auch zu krassen Auswüchsen wie Todesdrohungen oder "Doxing", dem Zusammentragen und Veröffentlichen personenbezogener privater Daten im Internet - mit der Absicht, der Person damit zu schaden. Frauen sind dem überproportional häufig ausgesetzt: In einer australischen Umfrage von 2016 berichteten fast die Hälfte der befragten 1000 Frauen von Belästigung. Bei den unter 30-Jährigen stieg der Anteil auf 76%. Bei einer ähnlich ausgelegten globalen Studie von der Organisation "No Hate Speech Movement" bekundeten 83% der 6601 Befragten, dass sie Online-Hasskommentaren ausgesetzt gewesen seien. 

Mit Drohungen zum Schweigen gebracht

"Cybergewalt stellt eine echte Bedrohung für die physische und psychische Gesundheit dar", stellte Barbara Steffens, Gesundheitsministerin von Nordrhein-Westfalen, in ihrer Eröffnungsrede bei einer Konferenz zum Thema vergangenes Jahr fest. "Wir brauchen dringend eine gesellschaftliche Debatte über Sexismus und Hate-Speech gegen Frauen im Netz."

Barbara Steffens (picture alliance/dpa/M. Hitij)

Barbara Steffens, Gesundheitsministerin von Nordrhein-Westfalen

Die Debatte hat letztes Jahr an Fahrt aufgenommen, als einige prominente Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen und Feministinnen wegen Androhung von Gewalt dem Netz den Rücken kehrten. Online-Beleidigungen sind nicht neu, sagt Bloggerin und Webseiten-Gründerin Jessica Valenti von"feministing.org". Aber sie seien heute stärker verbreitet und heftiger als früher. Sie selbst wurde 2006 Opfer von Attacken, nachdem sie ein Foto von sich und dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton gepostet hatte. Sie zog die Reißleine, als sie Vergewaltigungsdrohungen bekam, die sich an ihre 5-jährige Tochter richteten, und nahm sich im Juli 2016 eine Auszeit von allen Social-Media-Kanälen.

Kurz zuvor hatte auch die Komikerin und Schauspielerin Leslie Jones mit einer gegen sie gerichteten rassistischen Hasskampagne zu kämpfen, nachdem sie in der Neuverfilmung des Kultstreifens "Ghostbusters" zu sehen war, in dem Frauen die Hauptrollen übernahmen. Viele Fans störten sich an der weiblichen Besetzung und ließen sich im Netz lauthals darüber aus.

Die Wiener Journalistin Ingrid Brodnig hat sich dem Thema in ihrem neuen Werk "Hass im Netz" gewidmet, das am 25. April erscheint. Darin analysiert sie, wie Hass-Postings die Diskussionskultur im Internet prägen, wer davon getroffen wird und welche Strategien man dagegen einsetzen kann. "Es wäre falsch zu sagen, dass nur Frauen oder einzelne Gruppen Wut im Web erleben. Alle Geschlechter sind von Online-Anfeindungen betroffen, nur ist der Hass gegenüber Frauen oft sexualisierter", so Brodnig im Interview mit der Webseite "Trending Topics". "Bei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, geht es selten darum, ob ihre Aussage klug war oder nicht, es heißt schnell: Du dumme Fotze, du hast dich bloß hochgeschlafen. Das reicht bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen. Das heißt: Frauen erleben oft Hass, der sehr persönlich ist. Das ist eine Taktik, um sie zum Schweigen zu bringen."

Unter Männern

Ulrike Schmidt (Alexander Quaet-Faslem)

Ulrike Schmidt gründete LizzyNet 2000, um mehr Frauen für das Internet zu begeistern

"Es ist nicht so, dass Männer die Frauen nicht im Netz haben wollen", sagt Ulrike Schmidt, Gründerin der Online-Community LizzyNet: "Sie wollen aber, dass Frauen in den traditionell weiblich besetzten Bereichen bleiben: Fashion, Stars und Lifestyle, das ist okay. Wenn sie sich aber mit Politik beschäftigen oder mit Gaming, dann hagelt es Hasskommentare."

Das konnte schon beim sogenannten "Gamergate" 2014 beobachtet werden, als mehrere Frauen in der Gamer Community solch realistische Todesdrohungen erhielten, dass eine sogar den Wohnort wechselte. Eine andere, Zoë Quinn, erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen ihren Ex-Freund, der eine monatelange Online-Verleumdungsaktion gegen sie führte. "Das sind keine einfachen Störenfriede", sagte Quinn 2015 im Interview mit dem "Boston Magazine": "Da geht es nicht um einfache Schikane, für die du in der Schule verwarnt wirst. Diese Leute stalken dich, senden dir Todesdrohungen, versuchen dir die Polizei ins Haus zu schicken, um dich zu erschrecken. Das sind Kriminelle."

Frauen in Deutschland online weniger sichtbar

In Deutschland sind bisher nur wenige solcher Fälle bekannt. "Frauen in Deutschland spielen in der Online-Welt oft eine eher passive Rolle. In Deutschland sind meist Männer die Meinungsmacher: online und offline", erklärt Valentina Kerst, Gründerin des Digitalunternehmens "topiclodge", gegenüber DW. "Sie sind einfach sichtbarer, hörbarer, sie schreiben öfter Blogs und twittern. Gerade wenn es um Politik geht oder andere Sparten, die nicht traditionell Frauen zugerechnet werden. Das ist schon enttäuschend, dass zwar gleich viele Frauen wie Männer online sind, sie aber weniger in den Diskussionen präsent sind. Und die wenigen, die sichtbar sind, bekommen dann die Anfeindungen in der ganzen Wucht ab."

Kampf gegen Hass im Netz

Dunja Hayali deutsche TV-Journalistin und Fernsehmoderatorin (picture alliance/ZB/K. Schindler)

Sie war schon oft Ziel von Hasskampagnen im Netz: die Journalistin Dunja Hayali

Vergangenes Jahr wurden auch prominente deutsche Frauen Ziel von Hasskampagnen, etwa die TV-Moderatorin Dunja Hayali oder die Feministin Anne Wizorek. Als eine Reaktion auf die vielen Anfeindungen im Netz kam es zur Gründung der geschlossenen Facebook-Gruppe "#ichbinhier". Das Modell wurde in Schweden entwickelt: Eine Person, die sich im Netz bedroht sieht, kann sich an die Gruppe wenden und die Mitglieder - allesamt Privatpersonen - schlagen dann zurück. Mit rationalen, fakt-basierten Argumenten und unter Verwendung des Hashtags #ichbinhier. Mittlerweile hat die Gruppe fast 25.000 Mitglieder.

Auch die Online-Community für junge Frauen, LizzyNet, engagiert sich gegen Online-Hasskommentare, die laut Ulrike Schmidt seit 2015 stark zugenommen haben. 2016 hat sie unter dem Titel #Netzheldin einen Schreibwettbewerb zum Thema veranstaltet: "In unserem Wettbewerb ging es aber nicht nur um Frauen, sondern auch um rassistische Kommentare und wie junge Menschen diesen begegnen können und welche kreativen Lösungen es gibt."

Dennoch wirken die bisherigen Lösungsvorschläge eher wie ein Tropfen auf dem heißen Stein: Zwar haben sich Organisationen wie "nohatespeech.org" gegründet, die es erleichtern, Hasskommentare zu melden, aber trotzdem werden selbst hier eher Männer aktiv und machen die Meldungen.

In Deutschland haben Politikerinnen wie Barbara Steffens dazu aufgerufen, Gesetze zum Schutz gegen digitale Gewalt zu entwickeln. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig ging so weit, Online-Plattformen und Provider aufzufordern, extreme und mit Gewalt drohende Kommentatoren zu sperren.

Nachdem am Dienstag (07.03.) Facebook den Prozess um den laxen Umgang mit Hasskommentaren gewonnen hat, sehen Experten jetzt den idealen Zeitpunkt, Regeln einzuführen, die vor Hasskampagnen im Netz schützen.

Derweil werden junge Frauen wie Kim Salmon, Gewinnerin des #Netzheldin-Wettbewerbs 2016, weiter ihre eigenen Strategien entwickeln, um den Hasskommentaren zu begegnen: "Auf meinem Blog habe ich mir jetzt einen geschlechtsneutralen Namen gegeben und mein Profilbild gegen eines getauscht, auf dem ich unkenntlich bin. Ich kontrolliere die Kommentare auf meinem Blog, so dass ich nur die von meinen Freunden und meinem Opa sehe. Die anderen ignoriere ich."

Die Redaktion empfiehlt