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Politik

Wie Schuppen von den Augen

Viele linke Intellektuelle hofften bei der Geburt der DDR auf ein neues, ein besseres Deutschland. Doch die Ernüchterung kam nach dem 17. Juni 1953.

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Desillusioniert: Bertolt Brecht

Sie waren voller Ideale aus der Emigration zurückgekehrt, in einen Staat, der sich "Demokratische Republik" nannte: Die Schriftsteller und Künstler der DDR. Ein besseres Deutschland wollten sie aufbauen, eine gerechtere Gesellschaft, die der Unterdrückung der Vielen durch die Wenigen für immer ein Ende machen sollte. Doch dann mussten sie fassungslos mitansehen, wie die Massen am 17. Juni auf die Straßen gingen, um ein Ende des neuen Systems zu fordern.

"Die Ereignisse müssen Künstler und Schriftsteller regelrecht überrollt haben", sagt Sabine Wolf. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Petra Uhlmann hat sie die Rolle der ostdeutschen Intellektuellen am 17. Juni 1953 rekonstruiert. "Der 17. Juni und die Künstler" heißt die Ausstellung der beiden Frauen, die seit kurzem in der Berliner Akademie der Künste zu sehen ist.

"Werter Genosse Ulbricht ..."

Der Ort ist gut gewählt. Schließlich hatte sich die Akademie der Künste bei ihrer Gründung 1950 im damaligen Ostteil Berlins auf die Fahnen geschrieben, die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft kritisch zu begleiten. Doch rund um den 17. Juni hielt sich die Kritik der Intellektuellen am Vorgehen der Staatsführung in engen Grenzen. So versicherte Bertolt Brecht noch am Tag des Aufstandes dem "werten Genossen" und SED-Parteivorsitzenden Walter Ulbricht seine Verbundenheit. "Die große Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus wird zu einer Sicherung der sozialistischen Erneuerung führen", schrieb Brecht damals.

Und so wie er reagierten die meisten anderen ostdeutschen Künstler und Schriftsteller. Kurt Barthel, genannt KuBa, der linientreue Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes, ließ aus Angst vor den Demonstranten sogar Wachposten vor seinem Bürogebäude aufstellen.

Kluft zwischen Arbeiterklasse und Regierung

iele Intellektuelle hätten den Massen auf der Straße misstraut und all ihre Hoffnungen auf eine Reform der sozialistischen Gesellschaftsordnung gesetzt, sagt Sabine Wolf. Doch für diesen sogenannten "dritten Weg" habe das Volk nichts übrig gehabt. "Die Erkenntnis, dass es eine Kluft gab zwischen der Arbeiterklasse und der Regierung, die sich als Arbeiterregierung bezeichnete, muss sehr schmerzhaft gewesen sein", glaubt Sabine Wolf. Zugleich sei diese Einsicht aber auch zu einem Wendepunkt für die Haltung einiger Künstler und Schriftsteller zum Staat geworden. "Der 17. Juni war der Beginn einer Desillusionierung unter den Künstlern", sagt Sabine Wolf. Brecht etwa schrieb bereits wenige Wochen nach dem Aufstand: "Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?"

Beginn der Desillusionierung

Das Gros der Kritik wurde allerdings erst Jahre später laut, in Anna Seghers Roman "Das Vertrauen" etwa, oder in Heiner Müllers Drama "Die Lohndrücker". Stefan Heyms Buch "Fünf Tage im Juni" erschien in der DDR nie. Die Forderung der Akademiemitglieder nach voller künstlerischer Freiheit, sie wurde nicht erhöht. Eine Reihe desillusionierter Kulturschaffender wie Hans Mayer oder Walter Kempowski verließ deshalb bereits Ende der fünfziger Jahre die DDR. Andere kehrten dem System innerlich den Rücken.

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