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Nahost

Wie Iraker zehn Jahre nach Saddams Sturz die Lage ihres Landes sehen

Vor zehn Jahren stürzte Saddam Hussein. Der Irak war seinen Diktator los, sah sich dafür aber anderen Problemen gegenüber. Zum Jahrestag des Sturzes ziehen manche Iraker eine überraschende Bilanz.

Iraqi civilians and U.S. soldiers pull down a statue of Saddam Hussein in downtown Baghdad Wednesday April 9, 2003. (AP Photo/Jerome Delay)

AP Images Best of the Decade Irak USA Sadam Hussein

Der Sockel am Firdous-Platz in Bagdad steht leer. Dort, wo am 9. April 2003 die Bronze-Statue Saddam Husseins umgekippt und damit symbolisch seine Herrschaft beendet wurde, ist nur noch der Betonstumpf übrig geblieben. Kurzzeitig kam eine viel zu kleine, surreale Skulptur eines namhaften irakischen Bildhauers auf das Podest. Doch die öffentliche Kritik an dem Werk riss nicht ab. Als der Terror kam und die Bomben auch diesen Platz heimsuchten, war die Skulptur schnell verschwunden. Und solange die Iraker sich nicht einig sind, ob der Einmarsch der amerikanischen Truppen und der Sturz ihres Diktators eine Invasion, eine Befreiung oder eine Besatzung war, wird der Sockel wohl auch weiterhin leer bleiben.

Politische Dauerkrise

Irak Amal Ibrahim in Bagdad, 3.4.2013 (Foto DW/Birgit Svensson)

"Die US-Invasion war gut gemeint": Amal Ibrahim

"Für mich war es eine gut gemeinte Invasion", sagt Amal Ibrahim auf die Frage nach den Ereignissen vor zehn Jahren. "Aber es war definitiv eine Invasion." Gleichwohl hat die heute 43-jährige Schiitin von den Veränderungen enorm profitiert. Nachdem ihr Vater, ein Arzt, im Widerstand gegen Saddam von dessen Schergen ermordet wurde, hatte die Tochter keinerlei Chancen auf einen beruflichen Aufstieg in dem von Saddam-Loyalisten geprägten Regime. Jetzt arbeitet sie in verantwortungsvoller Position im Sekretariat des Ministerrates.

Trotzdem sieht sie die Militäroperation "Iraqi Freedom" (Irakische Freiheit) nicht als Befreiung an. Man müsse den Einmarsch an seinen Resultaten messen. Der Gradmesser dafür seien die Anordnungen und Gesetze, die während der Besatzung von US-Administrator Paul Bremer erlassen wurden. Der Umstand, dass der erste Regierungsrat ernannt und nicht gewählt worden sei, habe die politische Klasse vom Volk isoliert. Die Politiker hätten sehr hohe Löhne und andere Privilegien erhalten. Darüber hätten sich ihre Ziele geändert: In erster Linie hätten sie nicht mehr die Interessen des Landes, sondern ihre eigenen gefördert. "Ich weiß nicht, ob dies beabsichtigt war oder ob es sich so entwickelte", sagt Amal Ibrahim. Auf jeden Fall durchlebt das Land seit dem Abzug der letzten amerikanischen Soldaten Ende 2011 eine politische Dauerkrise. "Eine Befreiung sieht anders aus."

Eine harte Vergangenheit

Der Irak hat harte Zeiten hinter sich: eine drei Dekaden währende Diktatur, drei Kriege, unzählige Revolten, dazu ein Embargo, das fast zehn Jahre dauerte und das Land strangulierte. Mit der US-Invasion 2003 wurde Saddam Hussein zwar gestürzt und die Diktatur zerfiel. Doch dann begannen Chaos, Plünderungen und neue Kämpfe um Macht und Vorherrschaft. Die Terrororganisation Al-Kaida setzte sich fest. Ab Mitte 2006 setzten religiöse und politische Extremisten eine bis Anfang 2009 anhaltende Gewaltorgie in Gang.

Schiiten massakrierten Sunniten und umgekehrt. Christen wurden ermordet, Kirchen brannten. Geiselnahmen, Raubmorde und Attentate machten das Land für Iraker ebenso zur Hölle wie für die ausländischen Truppen und Mitarbeiter internationaler Unternehmen, Hilfsorganisationen sowie der UNO. Auf dem Gipfel der Gewalt kamen UN-Schätzungen zufolge monatlich bis zu 3000 Iraker ums Leben. Durch Mord, Flucht und Vertreibung haben sich Schiiten und Sunniten entlang scharfer Trennlinien sortiert. Zahllose Menschen zogen innerhalb Bagdads um. Aus vielen ehemals gemischten Bezirken sind ethnisch und religiös bereinigte Stadtteile geworden. Dann ebbten die Kämpfe allmählich ab. Die Terroranschläge wurden weniger.

Nervöse Staatsmacht

Eine anti-schiitische Demonstration in Mossul, März 2013 (Foto: DW)

Religiöse Spaltung: Eine anti-schiitische Demonstration

Wenn Amal Ibrahim nach der Arbeit das schwer bewachte Regierungsviertel, die sogenannte "Grüne Zone", verlässt, weiß die Mutter von vier Kindern nicht, wie lange ihr Heimweg dauert. Sie muss die Brücke über den Tigris überqueren, um in die Palästina-Straße zu gelangen. Manchmal dauert der Gang nur wenige Minuten, zuweilen aber mehr als eine Stunde. Zwar wurden in den vergangenen beiden Jahren immer mehr feststehende Kontrollpunkte abgebaut. Doch die sich wieder verschlechternde Sicherheitslage hat die Sicherheitskräfte veranlasst, so genannte rollende Checkpoints zu eröffnen. Unverhofft und völlig willkürlich werden Autos durchsucht, die Ausweise der Insassen überprüft. All das zeigt, wie nervös die Staatsmacht derzeit ist.

Premierminister Nuri al-Maliki, der auch das Verteidigungs- und das Innenministerium leitet, gerät von allen Seiten unter Druck. Fast täglich treten Politiker aus seinem Umfeld zurück. Die Regierung ist in Auflösung begriffen, die Koalition droht zu platzen. Gleichzeitig macht Al-Kaida wieder vermehrt von sich reden. Koordinierte Anschläge der Terror-Dachorganisation "Islamischer Staat Irak", der neben Al Qaida noch gut ein Dutzend weitere religiös geprägte Extremisten angehören, lassen manche Kommentatoren schon von der Gefahr eines erneuten Bürgerkrieges sprechen. In Bagdad wie in 13 weiteren Provinzen werden am 20. April Provinzwahlen stattfinden. Außerdem ist die Sechs-Millionen-Stadt in diesem Jahr Kulturhauptstadt der islamischen Welt - für politisch motivierten Terrorristen eine ideale Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen.

Freude über neue Freiheiten

Kinder spielen im Tigris, 14.7. 2010 (Foto: (ddp images/AP)

Die Freude kehrt zurück: Kinder spielen im Tigris

Die Bagdader indes scheint dies nicht zu beeinträchtigen. Mit stoischer Gelassenheit nehmen sie die oft stundenlangen Staus hin oder gehen zu Fuß über die Tigris-Brücken. Während in den Anfangsjahren des Terrors die Straßen oft schon am frühen Nachmittag wie ausgestorben waren, weil die Menschen steif vor Angst zu Hause saßen, ist der Andrang in den belebten Stadtvierteln wie Karrada, wo auch der Firdous-Platz liegt, jetzt bis in die Nacht groß. An der als Park gestalteten Uferstraße Abu Nawas flanieren Familien bis Mitternacht. Theater- und Konzertveranstaltungen sind gut besucht, und auch die Restaurants können sich über einen Mangel an Gästen derzeit nicht beklagen.

"Ja", sagt Amal nachdenklich, "an den Terror kann man sich gewöhnen oder zumindest lernen, damit umzugehen". Von ihrem 22-jährigen Sohn weiß sie, dass junge Iraker in seinem Alter die Freiheiten, die sie seit zehn Jahren genießen, mittlerweile höher einschätzen als den Verlust an Sicherheit: "Man kann heute sagen, was man will und treffen, wen man will." Das Internet sei für sie das Fenster zur Welt. Unter Saddam waren sogar Satellitenanlagen für Fernsehgeräte verboten. "Die jungen Leute haben heute ganz andere Möglichkeiten, sich zu verwirklichen."

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