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Welt

Kriegsfotograf beleuchtet das irakische Leben

Als die ersten US Panzer durch Bagdad rollten, griff Architekt Ghaith Abdul-Ahad nach seiner Kamera und ging auf die Straße. Zehn Jahre später ist er zu einem der bedeutendsten Kriegsfotografen geworden.

Während die Welt die Einnahme von Bagdad durch die US Truppen live im Fernsehen verfolgte, traf der 28-jährige Architekt eine Entscheidung, die sein weiteres Leben bestimmen sollte: Er nahm seine Kamera und ging nach draußen.

"Man muß sich das mal vorstellen: Ganze 30 Jahre hat man in einer Stadt gelebt, um eines Morgens aufzuwachen - und die Stadt ist besetzt worden, sie wird bombardiert, alles kracht zusammen, ganz normale Leute plündern und legen Feuer in den Straßen. Man versucht, diese Vorgänge zu begreifen, und man versucht, sie zu dokumentieren," erzählte er der DW. "Zunächst habe ich darüber gar nicht nachgedacht: Ich wollte nur unbedingt alles auf Bildern festhalten. Ich wollte diesen Moment in der Geschichte aufnehmen."

Innerhalb von einem Jahr hatte Abdul-Ahad seine architektonischen Entwürfe weggeworfen, um sich vollkommen dem Fotojournalismus gewidmet. Er reiste mit Aufständischen in andere Regionen des Landes und belieferte die der britische Tageszeitung Guardian mit Fotos und Beiträgen.

Inmitten von Kampfhandlungen wurde er verletzt, wovon eine lange Narbe entlang seiner rechten Gesichtshälfte zeugt. Darüber will er nicht reden, er tut diese Sache ab mit der Bemerkung, dass Alle Wunden davongetragen haben. Ständig hält er eine misbaha in der Hand - muslimische Gebetsperlen. Noch nicht mal, weil er religiös wäre, sondern eher, um seine Hände zu beschäftigen.

Und noch einmal gefangen

Nach dem Irak hat Abdul-Ahad noch weitere Konfliktherde bereist, darunter Afghanistan, Somalia und zuletzt Syrien.

Mehrmals wurde er entführt, zweimal durch die Taliban in Afghanistan - was er herunterspielt.

"Es ist doch immer das gleiche - ob es nun in Libyen passiert, im Irak oder sonstwo", sagt er. "Am Ende des Tages sind die Taliban einfache Dorfmenschen. Irgendwie respektieren sie einen sogar, naja, so halbwegs. Du weißt, dass Du ein Araber bist, also gibt es zwischen Dir und denen kulturelle Gemeinsamkeiten. Nein, die Taliban waren gar nicht so furchteinflößend."

Taliban Kämpfer AFP PHOTO / FILES (Photo credit should read STR/AFP/Getty

"Man wird in gewisser Hinsicht von den Taliban respektiert"

Einer der furchterregendsten Momente seines Lebens ereignete sich in Libyen. Er hatte noch mehr Angst als während der sechs Jahre zusammengenommen, die er sich in Baghdad versteckt gehalten hatte. Denn er war von der Armee desertiert - was als Hochverrat galt und mit dem Abschneiden eines Ohres bestraft wurde.

Mitten in der Nacht wurde er von vier Anhängern des ehemaligen Diktators Muammar Gadhafi entführt. Sie verbanden ihm die Augen und stießen ihn in ein Auto.

"Ich dachte, mein Ende ist gekommen," sagt er. "Die Leute vom Geheimdienst haben keine Seele, keine Religion, keine Hautfarbe, eben gar nichts. Es ist einfach eine übermächtige Foltermaschinerie."

Abdul-Ahad wurde für zwei Wochen in Einzelhaft in einem Gefängnis in Tripolis gehalten, das nach Fäkalien stank. Er selbst wurde nie gefoltert oder geschlagen - aber andere Gefängnisinsassen hatten in dieser Beziehung weniger Glück. Tag und Nacht hörte er ihre Schmerzensschreie über die Flure hallen.

Trotz allem, sagt er, ist ihm während seiner Gefangenschaft nie der Gedanke gekommen, seine Arbeit zu kompromittieren. Hierfür eine Erklärung zu finden, fällt ihm schwer.

"Nun, das ist das, was ich jetzt tue. Ich weiß nicht, das ist eben mein Job. Man versucht halt, eine Geschichte zu erzählen. Man geht nach Aleppo, nach Syrien, und sieht, wie die Menschen da leben, und diese Geschichte will man erzählen. Zum einen, weil man sie der ganzen Welt erzählen will, zum anderen, weil es einen selbst neugierig macht, diese bestimmte Geschichte zu verfolgen."

Nach intensiven Verhandlungen durch seinen Redakteur beim Guardian wurde Abdul-Ahad befreit.

Aber die Geschichte ließ ihn nicht los. Schließlich kehrte er nach Libyen zurück, um dort seinen Gefängniswärter zu treffen. Er wollte den Mann kennen lernen, dem er während seiner Gefangenschaft anvertraut gewesen war.

"So wie ich vermutet hatte, stellte er sich als ein ganz normaler Mensch heraus, er hat Töchter, er liebt sein Leben, er trinkt Tee und ißt jeden Tag sein Mittagessen, und sieht sich selbst als jemand, der seiner Regierung dient."

'Die Sünden von Bagdad'

Nun ist es schon ganze 10 Jahre her, dass die US-Militärintervention das irakische Saddam Hussein Regime stürzte und Abdul-Ahad mit seiner einfachen Kamera die ersten Augenblicke des Endes einer ganzen Ära festhielt. Dieses Jahrzehnt hat Bagdad auf dramatische Weise verändert. Jenseits der Checkpoints und der Trennlinien gibt es noch immer viele offene Wunden, stellt Abdul-Ahad fest.

Menschen werden von Soldaten kontrolliert photographer/or source Karlos Zurutuza

So sieht das alltägliche Leben in Baghdad aus in Mitten der politischen Krise


"Irgendwas ist in der Stadt verloren gegangen," bemerkt er. "Wenn man seine Nachbarn ermordet hat, wenn man die Menschen auf der anderen Straßenseite abgeknallt hat, ist etwas verloren gegangen. Etwas, das nie wieder zurückkehren wird. In dieser Stadt ist eine Sünde begangen worden. Wahrscheinlich haben sie jetzt den Bürgerkrieg vergessen. Wahrscheinlich versuchen sie, weiterzukommen. Man sagt, die Sicherheitslage habe sich verbessert. Aber die Menschen haben Verbrechen verübt - beide Seiten. Solange diese Verbrechen nicht angegangen werden, wird diese Sünde dort bleiben."

Abdul-Ahad lebt nicht mehr in Baghdad. Sein Zuhause ist jetzt Istanbul. Aber er besucht seine alte Heimat oft.

Der Architektur hat er auch nicht vollkommen den Rücken gekehrt. Er gibt zu, ständig Gebäude zu entwerfen - und er benutzt seine Kenntnisse der Architektur, um seine Bilder besser zur Geltung zu bringen.

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