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Wissen & Umwelt

Wertvolle Wildnis auf dem Land und in der Stadt

Zirka 230 Menschen leben in Deutschland auf einem Quadratkilometer - im Durchschnitt. Sie sind von Kulturlandschaften umgeben, die durch Einwirkung des Menschen entstanden sind. Für unberührte Natur gibt es wenig Raum.

Wie wild ist Berlin? Wer die Frage stellt, denkt eher an Nachtleben. Aber findet man auch wilde Natur in der Bundeshauptstadt? "Eindeutig ja", sagt Ulrich Stöcker, Leiter der Naturschutzabteilung bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH). 

Unberührte Landschaft inmitten von Asphalt- und Betonwüsten? Und stoßen naturbelassene Areale in der Stadt nicht eher auf Skepsis? Vermuten Menschen dort nicht eher Schutthalden oder Angsträume? "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Bürger gerade in prekären Wohnanlagen erste Umwelt- und Naturerfahrungen machen können. Im Umfeld von Wohnparks und Plattenbausiedlungen gibt es nur wenige gepflegte Grünanlagen", so Stöcker. Es gebe aber auch dort großen Bedarf an Natur und auch den Wunsch, mehr davon zu haben als kurz geschorenen Rasen. "Nicht alles soll akkurat gepflegt sein. Und Wildnis wird als Ergänzung wahrgenommen, die Vielfalt der Natur darzustellen", hat der DUH-Referent erfahren. 

"Bahnbrechende Natur"

Der ehemalige Rangierbahnhof Tempelhof im heutigen Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist ein Beispiel dafür, wie sich Natur entwickelt, wenn man sie lässt: Nach der Stilllegung der Bahntrasse 1952 herrschte zunächst Unklarheit über die weitere Nutzung des sogenannten "Südgeländes".

Deutschland Urbane Wildnis im Schöneberger Südgelände (Deutsche Umwelthilfe (DUH)/S. Suntken)

"Bahnbrechende Natur" auf dem Südgelände von Berlin-Spandau

Ein Glücksfall für die Natur, die in die Bresche sprang und das Gelände zurückzuerobern. Als das von Pflanzen überwucherte Gebiet gerodet werden sollte, formierte sich reichlich Protest: Bürgerinitiativen verwiesen auf den ökologischen Wertes in der "bahnbrechenden Natur" und die mehr als 360 Arten an Pflanzen, Pilzen, Vögeln, Heuschrecken, Grillen, Bienen. "Heute hat das Projekt Vorbild-Charakter", erzählt Ulrich Stöcker. 

Schafe sind die natürlichen Rasenmäher. Sie sorgen dafür, dass der Trockenrasen, der einen Teil der Fläche ausmacht, kurz gehalten bleibt.

Auch anderswo in Berlin hilft der Mensch der Natur zu ihrem Recht: An den Tiefwerder Wiesen, in Pichelsberg an der Grenze zwischen Spandau und Charlottenburg, sind es Galloway-Rinder, die dort Weiden bewirtschaften. 

Deutschland Holzsteg in der urbanen Wildnis der Tiefwerder Wiesen in Berlin-Spandau (Deutsche Umwelthilfe (DUH)/S. Suntken)

Nicht vom Weg abkommen! - Das ist die Vorgabe für die Wildniserkundung

In dem Überschwemmungsgebiet der Havel werden weitere Eingriffe durch den Menschen bewusst vermieden. Im Auengebiet haben Hechte ihre Laichplätze. Seltene Eisvögel, Graugänse, Fledermäuse und andere Arten tummeln sich im Mündungsgebiet von Spree und Havel. 

Wildnis akzeptieren und kommunizieren

Zur neuen urbanen Wildnis gehören auch städtische Bergbaufolgelandschaften oder Plattenbausiedlungen in Leipzig. Nach dem Zusammenbruch der DDR 1990 wanderten viele Bewohner aus Mitteldeutschland in den Westen. Inzwischen zählt Leipzig zu den am stärksten wachsenden Städten. Zwischen Brachen und Boomtown konnten sich zahlreiche "wilde Orte" entwickeln.

Und auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Hugo in Gelsenkirchen wächst die erste großflächige "Kurzumtriebsplantage" in einer europäischen Metropolenregion. Hier werden bewusst schnell wachsende Gehölze angebaut - es entsteht ein urbaner Forst. Der heißt auch "Biomassepark", denn die Bäume werden als erneuerbare Energieträger genutzt. Das soll gut für den Umwelt- und Naturschutz sein. Daneben gibt es Sport- und Spielflächen für Freizeit- und Erholung. Infotafeln zur Umweltbildung und ein Bodenlehrpfad ergänzen das Angebot.

 

Deutschland Ostdeutschland Abriss an einem DDR-Plattenbau in Leipzig (picture-alliance/dpa)

DDR-Altlast Plattenbau: Abriss als Anfang für Naturentwicklung

"Als Lebensräume für viele Arten sind diese Gebiete außerordentlich wichtig", erklärt Manuel Schweiger. Allerdings sei Wildnis der am meisten bedrohte Naturschatz, fügt der Referent der Initiative "Wildnis in Deutschland" hinzu. Unberührte Natur macht nur 0,6 Prozent der Landesfläche Deutschlands aus. Das soll sich ändern, fordert er. 

Politik soll Verantwortung für die Wildnis übernehmen 

In der "Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt" (NBS) hat die Bundesregierung das Ziel formuliert, dass sich die Natur bis 2020 wieder auf mindestens zwei Prozent der Landfläche Deutschland (zurück-)entwickeln soll. Und sie soll es nach ihren eigenen, natürlichen Gesetzmäßigkeiten tun - der Mensch greift nicht mehr ein. Die Ausweitung der Wildnis ist somit auch politisch gewollt.

Es geht dabei auch um die Signalwirkung: Denn wie könnte Deutschland den Erhalt tropischer Regenwälder, der unberührten Taiga, der Savannen und der Antarktis einfordern, ohne echte Wildnis im eigenen Land zuzulassen?

Hinzu kommt, dass Deutschland sich im "Übereinkommen über die biologische Vielfalt" (Convention on Biological Diversity – CBD) dazu verpflichtet hat.

BdT Spiegelbild Fischreiher (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Flugobjekt Fischreiher - in der Nähe des Berliner Flughafensees

Um den Wert der Wildnis hervorzuheben, haben sich 16 Umwelt- und Naturschutzorganisationen in Deutschland zur Initiative http://www.wildnis-in-deutschland.de zusammengeschlossen. Ziel ist es, deutsche Wildnis-Gebiete vorzustellen und deren Bedeutung und Schönheit darzustellen. "Das Wilde ist oft auch unbekannt. Wir müssen uns ihm erst wieder annähern", sagt Elsa Nickel, Abteilungsleiterin für Naturschutz im Bundesumweltministerium, das das Projekt unterstützt.

Wildnis geht vor Wirtschaft

"Man braucht Mut, größere Flächen aus der Nutzung rauszunehmen, weil deren Bedeutung für die Natur höher eingeschätzt wird als der wirtschaftliche Profit, der durch den Verkauf und mögliche attraktive Bebauung erzielt werden könnte", erklärt Ulrich Stöcker von der DUH. Leipzig gehe damit gut um, hebt er hervor, obwohl die sächsische Stadt boome und Areale wertvoll und teuer seien.

Auch äußerten lokale Politik und Verwaltung oft die Furcht vor Verwahrlosung und Vermüllung solcher Flächen. Aus diesem Grund sollen solche Gebiete auch für die Bürger zugänglich sein. Dann können sie die Natur und deren Veränderung bewusst wahrnehmen und gehen auch behutsamer damit um.

Darin unterscheidet sich urbane Wildnis von Wildnis in großen Nationalparken oder unerforschten Weltregionen. Das heißt natürlich auch, dass Parkranger im Notfall eingrefien und etwa Müll wegräumen dürfen - ganz "unberührt" ist die Wildnis also nicht. 

Bayern Berchtesgadener Land Watzmann Hochkalter (Imago/R. Mirau)

Hier wuchert Wildnis: Nationalpark Berchtesgadener Land

Wildnis schaffen

"Wo man Wildnis zulässt, entwickelt sie sich schnell", erklärt Manuel Schweiger von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt die Logik der Natur: "Wenn ein Baum umfällt, man ihn liegen lässt, kommt man bald gar nicht mehr so schnell durch." In den Nationalparken, in denen man die Natur ungebändigt lässt, sei die Verwilderung gut zu beobachten. Dennoch verfügt Deutschland aufgrund der dichten Besiedelung und Flächennutzung über keine ursprünglichen Urwälder mehr. Lediglich das karge bayerische Hochgebirge zeigt sich vom Einfluss des Menschen relativ unverändert.

Manuel Schweiger, Wildnisreferent, Zoologische Gesellschaft Frankfurt (Zoologische Gesellschaft Frankfurt)

Wildnisreferent Schweiger: "Wildnis überrascht immer wieder"

"Die indirekten Einflüsse des Menschen können wir nicht ausschalten, wie zum Beispiel die Belastung durch Abgase", erklärt Wildnisreferent Schweiger. "Und es geht uns auch nicht darum, einen alten, historischen Zustand wieder herzustellen. 

Wildnis erleben

Viele Städter ziehen unberührte Natur Kulturlandschaften vor. "Daher sind wir uns der Unterstützung der Öffentlichkeit bewusst", freut sich Manuel Schweiger. Wildnisgebiete seien Besuchermagnete. In solchen Naturerlebnisräumen fühlen sich etwa Kreuzkröten ebenso wohl wie der Mensch. Die beruhigende und erholsame Wirkung dieser Orte sei ein gewünschter Effekt.

Daneben können die Besucher lernen, wie die Natur sich verändert und Strategien zur Anpassung an den Klimawandel entwickelt. "Ich lasse mich immer wieder von der Wildnis überraschen", sagt Schweiger auf die Frage, was für ihn der Reiz der Wildnis ausmache. 

Doch ist es nicht ein Anachronismus, wenn der Mensch die Wildnis aufsucht? Von Manuel Schweiger kommt ein entschiedenes Nein: "Der Mensch ist dort gern gesehender Gast und als solcher sollte er sich verhalten. Die vorgegebenen Wege sollten nicht verlassen werden." 

 

 

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