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Wirtschaft

Wer hat Angst vorm Rezessionsgespenst?

Die drohende US-Rezession hat an den Börsen weltweit für Panik gesorgt. Doch Experten machen Hoffnung. Für die "Konjunkturlokomotive" USA stünde Ersatz bereit: Dynamische Schwellenländer wie China sollen es richten.

Fallender Dow-Jones-Index vor US Flagge

Nehmen die Börsen die US-Konjunkturentwicklung vorweg?

Am Montag (21.01.2008) schienen sich die Aktienmärkte allerdings eher an die alte Börsenwahrheit zu erinnern: "Wenn die USA niesen, dann bekommt der Rest der Welt Schnupfen." In Frankfurt strich ein Hauch von Panik über das Parkett, als der deutsche Leitindex DAX nach neu aufgeflammten Ängsten vor einer US-Rezession seinen größten Tagesverlust seit den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 verbuchen musste. Auch an anderen europäischen Börsenplätzen und im asiatischen Handel brachen die Kurse auf breiter Front ein.

Überzogene Reaktion der Finanzmärkte?

Ein Händler in Frankfurt sitzt unter der Anzeigentafel mit der Dax-Kurve, die steil nach unten zeigt

Verzweiflung auf dem Frankfurter Parkett

Dabei taxiert das Gros der Experten die Gefahr, dass die USA tatsächlich in die Rezession rutschen, auf gerade einmal 40 Prozent. Die Ökonomen der Dekabank und WestLB gehen sogar nur von einem 25-prozentigen Risiko aus. Hoffnung machte nicht zuletzt auch der überraschend gestiegene Verbrauchervertrauens-Index der Universität Michigan. Er nährte den Glauben, die Amerikaner könnten trotz der Kreditmarktkrise in Shopping-Laune bleiben und so die Weltkonjunktur weiter antreiben.

Dagegen betont Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, im Gespräch mit DW-WORLD.DE: "Wir erwarten eine Stagnation der US-Wirtschaft im ersten Halbjahr 2008 - und das wird sich dann auch wie eine Rezession anfühlen." Volkswirte sprechen von einer Rezession, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen nicht wächst oder schrumpft. Vermögensverwalter Jens Ehrhardt ist sogar überzeugt, in Wirklichkeit befänden sich die USA "schon seit Monaten" in einer Rezession. Im Jahresausblick 2008 der "Finanzwoche" äußert er starke Zweifel an der Verlässlichkeit der offiziellen US-Konjunktur- und Arbeitsmarkt-Statistiken.

Enorme Wachstumsraten in China und Indien

Moderne Industrieanlagen in China

Hoffnungsträger China

Doch wie wichtig sind die USA überhaupt noch für die Weltwirtschaft? Anhänger der Abkopplungstheorie wie Ehrhardt glauben, die rasch wachsenden asiatischen Schwellenländer könnten mit ihrer Wachstumsdynamik eine US-Rezession ausgleichen oder zumindest abmildern. Schließlich gibt es in Ländern wie Hongkong, China, Thailand und Malaysia, aber auch in Indien Konsum-Wachstumsraten von bis zu 15 Prozent. "Die US-Wirtschaft ist nicht mehr von so großer Bedeutung für die Weltkonjunktur", sagt denn auch der niederländische Weltbank-Ökonom Hans Timmer.

Doch Volkswirt Krämer ist skeptisch: "Um eine US-Rezession kompensieren zu können, müssten die Chinesen beim Wirtschaftswachstum noch einiges drauflegen." Und Gabriele Widmann, USA-Analystin bei der Dekabank, merkt kritisch an: "Dazu sind die USA als Nachfrager für diese asiatischen Märkte viel zu wichtig."

Haushalte und Unternehmen in der Kreditklemme

Pessimisten fürchten daher bei einer nachlassenden Nachfrage aus den USA nach ausländischen Produkten sogar einen "Dominoeffekt": Schwindet die Kauflaune der Amerikaner, könnte das in der schönen neuen globalisierten Welt die von Exporten in die USA abhängigen Volkswirtschaften Dominosteinen gleich ins Purzeln bringen. "Wenn sich das US-Wirtschaftswachstum um ein Prozent verlangsamt, dann bremst das in Deutschland die Konjunktur immerhin noch um ein halbes Prozent", sagt Krämer.

Unterdessen bietet auch die amerikanische Geld- und Finanzmarktpolitik keinen Anlass zu überbordender Euphorie: So hat zwar US-Notenbankchef Ben Bernanke seit dem Aufflammen der US-Hypothekenkrise im vergangenen Sommer den Leitzins mehrfach auf zuletzt 4,25 Prozent gesenkt. Allein, die Zinssenkungen kommen nicht dort an, wo sie gebraucht werden. An den Märkten für Unternehmensanleihen und Konsumkrediten sind die Zinsen seither konstant geblieben oder gar erhöht worden.

Bushs Anti-Rezessionsplan zündet nicht

Laut Marktbeobachtern sind die US-Banken bei der Kreditvergabe extrem vorsichtig geworden, nachdem sie sich mit Finanzmarktinstrumenten rund um die auf den beschönigenden Namen "Subprime" getauften Ramschhypotheken ordentlich verspekuliert und durch Milliarden-Abschreibungen stark an Eigenkapital eingebüßt hatten.

Auch der am Freitag angekündigte Anti-Rezessionsplan von US-Präsident George W. Bush, der den Haushalten Steuererleichterungen und -rückzahlungen in Höhe von rund 100 Milliarden Euro verspricht, dürfte dem US-Wirtschaftswachstum nicht auf die Sprünge helfen. Denn die US-Konjunktur hatte sich in der Vergangenheit stets als relativ "politikresistent" erwiesen: "Wir haben Steuererleichterungen schon früher ausprobiert. Sie wirken nicht", lautet das vernichtende Urteil des "Wall Street Journal". Auch Dekabank-Ökonomin Widmann ist überzeugt: "Das ist ein Strohfeuer. Das bringt nur kurzfristig Linderung."

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