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Kultur

Wenn Omas Brille zum Accessoire wird

Modelle aus vergangenen Jahrzehnten werden immer wieder neu aufgelegt. Doch der kleine Unterschied zwischen Retro und Original ist spürbar. Spannend wird es, wenn man echte alte Gestelle findet.

Ein Original-Brillengestell aus den 1970er Jahren Foto: Johnn Tailerr Photography

Ein Optikergeschäft an einer Kölner Hauptverkehrsstraße. Das Innere sachlich, gediegen. Überall Brillengestelle in Schaukästen, in beleuchteten Wandregalen, an Plexiglassäulen. Ein ganz normaler Brillenladen? Nein, auf den zweiten Blick zeigt sich: Hier ist alles ganz und gar nicht normal.

Die Brillen sehen irgendwie komisch aus. Es sind keine "Nerd-Brillen", große dunkle Horngestelle, die zurzeit so hip sind. Es sind auch keine Retro-Pilotenbrillen. Nein, diese Brillen sehen wirklich alt aus. Vintage. Echt original. Der ganze Laden ist voll davon: Einige erinnern an die ersten verhassten Brillen aus den Jugendjahren in den 1980ern, dann gibt es natürlich eine große Auswahl an Piloten- oder auch Pornobrillen mit Tropfenform und Goldrand. In der nächsten Schublade liegen strenge Fassungen aus den 1950er Jahren, und dann sind da die sogenannten "Omma-Brillen": die exzentrischen Schmetterlingsformen aus den 1960er Jahren, am liebsten noch mit ein paar Strass-Steinchen verziert.

Nicht Retro, sondern Original

Optikermeister Jens Güttsches ist im Kundengespräch. Er berät eine Frau, die an einer Säule mit riesigen Hornbrillenfassungen steht. Gerade probiert sie ein grünlich-türkises Horngestell an, mit Sonnengläsern von dunkel nach hell verlaufend. Die Brille verdeckt ihr halbes Gesicht. Das gute Stück ist 40 Jahre alt und gehört zu der Sorte Brillen, die gerne schon mal auf Schlagerpartys getragen werden. 70er Jahre-Style vom Feinsten.

Werbung für Retro-Brillen: Ein Model mit Lockenwicklern und original 70er Jahre-Brille Foto: Stefan Behrens

Hässlich sind sie nicht - wenn man sie nur richtig in Szene setzt

Bis vor kurzem haben noch viele behauptet, die "Siebziger" und "Style" seien zwei Begriffe, die man nicht in einem Satz nennen dürfe. Das ist natürlich völlig falsch, die Modemagazine sind voll von Schuhen mit Keilabsätzen und Plateausohlen, mit Flower-Power-Kleidchen, mit Hippie-Schlapphüten und natürlich mit extrem großen Sonnenbrillen. Stars und Glamourgirls wie Victoria Beckham und Paris Hilton haben den Hype um die übergroßen Sonnenbrillen schon vor Jahren in Gang gesetzt. Die Brillendesigner sind drangeblieben, doch der Mut, den ihre Kollegen vor 30 oder 40 Jahren gezeigt haben, der fehlt ihnen ein bisschen. So sind sie schnell wieder zu gemäßigteren Größen übergegangen. Zur großen Freude echter Brillenfreaks hat die Riesenbrille die Zeit auch ohne Stilikonen und Mode-Hype überdauert: in den Kisten und Schubladen sammelwütiger Optiker wie Jens Güttsches.

Liebe zum Beruf

Er stammt aus der alten Kölner Optikerfamilie Duisdieker – die Firma gibt es seit 1921. Und noch heute hat dieser Beruf Tradition in der Familie. So kann es schon mal passieren, erzählt Güttsches, dass bei einem Familientreffen acht Optikermeister aufeinandertreffen.

Güttsches' großes Glück ist es, dass offenbar die ganze Familie nichts wegschmeißen wollte. So sind in den hinteren Räumen noch Einrichtungsgegenstände und Messgeräte aus früheren Zeiten zu finden - und natürlich kistenweise alte Brillen. An die 5000 Fassungen - vielleicht auch 6000 - sollen es sein, erzählt Jens Güttsches.

Retrobrillen im Trend. Eine Kiste mit Originalfassungen aus den 1980er Jahren. Foto: DW / Silke Wünsch,

Ist Brillenmode wirklich vergänglich?

Die großen Kartons sind randvoll, hier und da ragt ein Brillenbügel heraus, teilweise kleben noch Preisschilder in D-Mark dran. Es ist ein buntes Gewirr aus vergangenen Modetagen, das auf seine Wiederbelebung wartet. Sie alle zu katalogisieren und womöglich in einer Datenbank aufzulisten, das wäre ein Jahrhundertwerk, meint Güttsches. Unter diesen Brillen aus gut 90 Jahren finden sich sicher Schätzchen, ebenso unter den Unmengen von Etuis. Güttsches hält ein paar davon hoch. Da sieht man Blümchen mit Eichenlaub drauf, Küchentuch-Design oder Flower-Power-gelb aus den 70er Jahren. "Für manche Leute ist es wirklich eine Zeitreise. Es sind Schmuckstücke und wundervolle Sachen dabei." Und sicherlich auch ein paar Ledervarianten, die heutzutage nicht mehr verkauft werden dürften, meint Güttsches und spielt dabei auf Krokodilleder oder Schildpatt an.

Für jeden das passende Modell

Retrobrillen im Trend. Optikermeister Jens Güttsches trägt selber ein Vintage-Modell. Foto: DW/Silke Wünsch

Der Chef trägt selber lieber Vintage-Brillen

Den Trend zum Retro-Look hat Jens Güttsches zu seiner Hauptaufgabe gemacht. Natürlich verkauft er auch moderne Fassungen und passt Kontaktlinsen an, doch der Reiz liegt für ihn darin zu sehen, was mit diesen völlig unmodischen Brillengestellen alles passieren kann, wenn sie ein bisschen "getuned" werden, sprich: wenn man einfach eine Sonnenbrille daraus macht. Güttsches zeigt es am Beispiel einer alten "Frame-Italy"-Fassung aus den 1970er Jahren. Eine junge Kundin probiert sie gerade an - noch ohne Gläser. Trotzdem findet sie die Form ganz gut. Güttsches bietet ihr an, eben schnell ein paar getönte Gläser anzupassen. Nach zehn Minuten ist die Brille fertig. Die junge Frau zieht sie an und kann es kaum fassen. "Ich hätte nie gedacht, dass die so schön aussehen würde", freut sie sich, zahlt und trägt ihre neue Sonnenbrille glücklich aus dem Laden.

Das sind die Momente, die Jens Güttsches an dem Job Spaß machen: "Das Kramen in den Schubladen, das alles auszuprobieren, schauen, welche Stilrichtung, welche Art zu einem passt und zu sehen, wie es sackt und wie es plötzlich immer interessanter und reizvoller wird, das ist total spannend."

Retrobrillen im Trend. Eine zufriedene Kundin bewundert ihre neue Sonnenbrille. Foto: DW/ Silke Wünsch

Garantiert ein Einzelstück

Die Kunden - das sind nicht nur die üblichen Großstadt-Fashion Victims und verstrahlte Brillen-Nerds. Hier kommt alles hin: Teenager, junge Männer oder auch modemutige Seniorinnen, die sich gerne so ein Schmetterlingsgestell aus den Sixties mitnehmen. Güttsches denkt darüber nach, ob er den Brillenverkauf nicht auch ab und zu mal auf den Abend verlegen soll. Er plant, richtige Brillen-Happenings zu veranstalten, mit Musik und Lesungen. Bei ihm soll es eben nicht um irgendeine Brille gehen, sondern um ein Lebensgefühl. "Bei den normalen Fassungen, da lächeln die Leute nicht, die kaufen eine Brille, weil sie eine Brille brauchen. Bei den Brillen, die ich verkaufe, da lachen die einfach, die haben Spaß ohne Ende. Und das ist es, was es ausmacht."

Autorin: Silke Wünsch
Redaktion: Petra Lambeck

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