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Kultur

"Wenn du es begreifst, ist es sicher nicht Gott"

Karfreitag, der Todestag Jesu, hat etwas Meditatives, meint Pater und Zen-Meister Johannes Kopp. Der geistige Weg vom Sein zum Nichts ist nicht weit.

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Karfreitags-Prozession als Weg zu Gott

Nur 65 Prozent der katholischen und nur 54 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder glauben an einen Gott. Immer mehr Menschen sprechen demgegenüber von einem unpersönlichen "Urgrund des Seins", vom "Zusammenspiel des Universums", von der "göttlichen Energie", vom "großen Licht". Sie glauben nicht mehr an den Vater-Gott oder die Mutter-Göttin, nicht an einen Gott, der Gebote erlässt, der in das Leben der Menschen eingreift und nach dem Tod über dieses Leben richtet.

Kurz nach Sonnenaufgang in Stonehenge

Kurz nach Sonnenaufgang in Stonehenge

Ein göttliches Du um Hilfe in persönlicher Not bitten? Das können und wollen viele Menschen nicht - nicht mehr. Sie meditieren lieber, versenken sich kontemplativ in das "All-Eine", wollen die "Fülle der Leere" erfahren, wie es die Mystiker vielfach ausgedrückt haben. Vor allem in der Zen-Meditation spielt die Erfahrung des Nichts, die Erfahrung der absoluten Leere, eine wichtige Rolle. Nach Auffassung von Buddhismus-Experten ist diese Erfahrung auch für Christen ein gangbarer Weg.

Suche nach der Leere

Bei der Erfahrung der absoluten Leere geht es um ein paradoxes Erleben: Das völlige Leerwerden in der meditativen Versenkung, die Erfahrung, dass da gar nichts mehr gedacht und erfahren wird, ermöglicht zugleich das Erleben der Fülle, eines tiefen Sinns, der Übereinstimmung mit sich selbst und damit möglicherweise auch eine Erfahrung Gottes, des Absoluten. "Wir brauchen den Mut zum Nichts als Weg zu Gott", hat daher der katholische Religionsphilosoph Bernhard Welte bereits in den 1970er Jahren gesagt.

Diesen merkwürdigen Satz unterstreicht auch der Pallotinerpater und Zen-Meister Johannes Kopp. Der 77-Jährige ist Beauftragter für die Zen-Meditation im Bistum

Ausschnitt aus einer Ligeti- Partitur

György Ligeti: Notenbeispiele aus dem Concert Românesc für Orchester

Essen. Er leitet das so genannte "Zentrum aus der Mitte" in Mülheim an der Ruhr. Am Beispiel der Musik verdeutlicht der Zen-Meister, wie auf diesem Weg zum Nichts zugleich eine schöpferische Erfahrung gemacht werden kann: Wenn ein Musiker Musik hört oder musiziert, sei er nicht mehr vorhanden, wisse nichts mehr von sich. "Das ist eine Nichtserfahrung, das Aufheben des Gegenständlichen", sagt Kopp. "Dann ist nur noch die Musik da. Das ist eine Weise von Selbstvergessenheit, von schöpferischer Nichtserfahrung. Jede Nichtserfahrung ist schöpferisch."

Johannes Kopp schlägt als Christ von dieser Erfahrung des Nichts her sogar eine Brücke zum biblischen Jesus von Nazareth. Auch der Mann aus Nazareth habe vor rund 2000 Jahren eine solche - allerdings viel dramatischere - Erfahrung

Freske im Markusdom in Venedig

Venedig, Basilcia di San Marco, Mosaik über dem Eingang

des Nichts, der Sinnlosigkeit, gemacht - und zwar bei seiner Verurteilung zum Tod am Kreuz. Damit habe er sich zu Nichts werden lassen. Er wolle nicht sagen, so Kopp, dass Jesus "gierig auf das Kreuz zugegangen" sei, er sei aber "konsequent dem nachgegangen, was er für sich als Wahrheit erkannt hat und ist keinen Milimeter abgewichen, auch nicht unter der Androhung von Folter und Tod." Aber auf diese Weise sei ihm "der Tod eben nicht zu dem Tod, der er in meinem Kopf ist" geworden. "Dann hat er den Unterschied von Leben und Tod aufgehoben. Und darum geht es", glaubt Kopp.

Verschwimmen der Grenze zwischen Leben und Tod

Wo die Erfahrung des Nichts und der Leere in paradoxer Weise zugleich als Erfahrung tiefen Sinns erlebt wird, da verschwimmen die Grenzen zwischen Leben und Tod. Da ist der Tod nicht mehr unbedingt das letzte vernichtende und sinnlose Wort. Deshalb glauben Christen, dass das Leben, die Auferstehung, über den Tod siegt.

Christus-Statue Corcovado in Rio de Janeiro mit Felix Baumgartner.jpg

Christus-Statue Corcovado in Rio de Janeiro

Auch in der Frage, ob Gott nun Person sei oder nicht, lässt sich am Leben Jesu das schöpferische Paradox des christlichen Glaubens aufzeigen: Der Mann aus Nazareth hat Gott als Abba angesprochen, als Papa also, ihn als vertrautes Du erlebt. Er hat bei seiner Ermordung am Kreuz aber auch die Gottverlassenheit, die Anonymität und Unpersönlichkeit des Nichts, die Zerstörung des eigenen Lebens, erlebt.

Vertrauensvolle Nähe und schmerzliche Verlassenheit - zwei Weisen der Gotteserfahrung, wie sie konträrer nicht sein könnten. Und wie sie im Leben eines jeden Menschen mal mehr, mal weniger in den Vordergrund rücken können. Deshalb sagt der katholische Theologe Gotthard Fuchs, Beauftragter für das Gespräch zwischen Kirche und Kulturschaffenden im Bistum Limburg, zu der Frage, ob Gott nun Person sei oder nicht: "Augustinus hat einmal gesagt: "Wenn du es begreifst, ist es sicher nicht Gott."

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