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Kultur

Wenn Bildung nicht von Religion abgekoppelt wird

Im indischen Bundesstaat Westbengalen werden die Islamschulen von der kommunistischen Regierung so vorbildlich reformiert, dass man sich sogar in Pakistan interessiert.

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Muslime in Kalkutta

Westbengalen mit der Hauptstadt Kalkutta ist ein Bundesstaat im Osten Indiens mit 20 Prozent muslimischer Bevölkerung. Die 1000 Madrassas beziehungsweise Koranschulen in Westbengalen genießen den Ruf, ein Ort der Toleranz auch gegenüber anderen Religionsgemeinschaften zu sein. Deshalb hat sich kürzlich sogar die pakistanische Botschaft in Neu-Delhi mit einem Brief an die kommunistische Regionalregierung in Westbengalen gewandt. Die cirka 12.000 pakistanischen Koranschulen stehen nämlich unter dem Verdacht, militante Islamisten nicht nur hervorzubringen, sondern auch aus aller Welt anzuziehen. Und die Regierung in Islamabad will bei ihren Reformbemühungen jetzt von Westbengalen lernen.

Hochschulbildung nicht nur auf dem Papier

Die berühmte Kalkutta-Madrassa wurde 1780 unter der Schirmherrschaft von keinem geringeren als Warren Hastings gegründet, dem damaligen britischen Vizekönig Indiens. Zweck der Koranschule war und ist die Verbreitung von Bildung unter den Muslimen der Region, die damals wie heute als rückständig in dieser Hinsicht galten. Abdus Sattar, Staatsminister für Madrassa-Bildung und Minderheitenentwicklung in der Regionalregierung von Westbengalen, erklärt dazu stolz: "Wir haben die Kalkutta-Madrassa als eine Hochschule anerkannt - und das nicht nur auf dem Papier."

Alte Gebäude in Kalkutta Altstadt Indien

Die Altstadt von Kalkutta

Lehrer der Madrassa beziehen nunmehr dasselbe Gehalt wie andere Hochschullehrer. Von der Anstellung bis zur Rente, betont Minister Sattar, erhielten die Madrassa-Lehrer inzwischen den ihnen gebührenden Status: arbeitsrechtlich, finanziell und auch sozial. Der Wert der von den Madrassas vergebenen Zeugnisse stieg ähnlich, so dass die Studenten nicht mit einem altmodischen, gegebenenfalls wertlosen Diplom, sondern mit nachweislich guten Kenntnissen in die moderne Welt entlassen werden: Die koranische Mittelschule wurde der allgemeinen Mittelschule gleichgestellt; das so genannte Fazili-Diplom entspricht dem höheren Schulabschluss, das "Kamil"-Diplom der Hochschulreife.

Kommunisten fest im Sattel

Die regierende linke Koalition in Westbengalen ist seit 1977 fest im Sattel. Vor allem die größte Partei, die trotz ihres Namens eher sozialdemokratisch orientierte Marxistisch-Kommunistische Partei Indiens (CPI-M), ist fast in jedem Dorf tief verwurzelt. Dadurch sind in Westbengalen eine säkulare Grundhaltung sowie ein gesellschaftlicher Modernisierungsdrang stärker verbreitet als in anderen Teilen des Subkontinents - für die Reform der Madrassas dürfte das eine wichtige Rolle gespielt haben.

Die kommunistische Regierung führte Lehr- und Studienpläne ein, hinzu kamen zwei eigenständige Pflicht- und Prüfungsfächer für Arabisch beziehungsweise für "Arabisch für Fortgeschrittene" - in Westbengalen eine Umschreibung für Islamunterricht. Die Reform setzte zunächst bei den "höheren Madrassas" an. "Das höhere Madrassa-Bildungssystem existiert bei uns schon lange. Neben den normalen Fächern wurden damals auch schon Arabisch und islamische Religion gelehrt", sagte Minister Sattar. "Es gab allerdings keine Gehaltstabelle oder Rentenvorteile für die Lehrer, dementsprechend war auch die Qualität der Lehrer beziehungsweise ihres Unterrichts. Ab diesem Zeitpunkt wurden auch die älteren Madrassas, die zu 100 Prozent theologisch orientiert waren, modernisiert."

Arabisch auch in den Grundschulen

Was aber nicht heißt, dass die "unteren Madrassas" außer Acht gelassen wurden. Sattar betont, dass die Regierung dabei wäre, moderne Unterrichtsstoffe und -methoden auch in den unteren Din-i- oder Kharasi-Madrassas einzuführen, die weiterhin an die Moscheen und Gemeinden angeschlossen sind. Auf der Grundschulebene werden so etwa Lehrbücher für Arabisch kostenlos verteilt.

Dass die "höheren Madrassas" zu anerkannt höheren Schulen wurden, hat sie mittlerweile weit über die Grenzen der muslimischen Gemeinschaft hinaus beliebt gemacht: Auch Hindus und Christen gehen dorthin - als Schüler oder Studenten, aber auch als Lehrer oder sogar Schulleiter. Ein besonderer Schachzug war dabei die Entscheidung, dass nicht-muslimische Studenten Prüfungen in Fächern wie Arabisch oder Islamkunde in ihrer Muttersprache - in diesem Fall auf Bengali - ablegen können.

Premiere in Indien: hundertprozentige Koedukation

Die Geldfrage war das erste, was die Regierung regelte: Während die Zentralregierung in Neu-Delhi für die Modernisierung der Madrassas in ganz Indien gut 800 Millionen Rupien (16 Millionen Euro) bewilligte, gibt Westbengalen für den gleichen Zweck im gleichen Zeitraum wesentlich mehr aus - nämlich 1,25 Milliarden Rupien. Und es ist auch bereits eine weitere Erhöhung in Aussicht gestellt worden. Die Erfolge könnten sich schon jetzt sehen lassen, meint Staatsminister Abdus Sattar selbstbewusst: "Unsere Madrassas praktizieren zu 100 Prozent Koedukation (Gemeinschaftserziehung von Jungen und Mädchen; Red.), ein Zustand, der sonst nirgends in Indien denkbar wäre. 65 Prozent Schülerinnen - wo hat man das schon?"

Das Rezept für den Erfolg ist einfach. Im Grunde genommen wurde nach einer Antwort auf die Frage gesucht: Wie kombiniert man die Tradition mit der Moderne? Oder auch: Wie kombiniert man traditionsbewussten Unterricht mit modernen Unterrichtsstoffen und -methoden? Die Einsicht und der Wille dazu - das seien eigentlich die einzigen Voraussetzungen dafür, meint Sattar: "Als Minister habe ich einmal an einem Treffen der stark traditionell orientierten 'Dini Madrassas' teilgenommen und dort die Frage aufgeworfen: 'Sollen diese Kinder etwa nur Arabisch auswendig lernen - und nichts vom eigenen Land kennenlernen? Wie kann das sein?!' Und der Gelehrte Fazlur Rahman, der in der berühmten Red Road-Moschee in Kalkutta das Gebet leitet, stimmte mir zu und erklärte sinngemäß: 'Unser Niedergang fing an dem Tag an, an dem wir die religiöse von der moderne Bildung getrennt haben.'"

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