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Politik

Pakistan hat Koranschulen nicht im Griff

Der afghanische Präsident Karsai fordert konsequentere Maßnahmen gegen Koranschulen, die den Terrorismus fördern. Besondere Probleme bereitet die Grenze zu Pakistan. Die Regierung des Nachbarlandes war lange untätig.

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Erziehung zum Terror? Koranschule in Pakistan


Medresen heißen die Koranschulen, die nach den terroristischen Anschlägen in London wieder verstärkt mit radikalen Lehren und der Rekrutierung von Terroristen in Verbindung gebracht werden. "Manche dieser Orte spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung der Gewalt", warnte zuletzt der afghanische Präsident Hamid Karsai. Dabei griff er auch seine pakistanischen Nachbarn an. Von dort kämen immer wieder Terroristen nach Afghanistan.

Londoner Verdächtigte hatten Koranschulen besucht

Koranschule in Muridke Pakistan

In Muridke soll auch einer der Attentäter von London studiert haben

Tatsächlich sorgen die Londoner Ermittlungen auch in Pakistan für Unruhe: Unter den Verdächtigen befinden sich drei Briten pakistanischer Herkunft, von denen zumindest einer noch vor einem Jahr eine Koranschule besucht haben soll.

Folglich beeilte sich Präsident Musharraf, eine stärkere Kontrolle der Koranschulen in seinem Land in Aussicht zu stellen. Die Regierung wolle gegen Menschen vorgehen, die den Dschihad - den heiligen Krieg - predigten oder junge Menschen indoktrinierten.

Kontrollgesetze nicht konsequent angewendet

Diese Versprechungen verdienen eine kritische Bewertung. Schon in der Folge der Terroranschläge vom September 2001 hatte Musharraf versprochen, "die guten Aspekte der Medresen zu fördern und deren Nachteile aus der Welt zu schaffen". Doch den Worten folgten nur wenige Taten. Die mit langer Verzögerung erlassenen Gesetze zur Kontrolle von radikalislamischen Koranschulen kommen nicht konsequent zur Anwendung. Zudem hat die Regierung den Schulen zugesagt, nicht in ihre internen Geschäfte eingreifen zu wollen.

Koranschule in Pakistan

Pakistanische Kinder beim Koranunterricht

Die Nicht-Regierungsorganisation International Crisis Group führt dies auf den Einfluss der religiösen Fundamentalisten im Land zurück. Präsident Musharraf, der seit 1999 eine Militärregierung führt und kürzlich eigenmächtig seine Amtszeit verlängert hat, sei auf die religiöse Rechte angewiesen. Mit ihr arbeite er zusammen, um die moderaten und demokratischen Kräfte bedeutungslos zu machen und seine eigene Macht zu erhalten - "zum Schaden von Demokratisierung und wirtschaftlicher Entwicklung".

Staatsmacht kann sich nicht durchsetzen

Ohnehin beherrscht die Regierung unter Musharraf, der zugleich General und Oberbefehlshaber der Armee ist, nicht unangefochten das Territorium der ehemaligen britischen Kolonie. Insbesondere an der afghanisch-pakistanischen Grenze hat sich eine Gesellschaftsordnung entwickelt, in der die Staatsmacht beider Länder nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Afghanistan

Mutmaßliche Taliban aus Pakistan in den Händen der US-Armee

So gibt es zum einen autonome Stammesgebiete, die in Pakistan einen verfassungsmäßigen Sonderstatus haben und als unabhängige Enklaven anerkannt sind. Zum anderen haben sich entlang der Grenze Wirtschaftsregionen und Siedlungsgebiete entwickelt, in denen staatliche Grenzen im Alltag keine Bedeutung haben. "Die Bevölkerung bewegt sich frei über die zum größten Teil unmarkierte Staatsgrenze", berichtet Boris Wilke von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das liegt auch daran, dass die Grenze Ende des 19. Jahrhunderts willkürlich durch die britische Kolonialmacht festgelegt wurde.

Wichtig für die Bildung, wichtig für den Terrorismus

Gerade in diesem Gebiet, in dem staatliche Kontrolle kaum möglich ist, blüht die Rekrutierung von Terroristen - nicht selten mittels Medresen. Eigentlich stehen diese keineswegs für eine Erziehung zu Gewalt und Intoleranz. Vielmehr sind sie eine wichtige Säule des Bildungswesens in Pakistan: Bei freier Unterkunft und Verpflegung lernen hier Kinder und junge Erwachsene, die sonst häufig keine Schulbildung erhalten könnten. Darüber hinaus nehmen die Schulen Obdachlose auf und leisten humanitäre Arbeit.

Koranschule in Pakistan

Koranschulen: Wichtig für breite Volksbildung, aber auch für den Terrorismus

Allerdings sind nach Schätzungen der Regierung rund zehn Prozent dieser Schulen mehr als nur religiöse Bildungseinrichtungen. Sie verbreiten radikales Gedankengut und rufen zum heiligen Krieg auf. In den Städten und Flüchtlingslagern der verarmten Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan haben die Medresen besonders großen Erfolg, da sie auch arme Studenten aufnehmen und versorgen. Dies nutzen gerade die radikalen Kräfte aus und rekrutieren hier zahlreiche neue Schüler.

Gerade in dieser Region gehe Pakistan nicht hinreichend gegen die radikalislamischen Kämpfer vor, kritisiert Afghanistan gegenüber der Regierung in Islamabad. Indes gibt es auf Seiten Pakistans nach den Londoner Anschlägen die ersten Anzeichen einer neuen Entschlossenheit: Pakistanische Sicherheitskräfte nahmen landesweit rund 150 mutmaßliche Extremisten fest. "Wir sind gegen jene Elemente vorgegangen, die Hass-Material publiziert, provokante Reden gehalten und Militanten Zuflucht geboten haben", erklärte Innenminister Aftab Ahmed Khan Sherpao die Maßnahme.

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