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Kultur

Weltliteratur auf kleinem Raum

Köln ist nicht der Nabel der Literaturwelt. Doch in diesen Tagen gibt es kaum einen anderen Ort in Deutschland, an dem sich so viele Autoren tummeln. Auch die Kritikerin Sigrid Löffler kam, um ihr Buch vorzustellen.

Es ist lit.Cologne in Köln (12.3.-22.3.2014), das große Lesefest für alle! Wer immer gerade ein neues Buch veröffentlicht hat, der kommt in diesen Tagen in die Domstadt. Lesungen und Diskussionen finden statt, quer verstreut über das ganze Stadtgebiet, in Theatern und Konzertsälen, in Buchhandlungen und Kirchen. Die Menschen sind neugierig und begierig nach Büchern, so scheint es zumindest, viele Vorstellungen sind bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Großer Publikumsandrang

Und doch gibt es einen Ort in der Stadt, wo das noch einmal konzentrierter erscheint, wo sich Schriftsteller und Moderatoren, Sachbuchautoren und Literaturstars quasi auf den Füßen stehen. Das piekfeine "Hotel am Wasserturm" ist von der lit.Cologne zum literarischen Zentrum auserkoren worden, hier bringt der Veranstalter seine Gäste aus aller Welt unter, lässt sich das auch etwas kosten - die lit.Cologne gilt als ungemein erfolgreiche Kulturveranstaltung, auch an einem solchen Gratmesser wird das deutlich.

Audio anhören 13:58

Sigrid Löffler über die lit.Cologne und ihr neues Buch im DW-Gespräch

In dem zu einem Luxushotel umgebauten historischen 140 Jahre alten Wasserturm ist auch Sigrid Löffler abgestiegen, bevor es am Abend zu ihrem Auftritt in der Kölner Zentralbibliothek weitergeht. Mitgebracht hat die im Sudetenland geborene Österreicherin ihr vor kurzem erschienenes Buch "Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler". Löffler gehörte einst zum legendären literarischen Quartett und stritt erst mit und später gegen Marcel Reich-Ranicki um gute Literatur, gab die Zeitschrift "Literaturen" heraus und ist eine der profiliertesten Kennerinnen der deutschsprachigen Szene.

Englisch im Mittelpunkt

Um die deutsche Sprache geht es Löffler in ihrem Buch aber nur in zweiter Linie. Es ist das Englische und dessen Verbreitung durch Autoren aus Asien, Afrika und dem karibischen Raum, die sie beschreibt. Es sei ihr darum gegangen, dieser neuen Weltliteratur eine Struktur zu geben, erzählt sie im Gespräch mit der Deutschen Welle. Und diese Struktur bilde eben die Sprache, das Englische.

Salman Rushdie (Foto: AFP/Getty Images)

Salman Rushdie

"Mir erschien der Zerfall des britischen Empires am einleuchtendsten." Der Großteil dieser Literatur werde von Autoren geschrieben, die die Sprache gewechselt haben. Es seien "migrantische Autoren" mit einer ursprünglich anderen Muttersprache, die heute in der Weltsprache schreiben. "Von der neuen Weltliteratur erscheinen 80 bis 85 Prozent auf Englisch", schätzt Löffler. Ein viel kleinerer Teil dagegen entstehe in französischer oder deutscher Sprache.

Es sind weltbekannte Autoren, auch einige Nobelpreisträger, die für diese Literatur stehen, V.S. Naipaul, J.M. Coetzee, Salman Rushdie, aber auch viele jüngere, noch nicht ganz so bekannte: "Diese Literatur explodiert geradezu, sie wird immer größer, jedes Jahr erschienen neue Autoren, neue Bücher."

Autoren vom Subkontinent

Löffler geht es um zweierlei. Sie will aufmerksam machen auf ein Phänomen, das längst kein literarisches Randthema mehr ist, keine Nische auf dem Globus der Bücher mehr einnimmt. Autorinnen und Autoren, vor allem aus Indien und Pakistan, aber auch aus einigen Ländern Afrikas und aus der karibischen Region, haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Heimat verlassen und sind nach Europa oder Nordamerika ausgewandert. Nach Großbritannien vor allem, aber auch in die Vereinigten Staaten. London und New York sind die Zentren dieser neuen Weltliteratur.

Konsequenterweise haben diese eingewanderten Schriftsteller über ihre Erfahrungen geschrieben: "Es geht um die Migranten aus den Kolonien, die nach England gegangen sind und sich dort angesiedelt haben und darüber schreiben." Doch Löffler hat in ihrem Buch auch noch eine andere Gruppe im Blick: "Es geht auch um Autoren, die in ihren ehemaligen Kolonien weiterhin leben und über diese Kolonien schreiben."

Boom der Migranten-Literatur

Inzwischen kann man schon mehrere Generationen dieser Migranten-Literatur ausmachen. Löffler beginnt in ihrer Untersuchung mit den ersten, frühen Romanen aus den Jahren nach 1945. Der Boom der Migranten-Literatur setzte allerdings erst später ein. "Die erste Generation hat tatsächlich diesen ersten großen Lebensbruch, nämlich die Migration, zu ihrem Thema gemacht, sei es, dass sie auf die Herkunftsländer schaute, sei es, dass sie darüber schreibt, wie schwierig es ist, in den Ankunftsländern Fuß zu fassen oder sich dort zu integrieren."

Jüngere Autoren schrieben nicht mehr über "das Rätsel der Ankunft", so Löffler, sondern hätten bereits andere Themen: "Die sind auch nicht mehr selbst Armutsmigranten, sondern erfreuen sich bereits der Elitemobilität. Die sind schon auf einem ganz anderen Niveau."

Vom Wechsel der Kulturen

Trotzdem sei Migration und das "Fremde" für all diese Autoren immer noch d a s große Lebensthema. Sie alle stellten sich folgende Fragen: "Wie ist es, wenn man nomadisiert ist, wenn man keinen festen Ort in der Welt hat? Wenn man die Kontinente gewechselt hat und in ganz andere Kulturen einwandert und aus anderen Kulturen kommt? Was passiert da mit einem? Welche Veränderungen ergeben sich da in der eigenen Weltwahrnehmung, wenn man mehrere Identitäten oder Identitäten gewechselt oder vielleicht hybride Identitäten hat?"

Preis für Saša Stanišić

Autor Sasa Stanisic (Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Saša Stanišić und sein neuer Roman "Vor dem Fest"

In Deutschland hat sich dieses Phänomen erst in den letzten Jahren bemerkbar gemacht, in jüngster Zeit dafür umso nachhaltiger. Es sind Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien, auch aus der Sowjetunion, aus dem türkischsprachigen Raum, die man inzwischen schon selbstverständlich zur deutschen Literatur zählt. Diese Schriftsteller hätten auch einen Sprachwechsel hinter sich, sagt Sigrid Löffler. Sie schreiben heute auf Deutsch und sehen sich als Teil der modernen deutschen Literatur. "Diese Autoren bereichern die deutsche Literatur", ist Sigrid Löffler überzeugt und verweist auf die gerade zu Ende gegangene Leipziger Buchmesse, auf der Saša Stanišić den "Leipziger Buchpreis" erhielt. Auch Stanišić hat einen Auftritt bei der lit.Cologne, einen Tag später als Sigrid Löffler. Der Erfolg des jungen aus Bosnien-Herzegowina stammenden Autors ist damit ein guter Beleg für die These der Literaturkritikerin, die in ihrem Buch "Die neue Weltliteratur" von der immensen Verbreitung dieser Art von Literatur erzählt.

Zum Weiterlesen: Sigrid Löffler: "Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler", C.H. Beck Verlag, München 2014, 344 Seiten, ISBN 978 3 406 65351 3.

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