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Aktuell Welt

Welle der Gewalt gegen Hass-Video

Es war abzusehen: Nach den Freitagsgebeten eskalieren die Proteste gegen das Mohammed-Video in der gesamten islamischen Welt. Sicherheitskräfte sind im Dauereinsatz. In Pakistan gab es Tote.

Trotz schärfster Sicherheitsvorkehrungen ist bei den Protesten gegen das islamfeindliche Video aus den USA und die Mohammed-Karikaturen eines französischen Satireblatts in mehreren Staaten zu blutigen Unruhen gekommen. Aus mehreren pakistanischen Städten wurden Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und Steine werfenden Demonstranten gemeldet. Mindestens 16 Menschen wurden dabei getötet. Einige Demonstranten zündeten US-Flaggen an oder verbrannten Abbilder von US-Präsident Barack Obama.

In der Hauptstadt Islamabad durchbrachen Hunderte aufgebrachte Muslime mehrere Absperrungen rund um das Regierungsviertel. Dort befinden sich auch mehrere westliche Botschaften. Zahlreiche Polizisten und Demonstranten seien verletzt worden, meldeten lokale Medien. Innenminister Rehman Mailk erklärte, die Armee stünde zum Eingreifen bereit. Aus Sorge vor Anschlägen sperrte die pakistanische Regierung nach eigenen Angaben die Mobilfunknetze in mindestens 15 Städten, darunter Karachi, Lahore und Islamabad. Ziel sei es, Extremisten auf diesem Weg daran zu hindern, Bomben per Handy fern zu zünden, sagte ein Mitarbeiter des Innenministeriums.

Pakistans Regierung geißelt Bigotterie

Pakistans Premierminister Raja Pervez Ashraf hatte den Freitag zuvor zum landesweiten Feiertag zu Ehren des Propheten Mohammed erklärt und damit die Proteste angeheizt. Der Film "Unschuld der Muslime", in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird, sei die "schlimmste Art von Bigotterie", sagte er. Das habe nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Gleichzeitig forderte Ashraf die Vereinten Nationen sowie andere internationale Organisationen dazu auf, Wege zu finden, um Äußerungen zu verbieten, die "Hass schüren und die Saat der Zwietracht säen". Nach der Äußerungen Ashrafs riefen zahlreiche politische und religiöse Gruppen zu Protesten nach den Freitagsgebeten auf.

Der in den USA gedrehter Schmähfilm über den Propheten sowie neue, in Frankreich veröffentlichte Mohammed-Karikaturen sorgen seit Tagen für Aufruhr in der islamischen Welt. Die deutsche Botschaft in der sudanesischen Hauptstadt Khartum war am vergangenen Freitag von einem wütenden Mob angegriffen und in Brand gesetzt worden. Frankreich schloss aus Furcht vor Übergriffen am Freitag vorübergehend Botschaften, Konsulate, Schulen und Kulturzentren in 20 Ländern.

Video ansehen 01:42

Antiwestliche Proteste in Pakistan

USA schalten Werbespots

Die US-Regierung bemüht sich derweil um Deeskalation. Eine Regierungssprecherin teilte mit, dass in Pakistan auf sieben Fernsehsendern ein Spot laufe, in dem sich Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton von dem Video distanzierten. In dem kurzen und in der Landessprache Urdu untertitelten Beitrag sagt Obama, die Vereinigten Staaten seien ein Land, das seit seiner Gründung alle Glaubensrichtungen akzeptiere. Clinton beteuerte nochmals, dass die USA mit dem islamfeindlichen Video nichts zu tun hätten. Nach Angaben der Sprecherin können die sieben Sender, auf denen der Spot ausgestrahlt wird, theoretisch 90 Millionen Pakistaner erreichen.

In Malaysia waren nach Polizeischätzungen etwa 5000 Menschen vor der US-Botschaft und einer nahe gelegenen Moschee aufgezogen. Die Botschaft war bereits zuvor vorsorglich geschlossen worden. Regierungschef Najib Razak bezeichnete das Video als "tief verletzend", rief seine Landsleute aber auf, Ruhe zu bewahren und dafür zu sorgen, dass die Proteste nicht in Gewalt ausarten. In Indonesien waren gepanzerte Polizeifahrzeuge vor der aus Sicherheitsgründen geschlossenen US-Botschaft aufgefahren. Proteste wurden auch aus Afghanistan, dem Irak, Sri Lanka und Bangladesch gemeldet.

Deutsche Botschaften werden stärker bewacht

In der gesamten arabischen Welt werden im Lauf des Tages mit Kundgebungen gerechnet. "Wir haben überall in der Region die Sicherheitsvorkehrungen verschärft und teilweise auch das Sicherheitspersonal verstärkt", teilte Bundesaußenminister Guido Westerwelle mit. Zugleich rief er dazu auf, "dass die Empörung, die sich auch in vielen islamischen Ländern verbreitet, friedlich zum Ausdruck gebracht wird". Auch mehreren deutschen Städten beantragten Muslime Demonstrationen.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hat seine Befürchtungen vor weiteren gewaltsamen Ausschreitungen in der muslimischen Welt zum Ausdruck gebracht. Die Situation sei äußerst gespannt, sagte Mazyek im deutschen Fernsehsender Phoenix. Das islamfeindliche Mohammed-Video sei dabei nur der Auslöser für die Proteste: "Der eigentliche Grund ist, dass es ein großes Potenzial an Vorurteilen gegenüber dem Westen gibt. Die Völker dort haben über viele Jahre gelitten und Demütigungen erfahren." Als Beispiele nannte er die Koranverbrennungen und die Enthüllungen über die Misshandlungen von Gefangenen im Gefängnis Abu Ghraib.

Kleine Proteste in Deutschland

In Freiburg im Breisgau demonstrierten mehrere hundert Teilnehmer gegen das islamfeindliche Video. Die Polizei begleitet die Veranstaltung mit mit einem Großaufgebot. Die Stadtverwaltung hatte die Demonstration nur unter strengen Auflagen genehmigt. Eine noch kleinere Kundgebung gab es in Münster, ein Aufruf in Hannover ging ins Leere.

Frankreich dagegen verbat alle öffentlichen Demonstrationen gegen die neuen Mohammed-Karikaturen in der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo". Es werde keine Ausnahmen geben, sagte Innenminister Manuel Valls.

mm/sc (dpa, rtr, afp dapd)

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