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Asien

"Das schlechteste Video auf YouTube"

Salman Rushdie hat "The Innocence of Muslims" als das "schlechteste Video auf YouTube" bezeichnet. Besonnene Muslime stellen sich unterdessen die Frage, wie sie auf westliche Provokationen reagieren sollen.

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie will die jüngste Morddrohung gegen ihn nicht ernst nehmen. Eine religiöse iranische Organisation, so berichtete die konservative iranische Zeitung "Dschomhoori Eslami" am Sonntag (16.09.2012), hat das Kopfgeld auf Rushdie von umgerechnet 2,1 auf 2,5 Millionen Euro erhöht. Ursprünglich war auf Rushdie vor 23 Jahren wegen angeblicher Beleidigung des Propheten Mohammed ein Kopfgeld von knapp einer Million Euro ausgesetzt worden.

Die "Stiftung 15. Khordad" werde das Kopfgeld an denjenigen auszahlen, der Rushdie tötet, schrieb "Dschomhoori". Der 15. Khordad im persischen Kalender erinnert an den 5./6. Juni 1963, als der spätere Revolutionsführer Ayatollah Khomeini nach Protesten im Iran festgenommen wurde. 1989 erließ der geistige Führer Khomeini eine Fatwa, der zufolge Rushdie wegen seines umstrittenen Romans "Die Satanischen Verse" den Tod verdiene. Viele Muslime sahen in dem Roman eine Schmähung des Propheten Mohammed.

Aufgewühlte Emotionen

Buchcover: Joseph Anton, die Autobiographie von Salman Rushdie

In seinen Erinnerungen erzählt Rushdie vom Leben unter der Todesdrohung

Rushdie reagierte auf die jüngste Drohung mit der Bemerkung, dahinter stecke "der Wunsch eines einzelnen Geistlichen im Iran nach einer Schlagzeile." Er äußerte sich in New York bei der Vorstellung seines jüngsten autobiographischen Buches "Joseph Anton", in dem er sein Leben unter der Todesdrohung seit 1989 schildert. Rushdie sagte, die religiöse Stiftung von Ayatollah Hassan Saneii habe schon seit längerer Zeit ein solches Kopfgeld angeboten, aber nur wenige Menschen hätten das ernst genommen.

Der Fall Rushdie erhält neue Brisanz nicht nur durch das Kopfgeld, sondern auch durch das provozierende Video eines Amerikaners mit dem Titel "Innocence of Muslims", dessen Verbreitung im Internet zu gewalttätigen Protesten in mehreren islamischen Ländern, darunter Libyen, Ägypten, Afghanistan und Pakistan geführt hatte. Die Behörden in Pakistan und Afghanistan sperrten den Internet-Zugang zu dem Video und zu YouTube insgesamt. In Indien hat YouTube das Video aus eigener Entscheidung gesperrt. Rushdie bezeichnete den Film als das "schlechteste Video", das derzeit im Internet zu sehen sei.

Interessengruppen profitieren

Verbrennung der US-Flagge in Peshawar (Foto: Reuters)

Das Schmähvideo aus den USA wühlt Emotionen in islamischen Ländern auf, wie hier in Pakistan

Für viele Muslime aber sei das Video "Innocence of Muslims" ein Echo des Romans "Satanische Verse", erklärt Emrys Schoemaker, Kommunikationsexperte an der London School of Economics. Früher sei der Austausch zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Weltbildern durch Zeit und Raum begrenzt gewesen, das habe sich im Informationszeitalter geändert. "Den Luxus der Isolation gibt es nicht mehr", so Schoemaker. "Extremisten verschiedener Couleur stoßen zusammen, ohne über eine Debattenkultur zu verfügen." Im Ergebnis würden radikale Positionen vertreten, die nur ganz speziellen Interessengruppen dienten.

Lindsey German von der Londoner "Stop the War Coalition", einer Initiative gegen den britischen Afghanistan-Einsatz, sagt, man müsse die Reaktionen auf Rushdie und auf das Islam-Video im größeren Zusammenhang betrachten. "Es geht nicht nur um einen einzelnen Schriftsteller. Es geht um die ganze westliche Politik im Nahen und Mittleren Osten. Solange der Westen seine Politik gegenüber islamischen Ländern nicht ändert, werden sich solche Ereignisse wiederholen", meint Lindsey German.

Anders sieht es Adeel Khan, Experte für Beziehungen der islamischen Welt zum Westen an der Universität Cambridge. Muslime sollten ihr Verhalten an den besten Vorbildern ihrer religiösen Tradition ausrichten und der Gewalt abschwören. "Der Prophet Mohammed übte selbst seinen lebenslangen Feinden gegenüber Vergebung, und er lehrte seine Anhänger, niemals die Götter ihrer Feinde herabzuwürdigen", so Khan gegenüber der Deutschen Welle. Er fügt hinzu, es wäre hilfreich, wenn auch die Menschen im Westen sich rücksichtsvoller gegenüber Religion und Kultur anderer verhielten, "insbesondere in der vernetzten Welt von heute."

Mit solch abwägenden Überlegungen hält sich der in Karatschi lebende schiitische Aktivist Syed Ali Mujtaba Zaidi nicht lange auf. Er sagte gegenüber der DW, es sei "notwendig, den Westen immer wieder daran zu erinnern, dass wir Gotteslästerer nicht gewähren lassen." Man werde solchen Leuten das Leben zur Hölle machen, so dass andere ihrem Beispiel nicht folgen würden.

Rushdie als Literat anerkannt

Rushdie stellt sein Buch Shalimar the Fool vor (Foto: AP)

Rushdie wurde 2007 von der britischen Königin wegen seiner Verdienste um die Literatur geadelt

Zum Fall Rushdie sagt der pakistanische Journalist Mohsin Sayeed, dass dessen umstrittene Schriften in Großbritannien und im Westen akzeptabel seien, aber eben nicht in islamischen Ländern. Im übrigen halte er die "Satanischen Verse" für ein "schlecht geschriebenes" Buch, das nicht das Urteil über den Autor bestimmen sollte. Sayeed lobte dagegen "Midnight's Children", Rushdies "hervorragendes" Buch über die Teilung Britisch-Indiens. "Wir sollten die 'Satanischen Verse' nicht allzu ernst nehmen", empfiehlt Sayeed. "Ich glaube, unser Prophet steht weit über solchen Trivialitäten."

Der pakistanische Autor M. Salman Usmani sagte der DW, dass sich viele Leute über Rushdie aufregten, die seine Bücher gar nicht gelesen hätten. "Wenn es um umstrittene Schriftsteller geht, halten sich die Leute meist an irgendwelchen Inhalten auf und bemerken gar nicht das Neue an der Erzählung", beklagt Usmani. Er zieht den Vergleich mit James Joyces "Ulysses" heran, ein Buch, das Anfang des 20. Jahrhunderts wegen seiner "Obszönität" das Missfallen der westlichen Kulturwächter hervorrief. Unter Schriftstellern und Kritikern in Südasien gilt Rushdie weithin als Romanautor, dessen Beitrag zum Reichtum der englischsprachigen Literatur nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.