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Geschichte

Weizman in Berlin und Bonn - Normalisierung und Irritationen

Der Deutschland-Besuch des israelischen Präsidenten Ezer Weizman zeigt 1996 beispielhaft: Die deutsch israelischen Beziehungen sind normalisiert - aber nicht normal.

Bundespräsident Roman Herzog mit Ezer Weizman (r.) in Berlin (Foto: dpa)

Bundespräsident Roman Herzog mit Ezer Weizman (r.) in Berlin

Als erster israelischer Präsident spricht Ezer Weizman am 16. Januar 1996 vor dem Deutschen Bundestag - mit einem "Rucksack der Erinnerungen" auf den Schultern, wie er formuliert. Es falle ihm vor dem Hintergrund der Vergangenheit nicht leicht, in Deutschland zu sein. Weizman fordert Abgeordnete und Regierung auf, Neonazismus und Rassismus weiter mutig zu bekämpfen.

Bundeskanzler Helmut Kohl (r.) bedankt sich bei Weizman für dessen Rede vor Bundestag in Bonn (Foto: dpa)

Bundeskanzler Helmut Kohl (r.) bedankt sich bei Weizman für dessen Rede vor dem Bundestag in Bonn

Weniger durch diese Rede als durch eine kritische Bemerkung sorgt Weizman allerdings für Aufregung in der deutschen Öffentlichkeit. Er kritisiert, dass Juden - fünfzig Jahre nach dem Holocaust - noch immer in Deutschland lebten, anstatt in Israel. Allein die Existenz Israels, so Weizman, garantiere die Zukunft des jüdischen Volkes. Viele widersprechen. Jüdische Intellektuelle betonen, sie lebten freiwillig und ohne Angst hier. Und die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth dankt - in Anwesenheit des kritischen Staatsgastes - der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ausdrücklich für ihr Engagement.

Gepackte Koffer

Gehen oder bleiben? Dies ist nach dem Zweiten Weltkrieg für die zurückgekehrten Juden eine oft gestellte Frage, symbolisiert im Bild vom "gepackten Koffer": Wer den Holocaust überlebt hat, die Schwierigkeiten bei der Verfolgung von NS-Verbrechen, die Wiederkehr des Antisemitismus sieht, zweifelt, ob er jemals in Deutschland heimisch werden kann. Viele Juden bleiben trotzdem - mehr noch: seit den neunziger Jahren blühen die Gemeinden, insbesondere wegen der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, regelrecht auf. Für israelische Politiker dagegen ist es lange Zeit schwer, sich mit der Legitimität jüdischer Existenz in Deutschland abzufinden. Und die Vergangenheit ist bis heute gegenwärtig, wenn sich Deutsche und Israelis begegnen.

Die 1952 beschlossene so genannte Wiedergutmachung mit ihren Entschädigungszahlungen an Israel ist in beiden Ländern heftig umstritten. Die Begegnung von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Israels Ministerpräsident David Ben-Gurion 1960 in New York wird als Sensation und in der israelischen Politik als Provokation zugleich empfunden. Dennoch urteilt Adenauer: "Ich glaube, dass dieses Zusammentreffen zwischen Ben Gurion und mir viel dazu beigetragen hat, in der gesamten Welt die Überzeugung hervorzurufen, dass wir tatsächlich eine Versöhnung einleiten."

Auf dem Weg zur Normalisierung

Fünf Jahre später werden diplomatische Beziehungen aufgenommen. Botschafter Rolf Pauls erinnert sich an die Proteste bei seiner Ankunft. Er meint, gemessen an dem, was geschehen war, sei es selbst zwanzig Jahre nach dem Krieg noch "relativ früh" für diesen Schritt gewesen.

Ein bewaffneter Polizeibeamter im Olympischen Dorf in München ab, wo Terroristen am 5. September 1972 israelische Geiseln festhalten (Foto: dpa)

Ein bewaffneter Polizeibeamter im Olympischen Dorf in München ab, wo Terroristen am 5. September 1972 israelische Geiseln festhalten

Der Abstand zum historischen Geschehen wächst, die neue aktuelle Herausforderung des Nahostkonflikts dominiert die gegenseitige Wahrnehmung. 1972 werden die Beziehungen durch das von palästinensischen Terroristen verübte Olympiaattentat schwer belastet: Eine Lufthansa-Maschine wird kurz darauf von Palästinensern entführt, die Bundesregierung lässt für die Freilassung der Passagiere drei überlebende Attentäter von München frei - die israelische Öffentlichkeit ist schockiert.

Willy Brandt, der ein Jahr später als erster amtierender Bundeskanzler nach Israel reist, findet für das deutsch-israelische Verhältnis diese Formel: "Normale Beziehungen mit besonderem Charakter". Und 1975 formuliert es Israels Botschafter in Bonn, Yochanan Meroz, so: " Ich glaube, dass sich die Beziehungen weitgehend normalisiert haben, ohne dass sie heute bereits normal sind."

Scham und Vergebung

Angela Merkel vor der Knesset (Foto: dpa)

Angela Merkel vor der Knesset

25 Jahre später geschieht fast ein kleines Wunder: Bundespräsident Johannes Rau wendet sich mit einer bemerkenswerten Rede in der Knesset an die israelische Öffentlichkeit. Er spricht deutsch und bittet "um Vergebung für das, was Deutsche getan haben." 2005 ist Amtsnachfolger Horst Köhler in Israel zu Gast. Vier Jahrzehnte diplomatische Beziehungen sind zu feiern. "Deutschland steht unverbrüchlich zu Israel und seinen Menschen", versichert das deutsche Staatsoberhaupt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt 2008 anlässlich der Feierlichkeiten zum 60jährigen Bestehen des Staates Israel, ebenfalls in der Knesset: "Die Shoah erfüllt uns Deutsche mit Scham. Ich verneige mich vor den Opfern, ich verneige mich vor den Überlebenden und vor denen, die ihnen geholfen haben, dass sie überleben konnten".

Das Bekenntnis zur Verantwortung für das Existenzrecht Israels und das Recht des jüdischen Staates auf Frieden und Sicherheit ist fester Bestandteil der deutschen Staatsräson. Diskussionen um Holocaust-Leugner, um rechtsextreme Parteien, neue oder alte Antisemiten sorgen freilich auch im sechzigsten Jahr der Bundesrepublik immer wieder für Irritationen in Israel und für Unruhe in der jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Freilich: Der Nahostkonflikt polarisiert und er überlagert inzwischen die historischen Aspekte in diesem besonderen Verhältnis. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, formuliert im Jahr 2002 stellvertretend für viele - übrigens in Anwesenheit des damaligen israelischen Präsidenten Moshe Katsav: "Es ist möglich, als Jude hier zu leben. Es gibt keinen Anlass, dieses Land zu verlassen, das immer noch sehr oft als das Land der Mörder bezeichnet wird."

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Dеnnis Stute

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