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Geschichte

Vor 50 Jahren wurde ein EU-Grundstein gelegt

Die deutsch-französische Freundschaft ist ein wichtiges Fundament der Europäischen Union. Im September 1962 wurde dafür ein Grundstein gelegt - mit einem Besuch des französischen Präsidenten de Gaulle in Bonn.

Er steht auf dem geschmückten Rathausbalkon und streckt seine mächtigen Hände der Menschenmenge entgegen: "Es lebe Bonn, es lebe Deutschland, es lebe die deutsch-französische Freundschaft!" Applaus brandet auf, unten jubelt das Volk, gegen das er zweimal in den Krieg gezogen ist. Charles de Gaulle, Hauptmann der französischen Armee im Ersten Weltkrieg, in dem er verwundet wurde und in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet; Charles de Gaulle, als General im Zweiten Weltkrieg Anführer des Widerstandes gegen die Nazis und ihre Kollaborateure. Nun, in den ersten Septembertagen 1962, besucht er als erster französischer Staatspräsident die Bundesrepublik. Seine Botschaft der Versöhnung überbringt er in der Sprache, die er eigentlich nie wieder sprechen wollte. Vor Soldaten der Bundeswehr zitiert er den von den Nazis vertriebenen Schriftsteller Carl Zuckmayer: "War es gestern unsere Pflicht, Feinde zu sein, ist es heute unser Recht, Brüder zu werden."

Ein holpriger Start

Charles de Gaulle und Konrad Adenauer vor Menschen mit Transparenten (Foto: picture alliance/dpa)

Gestenreich bedankt sich Charles de Gaulle (l.) bei den Bonnern

Auf der Ebene der Staatsmänner ist das schon Wirklichkeit: Charles de Gaulle und den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer verbindet eine tiefe Freundschaft. Gemeinsam, so hofft vor allem de Gaulle, soll das deutsch-französische Bruderpaar die Politik im Nachkriegseuropa bestimmen. Dabei strebt er an, die gerade gegründete Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zu einer politischen Union auszubauen. Bilateral soll ein Freundschaftsvertrag in diese Richtung weisen, der Elysée-Vertrag. "Das Wichtigste ist, nie das Vertrauen der Freunde zu verlieren", sagt Adenauer bei der Unterzeichnung im Januar 1963. "Ohne diesen Vertrag gibt es keine europäische Einheit." Doch der Weg dorthin ist holprig. Solange de Gaulle regiert, verhindert er den Beitritt Großbritanniens. Danach gibt es ständig Streit ums Geld. Es dauert fast zwanzig Jahre, bis ein anderes deutsch-französisches Duo der europäischen Integration einen weiteren, großen Schub verleiht.

Für ein europäisches Deutschland

François Mitterrand und Helmut Kohl Hand in Hand vor Kränzen in Verdun (Foto: picture alliance/dpa)

François Mitterrand (l.) und Helmut Kohl 1984 in Verdun

Europa soll keine bloße Zweckgemeinschaft sein, das macht Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung im Mai 1983 deutlich. Die Einigung Europas sei ursprünglich "weit mehr als ein Angebot materieller Vorteile" gewesen, mahnt er, "und so muss es wieder werden!" Für die Vision einer politischen Gemeinschaft findet Kohl in Frankreichs Präsident François Mitterrand einen engen Verbündeten. Am 22. September 1984 stehen die beiden Hand in Hand auf dem Friedhof von Verdun. Minutenlang, in stillem Gedenken an die vielen tausend Gefallenen zweier Weltkriege. Der zierliche französische Sozialist, der im Zweiten Weltkrieg in Verdun verwundet wurde, neben dem massigen Christdemokraten aus der Pfalz - ein Bild, das Geschichte schreibt. Und es erklärt, warum der gemeinsame Traum von der politischen Vereinigung Europas nicht zerbricht, als sich kurz darauf die Machtverhältnisse erheblich verschieben.

Gegen ein deutsches Europa

Die Mauern zwischen Ost und West fallen. Das geteilte Deutschland hat die Chance, sich wieder zu vereinigen. Berlin rückt plötzlich in die Mitte Europas. Das weckt vor allem in Paris alte Ängste: vor deutschen Großmachts-Ansprüchen, vor einem deutschen Europa. Ein europäisches Deutschland fordert Mitterrand. Er stimmt der Wiedervereinigung nur zu, weil Helmut Kohl zu noch mehr Integration bereit ist. Der Kanzler schwärmt von den "Vereinigten Staaten von Europa", in denen nationale Identitäten bestehen bleiben, ohne dass eine Nation im Schatten einer anderen steht. Ein neues Europa, "in dem wir", so Kohl, "gemeinsam einstehen für eine Zukunft in Frieden und Freiheit, in Wohlstand und Sicherheit". Das sind dann auch die Ziele, die der Vertrag von Maastricht 1992 festschreibt, mit dem die Europäische Union aus der Taufe gehoben wird.

Neue Herausforderungen

Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: Horacio Villalobos (EPA)

Präsident Sarkozy mit Bundeskanzlerin Merkel

Danach geht alles sehr schnell: 1995 fallen die ersten Grenzkontrollen innerhalb der EU weg, sieben Jahre später wird der Euro zur gemeinsamen Währung, und eine Arbeitsgruppe soll eine europäische Verfassung entwerfen. Kohl und Mitterrand sind nicht mehr an der Macht, aber die große Osterweiterung der EU im Jahr 2004 - von 15 auf 25 Mitglieder - ist ihr Erbe. Es gehört fest zum Ritual für die neuen Mächtigen in Paris und Berlin, sich zur Tradition der deutsch-französischen Europapolitik zu bekennen. Frankreichs Präsident Sarkozy steigt kurz nach seiner Wahl im Mai 2007 in den Flieger nach Berlin. "Niemals darf diese Freundschaft geopfert werden, die so viel überstanden hat", verspricht er der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch ihre gemeinsame Mission ist die schwierigste seit Beginn der europäischen Einigung. Die erweiterte EU braucht dringend Reformen. Aber der Vertrag, der sie handlungsfähiger machen soll, fällt bei den Bürgern durch: die erste Version bei Franzosen und Niederländern, die zweite bei den Iren. Der Jubel über die Versöhnung, wie ihn de Gaulle, Adenauer, Mitterrand und Kohl kannten, ist heute einer großen Skepsis gewichen.

Die Entwicklung der deutsch-französischen Freundschaft war in den vergangenen immer eng an das persönliche Verhältnis der jeweils Regierenden geknüpft. Oft war die Zusammenarbeit von Kanzlern und Präsidenten aus unterschiedlichen politischen Lagern besonders fruchtbar, wie die Beispiele Kohl und Mitterand oder - aus jüngerer Vergangenheit - Schröder und Chirac zeigen. Inzwischen hat Frankreich mit François Hollande einen neuen Präsidenten. Der Sozialist Hollande und die konservative Kanzlerin Merkel, die im Frühjahr sogar ganz offen Wahlkampf für Sarkozy gemacht hat, suchen noch eine gemeinsame Linie - schließlich geht es darum, das Scheitern des Euro zu verhindern und damit eine der größten Krisen in der Geschichte der EU zu bewältigen.