1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Aktuell Deutschland

Weiwei-Werkschau: Die Kraft der Kunst

Mit Porzellan-Krabben, aufgetürmten Fahrrädern oder vielen Holzschemeln erzählt einer der wichtigsten Gegenwartskünstler von den Zuständen in China. Seine Werkschau in Berlin wird Ai Weiwei aber kaum zu sehen bekommen.

"He Xie" heißt die Installation: Flusskrabben. 3500 handgefertigte Exemplare aus feinstem Porzellan sind in der Mitte eines Raumes im Berliner Martin-Gropius-Bau aufgestellt. Das chinesische Wort für "Flusskrabbe", He Xie, wird genauso ausgesprochen wie das Wort "Harmonie". Und das ist ein strapazierter Propaganda-Begriff der Machthaber in Peking für die von ihnen angestrebte "Harmonisierung" der Gesellschaft. Es braucht diese Erklärung – aber dann wird auch dem Nicht-Chinesen einiges klar.

"Ai Weiweis Werke sind wie eine Flaschenpost. Wir müssen die Botschaften lesen und entschlüsseln", sagt Museumsdirektor und Kurator Gereon Sievernich. Zwei Jahre lang hat er bei mehreren Besuchen in Peking mit Ai diese Schau konzipiert.

Ironisch, spektakulär, bedrückend

Ai ist ein politischer Künstler. In seinen Arbeiten prangert er willkürliche Verhaftungen und Machtmissbrauch an, fordert Meinungsfreiheit und Demokratie, macht Umweltskandale und Korruption öffentlich. Für Berlin schuf er eine ebenso spektakuläre wie bedrückende Ausstellung, zu deren Eröffnung er am Abend prompt nicht anreisen durfte. Bis heute wird ihm sein Pass verweigert.

Die weltweit größte Einzelschau des chinesischen Künstlers trägt den Titel "Evidence" - Beweis - und zeigt sein vielfältiges Werk bis zum 7. Juli. Für jeden der 18 Räume im Gropius-Bau hat Ai das Arrangement bis ins kleinste Detail aus der Ferne entwickelt. Die Ausstellung schlägt den Bogen von frühen Werken, die noch während seines Aufenthalts in New York Anfang der 1980er Jahre entstanden sind, bis zum Jahr 2014. Etwa die Hälfte der Installationen wurde eigens für Berlin geschaffen. In seinen Arbeiten verbindet er Anleihen aus der chinesischen Kultur mit westlicher Konzeptkunst.

Spektakulär ist die Arbeit "Stools" (Hocker) im zentralen Lichthof. Dicht an dicht sind hier 6000 antike Hocker aus der Ming- und Qing-Dynastie aufgereiht. Ihre benutzten Oberflächen bilden einen lebendigen zweiten Boden über den Fliesen des Atriums - sie sollen den rücksichtslosen Umgang mit der eigenen Vergangenheit in China symbolisieren.

Eindrucksvoll ist auch die Installation "Very Yao" aus 150 Fahrrädern, die turmförmig in der runden Öffnung der Treppenhalle hängt. Sie erinnert an den jungen Yang Jia, der nach einem angeblichen Fahrradklau zum Tode verurteilt wurde.

Appelle an Peking

Ai Weiwei hofft weiterhin, doch noch zu seiner großen Ausstellung reisen zu können. In einer Video-Botschaft zur Eröffnung der Schau kündigte der 56-jährige an: " Ich habe vielleicht die Möglichkeit, zu der Ausstellung zu kommen, das Erlebnis mit dem Publikum teilen und vielleicht einige Erklärungen zu meiner Arbeit geben zu können. Ich hoffe, dass es passiert, aber ich weiß nicht, ob es in naher Zukunft sein wird."

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters appellierte am Mittwochabend an die chinesische Regierung, Ai endlich Reisefreiheit zu gewähren. Museumsdirektor Gereon Sievernich bleibt allerdings skeptisch: "Ich weiß nicht, ob das das Herz der Regierung erreicht. Ich habe meine Zweifel, aber wir hoffen."

rb/se (dpa, epd)