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Bücher

Was uns Schiller heute noch zu sagen hat

Zum 250. Geburtstag des Weimarer Klassikers empfehlen die Schiller-Experten Rüdiger Safranski und Norbert Oellers Dramen und philosophische Schriften des berühmten deutschen Dichters und Denkers.

Jenaer Schiller-Büste von Johann Friedrich von Dannecker (Foto: AP)

Ein aktueller Klassiker

Das Schicksal von Klassikern ist oftmals die traurige Tatsache, dass ihr Name in aller Munde ist, allerdings kein Mensch mehr ihre Bücher liest. Man mag es kaum glauben, aber auch Friedrich Schiller teilte vor gar nicht allzu langer Zeit dieses Schicksal: Nachdem es vor allem im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine ungeheure Schiller-Verehrung gegeben hatte, wandte man sich in den 1960er-Jahren von ihm ab. In jüngster Zeit wird Friedrich Schiller endlich wiederentdeckt. Schon weit im Vorfeld seines 250. Geburtstages am 10. November ist überall von ihm die Rede und es gibt eine ganze Reihe neuer Publikationen. Die Schiller-Experten Norbert Oellers und Rüdiger Safranski empfehlen Dramen und philosophische Schriften, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Gute Kunst ist immer aktuell

Der Schillerpreisträger der Stadt Marbach und Herausgeber der Schiller-Nationalausgabe, Norbert Oellers - Archivfoto von 1996 (Foto: picture-alliance / ZB)

Norbert Oellers, Herausgeber der Schiller-Nationalausgabe

Was aus dem 18. Jahrhundert stammt, ist nur dann aktuell, wenn es gute Kunst ist, findet der Bonner Literaturwissenschaftler und Universitätsprofessor Norbert Oellers. Er ist der Herausgeber der Schiller-Nationalausgabe. Wie kaum ein anderer kennt er sich aus im Werk des Weimarer Klassikers. Sein Blick auf Friedrich Schiller ist äußerst differenziert: Zwar zählt er zu seinen Bewunderern, aber längst nicht alles hat in seinen Augen Bestand. Schillers Jugendlyrik, seine schwärmerischen Liebesgedichte, sagt er im Gespräch mit der Deutschen Welle, seien nicht unbedingt Kunstwerke, "die ein ewiges Leben verdient haben". Und er fährt fort mit seiner kritischen Bestandsaufnahme: "Unter den Dramen finde ich gerade jenes Stück am schwächsten, das am nächsten der Schillerzeit ist, nämlich 'Kabale und Liebe', wo Probleme verhandelt werden, die uns heute nicht mehr so furchtbar interessieren. Aber weil es so einfach ist, wird es in der Schule immer wieder traktiert und man sieht es auf der Bühne – ich habe furchtbare Aufführungen gesehen."

Was Norbert Oellers hasst, das sind mühsame Modernisierungen. In Deutschland werden klassische Dramen häufig so inszeniert, dass man das Originalstück gar nicht mehr erkennen kann. Norbert Oellers ist allerdings keineswegs ein Feind jeglicher Aktualisierung, sondern fordert eine sorgfältige Auswahl der Schillerschen Stücke: "Zeitlose, gute Dramen, von denen es einige gibt aus Schillers Hand, vertragen im Grunde jede Aktualisierung, weil sie aktuell sind. Ob das 'Die Räuber' sind, 'Wallenstein' sowieso und auch 'Die Jungfrau von Orleans', die ich außerordentlich schätze – da gibt’s genug."

Der deutsche Shakespeare

Albrecht von Wallenstein (1583-1634) - Foto: dpa

Albrecht von Wallenstein

So hält Norbert Oellers Schillers Erstlingswerk 'Die Räuber' geeignet für eine Inszenierung mit konkretem Gegenwartsbezug, die sogar der Meister selbst akzeptieren könnte. Der Streit zwischen den beiden verfeindeten Brüdern, dem freiheitsliebenden Rebellen Karl und dem kalten Intrigenspinner Franz, lässt sich durchaus auf heutige politische Kämpfe übertragen. Doch die reifen Stücke des "deutschen Shakespeare", wie Schiller schon zu Lebzeiten genannt wurde, liebt Norbert Oellers besonders, allen voran den 'Wallenstein'.

Die große Dramen-Trilogie über den 30-jährigen Krieg hält er nicht nur sprachlich für ein Meisterwerk, sondern auch in der Gestaltung der Figuren und der Handlung. Hier werde "Tragödie eines großen Menschen vorgeführt", die übertragbar sei auf "das Menschsein überhaupt". Die Begeisterung für den 'Wallenstein' teilt Norbert Oellers mit dem Philosophen und Schiller-Biografen Rüdiger Safranski, der das Drama für eines der größten Stücke hält, die in Deutschland je geschrieben worden sind.

Der deutsche Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski (Foto: dpa)

Rüdiger Safranski

Im Gespräch mit der Deutschen Welle sagt er: "Wenn man sich mit dem Problem der Macht beschäftigt und der Reichweite möglichen Handelns und wie sehr man sich, wenn man politisch handelt, zugleich verstrickt in viele andere Handlungsweisen und am Ende nie das herauskommt, was man eigentlich will, ist man ganz gut beraten, sich mal 'Wallenstein' anzugucken, wo dieses Problem dann so behandelt wird."

Die Dichterfreundschaft zwischen Schiller und Goethe

Gerade ist Rüdiger Safranskis Buch "Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft" erschienen und hat sofort die Bestsellerlisten erobert. Seine Darstellung der Dichterfreundschaft zeigt, dass diese Beziehung auch heute noch Modellcharakter haben kann. Hier könne man lernen, so Safranski, "was Freundschaft eigentlich ist und was sie leisten kann: Dass Menschen auch gegensätzlicher Art mit großem Vergnügen aneinander zusammen wirken, um sich selber noch besser zu machen."

Buchcover Rüdiger Safranski: Goethe & Schiller (Foto: Hanser)

Was der Philosoph Safranski allerdings ganz besonders schätzt, sind die theoretischen Schriften Schillers, in denen es darum geht, welche Bedeutung die Kunst für das gesellschaftliche Zusammenleben hat. Und das sind vor allem die Briefe 'Über die ästhetische Erziehung des Menschen'. Da gerät Safranski ins Schwärmen: "So gut ist auf theoretischem Gebiet noch nie geschrieben worden – vorher und ich glaube auch hinterher nicht." Es ist das Spiel, das den Menschen zum Menschen macht, hat Schiller gesagt. Wer sich mit unserer Zivilisation auseinandersetzen wolle, die dieses Spielelement in der Überflussgesellschaft zur Perfektion gesteigert habe, der sei, so Safranski, "gut beraten, zu Schiller zu greifen".

Aktualität wächst aus Interesse

Dennoch sind Schillers philosophische Schriften keine leichte Lektüre, sie fordert Leser, die bereit sind, sich auf eine intensive Auseinandersetzung einzulassen. Aber "Aktualität drängt sich nicht einfach auf", sagt Safranski, sie rühre auf dem Interessen, das wir auch heute noch an den Themen hätten: "Und dann kommt einem auch was vom Gegenstand – also von dem Stück oder von dem Werk – entgegen."


Autorin: Christel Wester
Redaktion: Gabriela Schaaf

Die Bücher:

Rüdiger Safranski: Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft. Hanser Verlag, 343 S., 21,50 Euro, ISBN 978-3-446- 23326-3

Im Oktober erscheint:
Friedrich Schiller / Johann Wolfgang Goethe: Der Briefwechsel. Herausgegeben und kommentiert von Norbert Oellers unter Mitarbeit von Georg Kurscheidt.
Band 1: Text, 1150 S., 34,90 Euro, ISBN 978-3-15-010712-6.
Band 2: Kommentar, 500 S., 24,90 Euro, ISBN 978-3-15-010737-9

Zum Weiterlesen:
Rüdiger Safranski: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Hanser Verlag, 559 S., ISBN 3-446-20548-9
Norbert Oellers: Schiller. Elend der Geschichte, Glanz der Kunst. Reclam Verlag, 519 S., ISBN 3-15-010565-X

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