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Afrika

Was steckt hinter der Geiselnahme in Bamako?

Der Anschlag auf das Radisson Hotel im Bamako ist der dritte auf ausländische Zivilisten in Mali dieses Jahr. Was beunruhigt: Einen Anschlag dieser Größenordnung und Professionalität hat es dort bisher nicht gegeben.

Am Freitagmorgen dringen Maschinengewehrschüsse aus dem siebten Stock des Radisson Blu Hotel in Malis Hautstadt Bamako: Islamisten eröffnen das Feuer und nehmen 170 Geiseln, darunter Gäste und Mitarbeiter des Hotels. Viele ausländische Staatsbürger befinden sich in dem Gebäude, darunter auch Deutsche.

Nach dem Sturm des Hotels durch Sicherheitskräfte sind nach jüngsten Angaben mindestens 21 Menschen tot. Die malische Regierung verhängte für zehn Tage den Ausnahmezustand über das gesamte Land.

Zu dem Anschlag bekannte sich via Twitter die Al-Kaida nahestehende Gruppe Al-Murabitoun (Deutsch: "Die Wächter"). "Auch wenn es noch nicht offiziell bestätigt ist, halten wir dieses Bekennerschreiben durchaus für realistisch", sagt Katja Müller, Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Bamako. "Zu den Mitgliedern der dschihadistischen Gruppe zählen hauptsächlich Tuareg und Araber aus dem Norden Malis aus der Region Timbuktu, Gao und Kidal." Al-Murabitoun sei regional stark vernetzt und rekrutiere viele Mitglieder aus Algerien und Tunesien.

Vermehrt Terror-Anschläge auf Ausländer

Es ist bereits der dritte gezielte Anschlag auf ausländische Zivilisten in diesem Jahr: Erst im August kam es zu einer Geiselnahme in Sévaré, rund 600 Kilometer von Bamako entfernt. Terroristen überfielen das überwiegend von Ausländern und UN-Mitarbeitern bewohnte Byblos-Hotel. Mit einer Militäraktion gelang es französischen und malischen Soldaten vier Geiseln zu befreien. Zwölf Menschen kamen jedoch ums Leben, darunter fünf Soldaten, vier Extremisten und drei Hotelgäste, die aus Russland, Südafrika und der Ukraine stammten.

Zuvor hatten im März bewaffnete Terroristen das unter Ausländern beliebte Restaurant "La Terrase" in Bamako überfallen und dabei fünf Menschen erschossen. Unter den Opfern waren ein Franzose und ein Belgier. Seitdem sei die Lage in Bamako verhältnismäßig ruhig gewesen, so Jan Henrik Fahlbusch. Er ist der Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bamako und beobachtet die Sicherheitslage in Mali intensiv. "Vor dem Hintergrund kommt der Angriff am Freitag auch sehr überraschend, vor allem dass es ein so gut bewachtes Hotel getroffen hat."

Das Radisson Blu ist ein gehobenes Hotel, das sehr zentral in Bamako liegt. Es habe bisher den Ruf als das sicherste Hotel der Stadt genossen und sei daher ein beliebter Treffpunkt für internationale Delegationen, Diplomaten und Geschäftsleute gewesen, erzählt Fahlbusch. "Der beste Schutz für uns war auch die mangelnde Professionalität der Terroristen", so Fahlbusch im DW-Gespräch. Die Geiselnahme im Radisson Blu deute hingegen auf eine sehr professionelle Vorgehensweise hin. Die Angreifer hätten einen Wagen mit Diplomaten-Kennzeichen genutzt, um sich Zugang zu dem sehr gut gesicherten Hotel zu verschaffen. Fahlbusch ist davon überzeugt, dass der Anschlag sich auf den bisher sehr fragilen Friedensprozess in dem westafrikanischen Land auswirken werde.

Handelte es sich um einen Racheakt?

Müller von der FES vermutet, dass hinter der Tat eine "Counterstrategie" stecken könnte. Erst im Mai hatte die französische Armee Anführer von islamistischen Terrorgruppen gezielt getötet. "Es kann durchaus sein, dass diese Attacken, die auch an den Westen gerichtet sind, eine Reaktion darauf sind, dass ihre führenden Köpfe von internationalen Missionen ausgeschaltet wurden."

Verschiedenste Gruppen haben ein Interesse daran, das Land zu destabilisieren: Die Terrorgruppen nutzen die unsicheren Situation im Land, um ihren illegalen Geschäften - wie Drogen- und Menschenhandel -, nachzugehen. Die nationalen und internationalen Militärmissionen seien diesen bewaffneten Gruppen daher ein Dorn im Auge. "Die Terroristen sehen diese Missionen als Feinde", meint Fahlbusch. Deshalb komme es vermehrt zu Anschlägen auf Orte an denen sich westliche Ausländer aufhalten. Die Vorgehensweise bei dem Anschlag auf das Radisson Hotel ziele aber auch darauf ab, den Süden zu destabilisieren und "den Terror in die verhältnismäßig ruhige Hauptstadt Bamako zu tragen".

Sicherheitskräfte in Aktion (imago/PanoramiC)

Spezialkräfte beim Einsatz, die Geiseln zu befreien

Wiliam Assanvo ist Sicherheitsexperte für Westafrika und forscht am Institut für Sicherheitsstudien in Dakar. Er geht nicht davon aus, dass eine Verbindung gibt zu den Anschlägen von Paris: "Die terroristische Bedrohung in Mali hat ihre eigene Dynamik und Agenda."

Brüchiger Frieden

Seit mehr als drei Jahren ist die Sicherheitslage in Mali mehr als angespannt. Im Frühjahr 2012 hatten Tuareg-Rebellen und islamistische Milizen die fragile politische Lage nach einem Militärputsch in Bamako genutzt und weite Gebiete im Norden des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Der Vormarsch der Islamisten weiter nach Süden im Jahr darauf konnte durch eine Militärintervention Frankreichs gestoppt worden. Seit 2013 ist die UN-Blauhelmtruppe MINUSMA in Mali im Einsatz, um die Gebiete zu sichern.

Im Juni kam es unter der Vermittlung Algeriens zu der

Unterzeichnung eines neuen Friedensvertrages

zwischen der malischen Regierung und den wichtigsten Tuareg-Rebellengruppen. Dieser sollte eine Waffenruhe und einen dauerhaften Frieden im unruhigen Norden garantieren. Doch lange hielt der Frieden nicht.

Die Lage in Mali ist unübersichtlich:

Verschiedene dschihadistische Gruppen sind aktiv,

darunter 'Al-Kaida im Maghreb' (AQIM), Mujao oder die vor Ort verwurzelte

Rebellenorganisation Ansar Dine.

Der malische Außenminister hatte zunächst den Verdacht geäußert, Ansar Dine könnte hinter den Anschlägen stecken, weil die Gruppe vor kurzem in einer Audiomitteilung zum 'Dschihad' gegen Frankreich aufgerufen habe.

Diskussion um deutsche militärische Beteiligung

Bisher konnten weder die französischen Soldaten der Operation Serval, noch die mehr als 10.000 Blauhelmsoldaten der MINUSMA die Lage im Norden Malis stabilisieren. Deutschland engagiert sich derzeit hauptsächlich bei der EU-Trainingsmission, die die malischen Streitkräfte ausbildet. Dort sind 210 deutsche Soldaten im Einsatz. Zehn weitere sind entsendet für die UN-Mission "MINUSMA".

Nun will Deutschland der Bitte der Franzosen nach militärischem Beistand nachkommen. Vor einer Woche kündigte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen an, einige zusätzliche Bundeswehr-Soldaten zur UN-Friedensmission nach Mali zu schicken. Vom dem kommenden Jahr an sollen sie die im Norden des Landes eingesetzten niederländischen Truppen entlasten und aufklären, wo sich Terrorgruppen und Milizen bewegen. Ebenfalls im Gespräch ist ein deutsches Engagement an der Anti-Terror-Operation "Barkhane" in der Sahelzone.

Mitarbeit: Susan Houlton

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