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Nahost

Was kommt nach Assad?

Syriens Präsident Bashar al-Assad geht weiterhin brutal gegen die Demonstranten vor. Die Staatengemeinschaft zögert, denn keiner weiß, was ein Umsturz für die Region und für die Minderheiten im Land bedeuten würde.

Ein Demonstrant in Banias hält ein Schild hoch Die Menschen wollen das Regime stürzen (Foto: AP/Bürgerjournalismus)

Die Menschen wollen das Regime zu Fall bringen - Wie geht es dann weiter?

Muslime, Christen, Alawiten, Drusen und Ismailiten. Kein anderes Land des Nahen Ostens, ausgenommen der kleine Libanon, hat eine derartige religiöse und ethnische Vielfalt wie Syrien. Syrien ist laut Verfassung ein säkularer Staat, der seit Jahrzehnten sozialistisch geprägt ist. Das Regime der Assad-Familie hat in den vergangenen 41 Jahren nie offen eine konfessionelle Politik verfolgt. Dennoch könnten die Proteste gegen das Regime zu religiösen und ethnischen Spannungen führen, meint der Nahost-Experte Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Besonders die religiösen Minderheiten Syriens hätten Sorge davor, dass der Sturz des Assad-Regimes sich lange und blutig hinziehen könnte und möglicherweise in bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen münde. "Es könnte auch zu konfessionelle Spannungen und Racheakten kommen", so Perthes.

Das Spiel mit der Angst

Religiöse Symbole: Kirchturm, Minarett (Foto: AP)

Es könnte zu ethnischen und religiösen Spannungen kommen in Syrien

Racheakten, wie sie in konfessionell homogeneren Ländern wie Tunesien und Ägypten bisher ausgeblieben sind. In Syrien seien sie möglich, so Perthes. Besonders die Alawiten müssten Gewaltakte fürchten, da die Assads selber Alawiten seien. Außerdem haben sowohl Hafez al-Assad als auch sein Sohn Baschar al-Assad die meisten Schlüsselpositionen in Regierung, Militär und Geheimdienst mit Alawiten besetzt. Die Regierung in Damaskus schüre bereits die ersten Konflikte zwischen Sunniten und Alawiten, sagt Perthes. "Da werden alawitische Dörfer bewaffnet, die geografisch nah an sunnitischen Dörfern liegen. Das sind ganz gefährliche Tendenzen und da haben auch einfache Angehörige der Minderheiten, die nicht vom Regime profitieren, Angst davor. Und zwar berechtigte Angst."

Seit Beginn der Proteste behauptet die Regierung in Damaskus, es handele sich um einen bewaffneten Aufstand, den es niederzuschlagen gelte. Das Regime macht ausländische Kräfte für die Unruhen verantwortlich: Islamisten, Salafisten und vereinzelt werden sogar Libanesen beschuldigt. Die syrischen Machthaber spielen bewusst mit der Angst des Volkes vor konfessionellen Auseinandersetzungen. Das verstärke die Wut bei den Demonstranten, meint die Syrien-Expertin und Journalistin Kristin Helberg: "Die versuchen in ihren Slogans und mit ihren Plakaten immer wieder zu zeigen, dass sie die Einheit des syrischen Volkes wollen, dass sie gegen konfessionelle Spaltung sind, und dass sie mit allen konfessionellen Gruppen zusammen Reformen und Veränderungen fordern."

Eine konfessionell heterogene Gesellschaft

Plakat des syrischen Präsidenten Baschar Al Assad und des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah (Foto: DPA)

Bashar al-Assad (r.) und Hassan Nasrallah - Welche Rolle wird die Hisbollah noch spielen?

Etwa 70 Prozent der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, inklusive der Kurden, die aber keine Araber sind. Alawiten, Drusen und Ismailiten stellen etwa 20 Prozent der syrischen Population, und zehn Prozent der Syrer sind Christen. Hinzu kommen die christlichen Iraker, die als Flüchtlinge ins Land gekommen sind, weil sie im Irak entführt, erpresst und gezielt getötet wurden. Nicht wenige Christen in Syrien fürchten, dass sie nach einem Sturz der Assad-Familie und ihren Anhängern ebenfalls in Exil flüchten müssten. Die Leute hätten Angst vor Chaos und Gewalt wie im benachbarten Irak, sagt die Journalistin Kristin Helberg.

Eine Sorge, die sich darauf begründet, dass, sollte es zum Sturz der Assad Familie kommen, die Christen in einer Regierung konservativer sunnitischer Muslimen diskriminiert oder sogar verfolgt werden könnten. Sunniten sind derzeit in höheren Positionen und in der Regierung völlig unterrepräsentiert, obwohl sie die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Nahost-Experte Volker Perthes hält diese Sorge dennoch für unbegründet, denn die verschiedenen Minderheiten würden schon mal keine sunnitisch, fundamentalistischen Parteien wählen, sollte es zu demokratischen Wahlen in Syrien kommen. "Bei den sunnitischen Muslimen selbst gibt es einen großen Trend von bürgerlich gut ausgebildeten Kräften, die ein säkulares System aufrecht erhalten wollten", sagt Perthes. Insofern sei das Wählerpotential für die Muslimbrüder in Syrien eher begrenzt. Hinzu komme, dass die Muslimbrüder, die als militante Organisation in den 1980er Jahren vom Regime vertrieben wurden, im Wesentlichen im Exil überlebt haben. "Dort haben sie gelernt, dass sie keine strikt fundamentalistische Agenda mehr durchsetzen können."

Fundamentalisten unterdrückt

Vater Hafez und Sohn Baschar haben während ihrer gesamten Herrschaft dafür gesorgt, dass fundamentalistische Strömungen in Syrien unterdrückt wurden. Und obwohl die Assads bekanntermaßen gute Kontakte zur schiitischen Hisbollah im Libanon und im Iran pflegen, haben sie es aber immer verstanden diese nicht ins Land zu lassen, so Volker Perthes. "Das Assad-Regime war pragmatisch. Es hat innenpolitisch den Islamisten wenig Raum gegeben. Und es hat außenpolitisch mit der Hamas und der Hisbollah aber gut kooperiert. Ähnliche politische islamische Tendenzen im eigenen Land hat das Regime einfach unterdrückt."

In den vergangenen Jahren haben die Assads es verstanden, dem

Proteste in einem Damaszener Vorort (Foto: AP)

Die Syrer protestieren für Reformen und für einen Abgang Assads

Volk zu vermitteln, dass sie als syrische Alawiten sich auch um Minderheiten kümmern. Dabei kann Syrien auf eine Tradition der religiösen Toleranz zurückblicken, die schon vor der Herrschaft der Baath-Partei der Assads einsetzte. Vor 1970 stellte die muslimische Mehrheit in Syrien die Regierung und auch die meisten Minister. Dem Kabinett gehörten aber auch Christen und Alawiten an. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Syrien an den großen Handels - und Verkehrsrouten von der Türkei in die arabische Welt liegt. So konnten sich hier verschiedene Kulturen und Gemeinschaften mischen und in Syrien ihre Spuren hinterlassen.

Bruch in der schiitischen Achse

Auch wenn es nach einem Sturz der Assad zu ethnischen Spannungen kommen sollte, müssten die Minderheiten eine mehrheitlich sunnitische Regierung wohl kaum fürchten. Und es wäre auch nicht wahrscheinlich, dass es zu einer streng religiösen Folgeregierung kommt. Die Assads haben selber dazu beigetragen, dass es kaum fundamentalistisch organisierte Kräfte im Land gibt.

Dem Westen würde ein Machtwechsel in Syrien in die Hände spielen, denn dann wäre die schiitische Achse Syrien-Libanon gebrochen, sagt der Nahost-Experte Thomas Pierret vom Zentrum Moderner Orient in Berlin. Die Hisbollah würde ihren wichtigsten Partner in der Region verlieren. "Durch einen Regimewechsel in Syrien wäre die Hisbollah im Libanon sehr geschwächt. Und da die Hisbollah so sehr in Zusammenhang mit dem alten Assad Regime gebracht wird, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass eine neue Regierung in naher Zukunft gute Beziehungen zur Hisbollah aufbauen würde."

Autorin: Diana Hodali
Redaktion: Daniel Scheschkewitz

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