1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Was ist Privat? Und was macht die Kunst daraus?

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt, wie die Künstler in den letzten Jahrzehnten mit der Privatsphäre umgegangen sind. Der Einfluss der "neuen Medien" wird dabei auch kritisch bewertet.

"Facebook ist die logische Weiterentwicklung von Big Brother." Diese steile These stammt nicht etwa von einem älteren, intellektuellen Medienkritiker, sie kommt aus dem Munde des Künstlers Edgar Leciejewski. Der ist Jahrgang 1977, gebürtiger Leipziger und einer von 30 Künstlern, die gerade in der Frankfurter Kunsthalle Schirn die Ausstellung "Privat" bestückt haben. Vom Umgang der Kunst mit dem Privaten - so hätte man die Schau auch untertiteln können. Oder ganz konkret: Was machen die neuen Medien mit uns Menschen? Wie groß sind Nutzen und Gefahren für jeden Einzelnen, wenn er sein Privates öffentlich macht und zur Schau stellt?

Blick auf Google Street View

Edgar Leciejewski vor einem seiner Bilder (Foto: DW/J. Kürten)

Edgar Leciejewski vor einem seiner Bilder in der Ausstellung "Privat" in der Schirn

Spannende Fragen stellt die Ausstellung, und wenn man einem jungen Künstler wie Leciejewski lauscht, dann wird klar: der Umgang der Menschen mit Computer und Smart-Phone, mit Internet und sozialen Netzwerken wird differenziert, aber auch mit einer gehörigen Portion Misstrauen beobachtet. Leciejewski ist mit drei großformatigen Fotografien vertreten, die verpixelte Menschen in New York zeigen. Die Idee sei ihm vor ein paar Jahren gekommen, als er in der US-amerikanischen Metropole erstmals mit Google Street View konfrontiert worden sei, erzählt Leciejewski der Deutschen Welle.

In seiner Heimat habe es das damals noch gar nicht gegeben. Für ihn seien die Personen auf den Fotos Porträts der Menschen des 21. Jahrhunderts: "Die Menschen wurden von Dienstleister Google unkenntlich gemacht, um ihre Privatsphäre zu schützen“, erzählt Leciejewski. Sie seien durch das Verfahren zwar unkenntlich gemacht worden, doch man habe sie zu Platzhaltern reduziert, zu Projektionsflächen.

Kunst und Privates - eine lange Tradition

"Künstler haben sich schon immer mit ihrem Innersten beschäftigt und das dann ausgestellt", sagt der Direktor der Kunsthalle Schirn, Max Hollein und verweist damit auf die Tatsache, dass der Umgang mit dem Privaten in der Kunstgeschichte so neu nicht ist. Was waren denn die unzähligen Selbstporträts der Künstler anderes als Zeugnisse für den Blick in den Spiegel? Als Mitteilungen über das eigene Leben? Sich abzulichten oder über sich zu schreiben, das hat auch außerhalb der Kunstwelt eine lange Tradition. Die Ausstellung dokumentiert das mit Tagebüchern, privaten Fotografien, Polaroids, Super-8-Filmen.

Ein Foto des Künstlers Ryan McGinley ('Marcel, Ann & Coley') (Foto: Kunsthalle SCHIRN)

Intime, private Fotos - als Kunstwerk öffentlich gemacht, Arbeit von Ryan McGinley aus dem Jahre 2005

Neu hingegen ist, und darum geht es der Schau "Privat" natürlich in allererster Linie, die unfassbare Breite, mit der das Thema seit ein paar Jahren in die Gesellschaft hineinwirkt. Die sozialen Netzwerke mit Facebook an der Spitze und Internetkanäle wie YouTube haben dazu geführt, dass inzwischen jeder, der das möchte, sein intimstes Privatleben jedem und zu allen Zeiten mitteilen kann. Diese Entwicklung wird inzwischen von vielen Künstlern begleitet und kommentiert. Werke, wie die von Leciejewski, die sich explizit mit neuen Mediengiganten wie Google auseinandersetzen, sind Beleg dafür.

"Zwei Kräfte, die gegeneinander spielen"

"Natürlich freuen wir uns über die vielen technischen Möglichkeiten, die uns zu Verfügung stehen, und sicherlich kann Transparenz etwas sehr schönes sein", meint Ausstellungskuratorin Martina Weinhart. Keiner wolle zurück in die vermufften Verhältnisse der 50er Jahre. Andererseits müsse man aber auch sagen, dass da zwei Kräfte sind, die gegeneinander spielen. "Wenn wir nicht mehr Herr über unser Bild sind, unser Privatleben, wenn wir in den unschönsten Situationen gezeigt werden, noch dazu im öffentlichen Raum, dann muss man erkennen, dass da zwei Kräfte sind, die gegeneinander spielen." Letztendlich müsse jeder für sich selbst sehr genau entscheiden, wie man im Internet navigiert.

Weinhart spricht auch von einer "elektronischen Einsamkeit", in der sich viele Menschen befinden und vom "Fetisch Handy", von dem sich viele gar nicht mehr trennen könnten. Ein wacher Blick auf Nutzen und Möglichkeiten, aber auch auf das Wagnis, sich den neuen Medien auszuliefern, wird in solchen Aussagen von Künstlern und Kuratoren spürbar.

Bild aus der Reihe Fake 258 vom chinesischen Künstler Ai Weiwei (Foto: Kunsthalle SCHIRN)

Ai Weiwei fotografiert sich selbst und stellt das ins Netz: das Internet als "privates Schutzschild"

Aber die Ausstellung "Privat" zeigt auch die ungeheuren Möglichkeiten, die sich den Künstlern und auch den "ganz normalen" Menschen nunmehr ergeben. Der Chinese Ai Weiwei ist der heute vielleicht international bekannteste Kunstaktivist, der das Internet für seine Zwecke nutzt. Als "privates Schutzschild" hat er es einmal bezeichnet und wie in allen Staaten, in denen die freie Meinungsäußerung eingeschränkt ist, erschließt sich schnell, wie das gemeint ist. Wenn der Staat die Menschenrechte Ai Weiweis beschneidet, dann kann der das schnell in alle Welt "posten" - zumindest, solange er noch Zugriff auf die Medien hat. Das gewährt bis zu einem gewissen Grad Schutz und Sicherheit und kann einen repressiven Staat in seiner Macht einschränken.

Medien im Unterricht

Wie kann man nun das richtige Maß finden im Medien-Dschungel, Schutz vielleicht auch vor sich selbst? Ein Künstler wie Leciejewski macht da einen überraschenden wie einfachen Vorschlag: "Die Politik hat es schon verschiedentlich vorgeschlagen: man müsste das Unterrichtsfach Medienkunde einführen."

Für Martina Weinhart ergibt sich aus der Beschäftigung mit dem Thema noch eine weitere Frage. Privates Zurschaustellen in der Öffentlichkeit und Authentizität, das ist fast schon ein Widerspruch: "Privatheit ist immer auch inszeniert. Jedes Bild ist inszeniert. Es gibt nicht das Bild, das zufällig vom Himmel fällt. Privatheit ist immer eine Konstruktion. Das war schon in den 60er Jahren so, bei Andy Warhol." Und das ist auch heute wohl noch so: Das "wirkliche" Privatleben findet noch immer hinter verschlossenen Türen statt - wenn alle Kameras und Handys ausgeschaltet sind.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links