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Bücher

Was ist ein Leser?

Über Buchsortiersysteme, Literatur-Roboter oder Schriftsteller als Autofahrer: hier schreibt Thomas Böhm Kolumnen aus dem Lesealltag.

DP Kultur Symbolbild Buchmanieren

Kinder stellen die besten Fragen. Wie neulich meine dreieinhalbjährige Tochter: "Papa, was ist ein Leser?" Ich überlegte: "Jemand, der regelmäßig liest." Ihre unausweichliche, beste aller Nachfragen lautete natürlich: "Warum?"

Um beim nächsten Mal besser gerüstet zu sein, und eine Antwort zu geben, die das "Warum" vermeidet, habe ich folgende Liste zusammengestellt.

Also: Was ist ein Leser?

1. Jemand, der gerade etwas liest, ein Lesender.

2. Ein Leser ist, laut Statistik, meist eine Leser in .

3. Da das Wort "lesen" vom lateinischen legere (man kann nie früh genug auf den Lateinunterricht einstimmen) also vom lateinischen legere = "aufsammeln" kommt, ist ein Leser ein Sammler. Ein Sinnsammler. Dann schnell weiter:

Leser sind Verwandlungskünstler

4. Aber nicht unbedingt ein Büchersammler. Eher jemand, der ohne Bücher nicht leben kann, "dessen Vorstellungen und Überzeugen sich aus ihnen speisen, der darum aber nicht notwendig dauern liest oder viele Bücher besitzt". Ich werde so tun, als stamme das nicht von dem Pädagogen Hartmut von Hentig, sondern von mir.

5. Jetzt wieder kindgerechter: Leser sind Verwandlungskünstler. In Sekunden verwandeln sie sich. Von Thomas Mann-Lesern in den Bodo Bär-Leser, Märchenvorleser, Gedankenleser, Heizungsableser, Lippenleser, Vorleser, Nicht-Leser.

Im Sessel bleiben

Thomas Böhm, Programmleiter des Kölner Literaturhauses

Thomas Böhm, Programmleiter des Kölner Literaturhauses

6. Goetheleser. Die Antwort behalte ich für Tochters Abiturzeit auf. "Es gibt dreierlei Arten Leser: Eine, die ohne Urteil genießt, eine dritte, die ohne zu genießen urteilt, die mittlere, die genießend urteilt und urteilend genießt, diese reproduziert eigentlich ein Kunstwerk aufs neue."

7. Weniger weihevoll: "Alle Dinge kommen zu dem, der im Sessel sitzen bleibt." (Orson Welles)

Ich hoffe, die Kleine wird den Fingerzeig verstehen, in ihrem Zimmer verschwinden... und mit einem Buch zu mir in den Sessel zurückkehren. Damit setzt sie sich auf meinen Schoß und wir beide sind: glückliche Leser.

Redaktion: Gabriela Schaaf

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