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EU-weite Bertelsmann-Studie

Warum die Deutschen so zufrieden sind

Optimismus in Deutschland, Pessimismus in Italien. Laut einer Bertelsmann-Studie gehören die Deutschen zu den glücklichsten EU-Bürgern. Mit der Lage im Land sind sie zufrieden, nur mit der EU haben sie ein Problem.

Im Großen und Ganzen schauen die Deutschen optimistisch in die Zukunft: Fast 60 Prozent von ihnen sind der Meinung, ihr Land entwickle sich in die richtige Richtung. 63 Prozent sind mit der Art wie deutsche Demokratie funktioniert, zufrieden und 77 Prozent sagen, ihre wirtschaftliche Situation sei in den vergangenen zwei Jahren entweder gleich geblieben oder habe sich sogar verbessert.

Die neueste "eupinions"-Studie der Bertelsmann Stiftung zeichnet ein rosa Bild, wenn es um die Wahrnehmung Deutscher von Deutschland geht. Die Autorinnen Isabell Hoffmann und Catherine de Vries haben aber nicht nur Deutsche befragt, sondern mehr als 10.000 Menschen in allen 28 EU-Staaten. Das Ergebnis: Die Deutschen sind zufriedener als andere Europäer. Aber nur mit sich - nicht mit der EU. 

72 Prozent der befragten Deutschen geben an, unzufrieden mit der Richtung der EU zu sein. "Es gibt in Deutschland diese seltsame, schräge Wahrnehmung: In Deutschland läuft alles super, aber in der EU läuft es schlecht", sagt Isabell Hoffmann, Projektleiterin der Studie.

Entwicklung der persönlichen wirtschaftlichen Situation

Entwicklung der persönlichen wirtschaftlichen Situation

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sieht in diesem Kontrast ein ermutigendes Zeichen: "Die Zufriedenheit mit der persönlichen wirtschaftlichen Lage steht im Kontrast zu der Unzufriedenheit der Deutschen mit einer unzureichenden sozialen Gerechtigkeit." Was darauf hin deute, dass vielen Deutschen mehr Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt wichtig seien. Es sei gefährlich, wenn so viele Menschen mit der Entwicklung ihres eigenen Landes zufriedener seien als mit der Entwicklung Europas, sagt Fratzscher. Die Kritik an Europa sei das Resultat eines erstarkenden Nationalismus. "Viele nationale Politiker, auch in Deutschland, missbrauchen Europa und den Euro als Sündenbock für ihre eigenen Fehler."

"Deutschland geht es faktisch gut"

Die Grundstimmung im Deutschland sei gut, sagt Isabell Hoffmann. Geholfen hätten auch eine stabile Währungssituation, äußere politische Faktoren wie der Brexit, die Trump-Wahl und die Zuspitzungen in 2016. "Wo man das Gefühl hatte: Um Himmels Willen, wo soll das denn noch alles hinführen?" Die Wahlen in Österreich, Niederlande und Frankreich standen an und rechtspopulistische Parteien hatten zunehmend an Einfluss gewonnen.

Dann die Wende: Ab 2017 habe sich alles wieder beruhigt und eine gewisse Erleichterung sei eingetreten, so Hoffmann. Die Wahlen gingen am Ende nicht so aus, wie von vielen Beobachtern befürchtet. Auch der innenpolitische Streit in Deutschland um das Management in der Flüchtlingskrise, habe sich langsam gelegt. Eine Trendumkehr nach außen und innen also, dazu die stabile wirtschaftliche Situation: "Eine der seltenen Situationen, in denen das Gras auf der anderen Seite nicht grüner zu sein scheint", sagt Hoffmann.

Im Gegensatz zu Deutschland ist die Stimmung in Italien alles andere als optimistisch. Nur 13 Prozent der Italiener sind laut Studie mit der Lage ihres Heimatlandes zufrieden. Damit sind sie im europäischen Vergleich die unglücklichsten Einwohner. Verständlich, wenn man sich ansieht, dass mehr als die Hälfte der Befragten angeben, ihre wirtschaftliche Situation habe sich verschlechtert.

Zufriedenheit mit der Richtung des Heimatlandes

Zufriedenheit mit der Richtung des Heimatlandes

Schwarzer Peter EU?

Bei der Frage, wie zufrieden die Europäer mit der Richtung der EU sind, sind ebenfalls die Italiener am unzufriedensten. Eine Tendenz lasse sich schon erkennen, sagt Isabell Hoffmann. "Wenn das eigene Land eine schlechte Note kriegt, kriegt die EU auch eine schlechte Note." Die Leute würden wenig zwischen EU-Ebene und nationaler Politik unterscheiden.

Aber warum ringt sich keines der sechs großen EU-Länder (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Polen) mehr als 38 Prozent Zufriedenheit gegenüber dem EU-Kurs ab? Die meisten Krisen, Herausforderungen und Schwierigkeiten würden nicht national, sondern auf europäischer Ebene verhandelt. Die Arbeit der EU würde in den Medien oft als permanentes Krisenmanagement betrachtet, so Hoffmann.

Im Vergleich zu anderen EU-Ländern sticht Deutschland mit einer weiteren Zahl heraus: 80 Prozent der Deutschen verorten sich in der politischen Mitte, 44 davon Mitte-links, nur sieben Prozent bezeichnen sich in Deutschland selbst als rechts. EU-weit gelte aber: Wer unzufrieden ist, orientiert sich politisch nach rechts.

Grundgefühl 'Es läuft doch'

Die optimistische Grundstimmung in Deutschland dürfte bei den Bundestagswahlen in wenigen Wochen vor allem einer Frau helfen: Angela Merkel. Ihre 'Sie kennen mich'-Kampagne hat bei der letzten Bundestagswahl genau auf dieses Bedürfnis nach Stabilität und Kontinuität abgezielt - und getroffen. "Das Grundgefühl zur Zeit in Deutschland ist: 'Es läuft doch', sagt Hoffmann. Für ihn erklärt dies auch, "warum der Wahlkampf im Augenblick so schwierig für viele Beteiligte zu sein scheint."

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