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Asien

Warten auf schlechtere Zeiten in Masar-i Scharif

In Masar-i Scharif sind noch knapp 1500 Bundeswehrsoldaten stationiert. Aber auch hier, im relativ sicheren Norden Afghanistans, wachsen die Sorgen der Menschen wegen des bevorstehenden Truppenabzugs.

In einer Karaoke-Bar in Masar-i Scharif singen junge afghanische Männer Lieder aus alten indischen Filmen oder von der afghanischen Sänger-Legende Ahmad Sahir aus den 70er Jahren. Der Inhaber der Bar stellt ein Mikrofon mal auf diesen, mal auf jenen Tisch, wo immer einer der Gäste etwas zu Gehör bringen will. Alkohol ist ebenso verboten wie der Zutritt für weibliche Gäste, die Männer müssen sich an grünen Tee oder die Wasserpfeife halten.

Die meisten sind Stammgäste, die es nicht stört, wenn die Sänger einen falschen Ton singen oder die Liedtexte vergessen und statt dessen loslachen. Aber die sorgenfreie Atmosphäre täuscht, im Gespräch wird schnell deutlich, dass die meisten hierher kommen, um die Sorgen über den verlorenen Arbeitsplatz oder über die zunehmend angespannte Lage angesichts des bevorstehenden Truppenabzugs der Ausländer zu vergessen.

Masar-i Scharif gehört zu den vergleichsweise sicheren Städten des Landes, hier ist der Hauptteil der Bundeswehrsoldaten im Rahmen der ISAF-Mission seit 2002 stationiert. Derzeit sind es noch 1450 Soldaten von insgesamt 1800. Geplant ist, dass Deutschland sich mit 800 Soldaten an der NATO-Folgemission "Resolute Support" von 2015 beteiligen wird - aber angesichts der innenpolitischen Krise in Afghanistan ist auch das nicht sicher.

Schlechtes Geschäftsklima

Eisenbahngleis in Hairatan (Foto: Picture alliance/dpa)

Eisenbahngleis in Hairatan bei Masar-i Scharif, Verbindung Afghanistans nach Zentralasien

Einer der neueren Stammgäste der Bar ist Mustafa Kohi, Filialleiter einer privaten Bank in Hairatan an der Grenze zu Usbekistan, 40 Autominuten von Masar-i Scharif entfernt. Jetzt hat er Zeit, früher wickelte er nach eigenen Angaben Transaktionen in Höhe mehrerer Millionen Dollar pro Woche ab. Über Hairatan importiert Afghanistan große Mengen Kraftstoff, der mit der Eisenbahn aus Usbekistan und anderen zentralasiatischen Ländern geliefert wird. "Vor zwei Jahren haben die Leute noch Geschäfte über Hunderttausende US-Dollar gemacht, sie hatten keine Zukunftsangst. Das hat sich geändert, jetzt da der Truppenabzug Realität wird", sagt Kohi der Deutschen Welle.

Nicht nur Geschäftsleute blicken mit Sorge in die Zukunft. So sagt Bürgerrechtsaktivist und Mitbegründer der afghanischen NGO Human Rights Focus, Soroush Kazimi: "Die Aufständischen werden durch den deutschen Truppenabzug im Norden in ihrer Kampfmoral gestärkt. Das wird unsere größte Herausforderung nach 2014 werden", so Kazimi gegenüber der DW. Nach seiner Ansicht sind die afghanischen Sicherheitskräfte in Bezug auf Ausrüstung und Ausbildung nicht ausreichend auf die Aufgabe vorbereitet, nach 2014 die Sicherheit im Lande zu gewährleisten.

Unsicherheit in Masar-i Scharif

Afghanistan Bundeswehr Abzug Nordafghanistan (Foto: DW)

Vorbereitungen zum Abzug - was kommt danach?

Die Taliban-Kämpfer sind seit diesem Sommer verstärkt zu offenen militärischen Operationen übergangenen, um Regierungseinrichtungen anzugreifen und Bezirke unter ihre Kontrolle zu bekommen. Das ist ihnen nach NATO-Angaben zwar bisher noch in keinem Fall gelungen. Dennoch werde in fast allen 34 Provinzen des Landes derzeit gekämpft, sagte das afghanische Innenministerium gegenüber der Nachrichtenagentur dpa Anfang September. Gleichzeitig setzen die Taliban weiter Selbstmordattentäter und versteckte Bomben ein: Vor kurzem wurden in Masar-i Scharif drei afghanische Sicherheitskräfte beim Versuch getötet, an einem Fahrrad angebrachte Sprengsätze zu entschärfen. Noch vor zwei Jahren waren solche Anschläge eine Seltenheit im Stadtgebiet.

Junge moderne Afghanin (Foto: DW)

Was wird aus den Fortschritten bei Frauenrechten?

Das 2013 eröffnete deutsche Konsulat in Masar-i Scharif soll parallel zur reduzierten deutschen Militärpräsenz die diplomatische Präsenz und Unterstützung Deutschlands verstärken. Soroush Kazimi ist nicht der einzige, der diese guten Absichten zwar begrüßt, aber doch skeptisch sieht. "Ich glaube nicht, dass das Konsulat den Afghanen dasselbe Vertrauen gibt wie der Bundeswehrstützpunkt Camp Marmal in Masar-i Scharif."

Auch die Frauenrechtlerin Nilofar Sama ist besorgt. Sie sieht die Errungenschaften für die afghanischen Frauen durch den Truppenabzug gefährdet, mehr noch als durch den bereits jetzt spürbaren Rückgang der Gebergelder. "Frauen sind durch die schlechte Sicherheitslage besonders gefährdet. Ich befürchte, dass sich die Lage der Frauen durch den Truppenabzug verschlechtern wird", sagt Sama der DW. Sie setzt ihre Hoffnung darauf, dass die internationale Gemeinschaft und die Bundesregierung Afghanistan auch weiterhin unterstützen werden.

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