War Monsanto an EU-Studie zu Glyphosat beteiligt? | Wissen & Umwelt | DW | 22.03.2017
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War Monsanto an EU-Studie zu Glyphosat beteiligt?

Umweltschutzorganisationen werfen dem Hersteller des Pestizids vor, Studien über dessen Unbedenklichkeit beeinflusst zu haben. Die EU-Chemikalienagentur hatte das Mittel jüngst vom Krebsverdacht freigesprochen.

Im Streit um die Unbedenklichkeit des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat werfen Umweltschutzorganisationen dem Chemie-Unternehmen Monsanto vor, vermeintlich unabhängige Studien über die Sicherheit der Chemikalie beeinflusst und damit die Zulassungsbehörden in die Irre geführt zu haben.

Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) zitiert am 22. März aus einer noch unveröffentlichten Untersuchung der europäischen Bürgerinitiative "Stop Glyphosate", die am Donnerstag veröffentlicht werden soll.

Demnach beklagen die Umweltschützer, dass zahlreiche Studien von Forschern stammen, die zumindest Interessenkonflikte haben oder sogar in Verbindung zu Monsanto stehen.

Die Studien sind jedoch entscheidend für die Bewertung der Giftigkeit von Glyphosat durch verschiedene Behörden in den USA und der EU - unter anderem der US-Umweltschutzbehörde EPA, deren europäischen Gegenstück EFSA und der Europäischen Chemikalienagentur ECHA.

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Zulassung läuft Ende 2017 aus

Die Lebensmittelbehörde EFSA vertritt bereits seit langem die Position das Glyphosat vermutlich nicht krebserregend sei. Auch die ECHA schließt sich dem an. Sie hatte am Mittwoch der vergangenen Woche ein Gutachten vorgelegt, nachdem Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft wird. Allerdings könne das Mittel Augenreizungen hervorrufen und Wasserorganismen schaden.

Befürworter und Gegner von Glyphosat deuten das Gutachten dabei völlig unterschiedlich: Vertreter von Landwirtschaft und Industrie sehen die neue ECHA-Bewertung als Bestätigung, dass Glyphosat unter Einhaltung geeigneter Schutzmaßnahmen ohne Bedenken angewandt werden kann. 

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hingegen betonte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd), die zuständige EU-Behörde habe Glyphosat "als erhebliche Umweltgefährdung eingestuft." Bei dem Streit geht es um die Verlängerung der EU-weiten Zulassung von Glyphosat, die noch bis Ende 2017 läuft.

Verschiedene Agenturen streiten um Deutungshoheit

Die Vorwürfe der Beeinflussung von Studien durch die Industrie sind dabei nicht neu. Bereits kurz vor der Veröffentlichung des ECHA-Gutachtens hatten sich zahlreiche Umweltschutzorganisationen in einem Protestbrief an den Direktor der ECHA gewandt und auf verschiedene Fälle mutmaßlicher Interessenskonflikte von Forschern hingewiesen.

Darin kritisieren die Umweltlobbyisten auch, dass die ECHA ihr Urteil nicht nur auf veröffentlichte Studien gründet, sondern unter anderem auch auf unveröffentlichten wissenschaftliche Arbeiten, die von der Industrie zur Verfügung gestellt wurden, aber von der Öffentlichkeit nicht eingesehen oder verifiziert werden können. Damit verstoße die ECHA gegen ihr Leitbild und ihre Beteuerung auf der Webseite, dass sie "offen und transparent in ihrer Tätigkeit und ihrer Entscheidungsfindung handelt".

Welche Position bezieht die WHO?

Die Umweltschützer berufen sich auch auf ein widerstreitendes Gutachten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) aus dem Jahre 2016. Die Tochter-Behörde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte in der Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Lancet Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" klassifiziert. Kurze Zeit später hatte die WHO diese Einschätzung wieder revidiert

Die Bürgerinitiative "Stop Glyphosate" wähnt indes, dass Monsanto gezielt und erfolgreich versucht hatte, die IARC Studie zu diskreditieren. So verweist der Bericht der Umweltschützer, nach Angaben der SZ auf "mehrere Artikel in einem Wissenschaftsjournal", deren Autoren mehrheitlich als Berater für Monsanto gearbeitet hätten. 

Kein Ende des Streits in Sicht

Ungewöhnlich sei allemal die Diskrepanz zwischen Studien, die Glyphosat als weitgehend unbedenklich einstufen gegenüber Studien von "unabhängigen Forschern" die das "ganz anders" sähen.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte nach der Veröffentlichung der ECHA-Studie eine Rückkehr zur Sachlichkeit im Umgang mit dem Thema gefordert. "Grundlage der Entscheidung über die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln ist und bleibt für mich die wissenschaftliche Bewertung", hatte er gegenüber dem epd gesagt.

Nur vor dem Hintergrund der nun im Raum stehenden Zweifel an der Neutralität der wissenschaftlichen Gutachten wird sein Wunsch kaum in Erfüllung gehen. Weil die wissenschaftlichen Studien nun selbst im Zentrum der Kontroverse stehen, könnte der Konflikt zwischen Glyphosat-Befürwortern und Gegnern eher an Schärfe zunehmen.

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