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Wirtschaft

Wall Street steht vor radikalem Wandel

Die Börse an der New Yorker Wall Street ist der Leitwolf der Finanzwelt. Ihr Parketthandel gilt jedoch als unzeitgemäß. Das weiß auch der Börsenvorstand. Er plant deshalb den Sprung ins elektronische Zeitalter.

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Kollege Computer soll Händler auf dem Parkett der NYSE ersetzen

New Yorker Börse, USA

Reger Handel mit Aktien findet hier gerade auf dem Börsen-Parkett der NYSE statt (Archiv-Foto)

Eine Verkaufsorder ist hereingekommen. Ted Weisberg schlängelt sich an den Stand des Chefmaklers, der Angebot und Nachfrage zusammenbringt. Del Monte, ein Hersteller von Dosengemüse, steht aktuell bei 11,30 Dollar. Ted will mehr, sagt aber keinem, was er vorhat. Der Profi weiß: Wenn die anderen Händler vermuten, dass er verkaufen will, halten sie den Preis absichtlich niedrig.

"Das ist ein riesiges Katz- und Mausspiel hier", sagt Ted. "Ich verhandle so lange, bis ich den bestmöglichen Preis für meine Kunden erzielt habe. Darin sind uns die Computer unterlegen, denn sie führen jeden Auftrag sofort aus. Schauen sie, Del Monte steigt: Jetzt krieg ich meine Aktien für 11,35 los."

Zehn Mal Frankfurt

Ted ist Aktienhändler an der New Yorker Börse (New York Stock Exchange / NYSE) auf der weltberühmten Wall Street. Sie ist der älteste und wichtigste Aktienumschlagplatz der Welt. An einem durchschnittlichen Handelstag wechseln hier 1,5 Milliarden Aktien im Wert von mehr als 46 Milliarden Dollar den Besitzer. Zum Vergleich: An der Börse in Frankfurt am Main beträgt das tägliche Handelsvolumen knapp über vier Milliarden Dollar. Und noch etwas macht die New Yorker Börse einzigartig: Sie ist eine der letzten Bastionen des traditionellen Parketthandels. Nur hier laufen immer noch bunt beschürzte Händler wie Ted hin und her, die sich die Kehlen heiser schreien, um für ihre Auftraggeber die besten Preise herauszuschlagen.

In 90 Prozent aller Fälle holen die Parketthändler tatsächlich bessere Preise heraus als der Kollege Computer. Trotzdem soll das soll jetzt anders werden. Die großen Investmentbanken, die jeden Tag Milliarden von Dollar umsetzen, pfeifen jedoch auf den Mehrverdienst. Sie finden das Auktionsmodell zu langsam. Immer mehr wandern zu den elektronischen Handelssystemen ab, wo die Transaktionen in Sekundenbruchteilen vollzogen werden. 12 Prozent der an der New Yorker Börse gelisteten Aktien werden inzwischen auch an der Computerbörse Nasdaq gehandelt.

Abschied vom Gemeinnutz

New Yorker Börse in der Wallstreet

New Yorker Börse an der Wall Street (Archiv-Foto)

Um gegenzusteuern, hat die New Yorker Börse sich mit der Archipelago-Holding zusammengetan. Anfang 2006 soll der Zusammenschluss unter Dach und Fach sein. Dann können die Investoren wählen, ob sie ihre Orders wie gehabt per Menschenhand oder aber per Knopfdruck ausführen wollen.

Wenn die Fusion einmal durch ist, soll die New Yorker Börse auch keine gemeinnützige Organisation mehr sein. Sie wird dann unter dem Namen NYSE Group firmieren und in eine gewinnorientierte und börsennotierte Aktiengesellschaft umgewandelt. "Das ist ein notwendiger Schritt zum Erhalt der globalen Wettbewerbsfähigkeit und Führung", sagt der Vorstandsvorsitzende John Thain.

Schätzungen zufolge wird sich der Nettogewinn der neuen NYSE Group bis 2006 auf 200 Millionen Dollar versiebenfachen. Immer wieder gibt es Gerüchte, dass der Finanzplatz sich mit den Mehreinnahmen in Europa einkaufen will. Erstes Zielobjekt könnte die kapitalschwache London Stock Exchange sein.

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