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Wirtschaft

Wall Street: Schein oder Sein?

2014 geht als Jahr der Superlative in die Geschichtsbücher der Wall Street ein. Bereits das sechste Jahr in Folge gab es an den amerikanischen Aktienmärkten nur eine Richtung. Kommt 2015 das böse Erwachen?

Plötzlich war Donnie verschwunden. Jahrelang arbeitete Donnie auf dem Parkett der New York Stock Exchange. Zuletzt betreute er den Börsengang von Manchester United. Schon sein Großvater arbeitete an der Börse und spielte sogar in den 1940er Jahren für das Fußballteam der New York Stock Exchange (NYSE). Doch wie für so viele Broker, Trader oder Market Maker in den vergangenen Monaten findet sich auch für Donnie kein Platz mehr in dem immer stärker automatisierten Handelssystem. Im Sommer musste er gehen.

Die Kurse an der Wall Street stiegen derweil von einer Rekordmarke zur nächsten. Rund 35 Rekorde verbuchte der bekannteste Index, der Dow Jones Industrial Average, im Jahresverlauf. Am 3. Juli, einen Tag vor dem Independence Day, schloss der Dow erstmals in der Geschichte über der Marke von 17.000 Zählern. Kurz vor Weihnachten ging es sogar erstmals über die 18.000er Marke.

Krisen? Welche Krisen?

Wie an Teflon tropften die globalen Krisen an den US-Märkten ab. Kleine Kratzer gab es im Herbst, als die Ölpreise innerhalb kürzester Zeit um fast 50 Prozent einbrachen. Selbst die Aussicht auf eine Veränderung der amerikanischen Geldpolitik schien die Investoren nicht aus der Bahn zu werfen. Ende Oktober beendete die US-Notenbank das fast zwei Jahre laufende sogenannte QE3-Programm. In dieser Zeit hat die Fed für etwa 1600 Milliarden Dollar Hypothekenpapiere und Staatsanleihen gekauft. Das entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Indien.

Die Stärke beziehen die USA aus sich selbst. Das Land hängt weit weniger vom Ausland und Export ab, als das etwa in Deutschland, Russland oder auch China der Fall ist. "Das Wachstum ist hausgemacht, es basiert vor allem auf der Binnennachfrage," erklärt Harm Bandholz, US-Chefökonom der UniCredit in New York, den Aufschwung. Zuletzt erreichten die USA Wachstumsraten von etwa vier Prozent. Dabei reagiere der Konsum auf steigende Vermögenseffekte, so Harm Bandholz. Durch die Kursgewinne der Aktien hätten die Amerikaner mehr Geld zur Verfügung gehabt. Auch der Arbeitsmarkt hat sich deutlich verbessert. Kurz nach der Finanzkrise sprang die Arbeitslosenquote auf zehn Prozent. Heute steht die Quote unter sechs Prozent.

Nur wenige profitieren

Das bedeutet nicht, dass es allen Amerikanern besser geht als vor dem Jahreswechsel. Und das gilt nicht nur für Donnie. Die Partizipation am Aktienmarkt hat in den USA in den letzten Jahren stark nachgelassen. Entsprechend profitiert nur ein kleiner Teil der Bevölkerung von den Gewinnen an der Wall Street. 2014 war auch das Jahr der großen Unruhen. Das gilt mit den Ausschreitungen in Ferguson oder New York auch für die USA. Diese Proteste sind Ausdruck, dass viele Amerikaner der Meinung sind, von dem generellen Wachstum im Land abgeschnitten zu sein.

Die Boulevard-Presse in New York titelte kurz vor Weihnachten über die "Monster Rally" an der Wall Street. Dabei gibt es durchaus einige beunruhigende Vorboten, was 2015 auf die globalen Aktienmärkte zurollen könnte. Es gab in den letzten Wochen massive Schwankungen an den Rohstoff-, Devisen und Anleihemärkten. Laut David Welch, der bei Bechtel für das Europa- und Nahost-Geschäft zuständig ist, sollten die sinkenden Ölpreise dem globalen Wachstum helfen. Bechtel gehört zu den ältesten Baufirmen der USA. Mark Winterhoff, Senior Partner bei Roland Berger, geht davon aus, dass die tiefen Spritpreise vor allem der Autoindustrie weiteren Auftrieb geben sollten.

Unsicherheit im Markt

Das klingt alles vielversprechend. Doch die Märkte sind vernetzt. Starke Korrekturen bei Öl, Gold, Bonds oder Devisen könnten andere Teile des Marktes anstecken. Es könnten Nebenwirkungen entstehen, die heute noch nicht absehbar sind. Zudem geht ein Großteil der Investoren nach wie vor davon aus, dass die US-Notenbank im kommenden Sommer erstmals seit Jahren wieder eine Zinserhöhung vornehmen wird. Welche Konsequenzen das auf den Dollar, damit verbunden die Schulden der Schwellenländer und die weitere Entwicklung der Rohstoffpreise haben wird, bleibt abzuwarten.

Donnie trauert den "good old times" ein wenig nach. Das Parkett der Börse erinnert an eine große Familie. Es gibt auch nach wie vor viele Traditionen. So haben die verbliebenen Trader an der Wall Street auch dieses Jahr wieder kurz vor Weihnachten den Song "Wait ´Til the Sun Shines, Nellie" angestimmt. Donnie wäre sicher gerne dabei gewesen. Er hat aber bereits einen neuen Job gefunden. Ob die Rally 2015 anhält, weiß niemand. Doch Donnie und viele andere können ein Lied davon singen, dass jede Krise auch ihre Chancen bietet.

Jens Korte / Sebastian Leben (New York)