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Deutschland

Wahlkampf auf fremdem Boden

Am 23. Oktober wird in Tunesien eine verfassunggebende Versammlung gewählt. Die im Ausland lebenden Tunesier können eigene Delegierte entsenden – eine Kandidatin ist die 24jährige Studentin Amal Nasr aus Bonn.

Amal Nasr – Kandidatin des Demokratisch-Modernistischen Pols für die Verfassunggebende Versammlung in Tunesien (Foto: DW)

Amal Nasr will für den tunesischen Verfassungsrat kandidieren

Wie sieht eigentlich ein Tunesier aus? Oder eine Tunesierin? So eine Frage mag normalerweise nach Klischee und Vorurteil klingen - für Amal Nasr aber ist sie in diesen Tagen völlig legitim: "Es sind mehr als 80.000 Tunesier, die hier in Deutschland leben – und die alle können mich wählen". Nur müssen die Landsleute eben erst einmal aufgestöbert, dann informiert, und schließlich auch noch überzeugt werden: In der Bonner Innenstadt, wo Amal Nasr - unterstützt von einer Freundin - Flugblätter verteilt, ist die Identifikation von potentiellen Wählern und Wählerinnen ein recht mühsames Geschäft. Aber es gibt viele Tunesier in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Hier befindet sich auch das Generalkonsulat. Dessen Eingangsbereich ist natürlich eine Pflicht-Wahlkampfetappe für Nasr; genauso wie die Universität, bestimmte Cafés - oder Telefon-Callshops, die auf Verbindungen nach Nordafrika spezialisiert sind.

Einzige Frau unter 15 Kandidaten

Amal Nasr – Kandidatin des Demokratisch-Modernistischen Pols für die Verfassunggebende Versammlung in Tunesien verteilt in der Innenstadt Flugblätter (Foto: Amal Nasr)

Amal Nasr macht Wahlkampf in einer deutschen Fußgängerzone

Gerade einmal ein Delegierter der tunesischen verfassungsgebenden Versammlung wird von Deutschland aus gewählt – oder vielmehr eine Delegierte, hofft Amal Nasr: "Ich bin die einzige Frau, die hier in Deutschland kandidiert; es sind 15 Kandidaten insgesamt." Nasr vertritt den "demokratisch-modernistischen Pol" - wie man auf dem Flugblatt und auf einer Internetseite nachlesen kann, eine "Gruppierung von politischen Parteien und verschiedenen unabhängigen Bürgerinitiativen." "Wir sind sozialdemokratisch, also sind wir eine linke Gruppierung", erläutert die Kandidatin den Standort des "Pols" im politischen Spektrum Tunesiens. "Aber es gibt sehr viele Parteien, die in das gleiche Spektrum passen. Das ist momentan einfach so in Tunesien. Es gibt 114 Parteien, von daher ist es normal, dass die sich ein bisschen ähneln."

Wahlausgang ungewiss

Amal Nasr – Kandidatin des Demokratisch-Modernistischen Pols für die Verfassunggebende Versammlung in Tunesien an ihrem Wahlkampfstand in der Innenstadt (Foto: DW)

Keine Scheu - Amal Nasr sucht den Kontakt zu den Menschen

Bei der letzten Meinungsumfrage, die vor der Wahl in Tunesien noch veröffentlicht werden durfte, kam der "demokratisch-modernistische Pol" am 30. September auf gerade einmal zwei Prozent der Stimmen. Seit dem 1. Oktober sind tunesische Demoskopen und die tunesische Presse in Sachen Wahlen per Gesetz zum Schweigen verdonnert. So richtig ernstgenommen werde diese Vorschrift aber nicht, berichtet Amal Nasr; und das angeblich so begrenzte Erwartungspotential ihres Parteibündnisses ficht sie nicht übermäßig an: "Man muss vorsichtig sein mit den Meinungsumfragen, die sind leider nicht neutral, die werden häufig von einer Partei 'bestellt'." Zumindest der "Papierform" nach scheint in Tunesien das islamistische "Movement Ennahdha" vorn zu liegen – das natürlich auch in Deutschland einen Kandidaten ins Rennen schickt. Wahrscheinlich nicht ganz chancenlos, wie eine Mitstreiterin aus Nasrs' Team einräumt: Viele Tunesier in Deutschland, auch Studenten, hätten möglicherweise ein Gefühl des Alleinseins in einer fremden Umgebung – und die suchten dann im Islam oder auch im Islamismus Gemeinschaft und Geborgenheit.

Demokratie als Lernprozess

Auch der "demokratisch-modernistische Pol" sieht laut Wahlprogramm Tunesien als "Staat mit dem Islam als Religion", tritt aber andererseits explizit für Glaubensfreiheit und die Trennung von Religion und Politik ein. Amal Nasr setzt auf eine Koalition der demokratischen Kräfte in Tunesien, auch was die schon bislang in der tunesischen Verfassung festgeschriebene Gleichberechtigung von Mann und Frau angeht: "Ich hoffe nur, dass jeder die Freiheit des anderen respektiert. Wenn eine Frau ein Kopftuch tragen will, ist das ihre Entscheidung. Und wenn eine Frau kein Kopftuch tragen will, dann ist das auch ihre Entscheidung." Nasr ist fast fertig mit ihrem Studium der Kunstgeschichte an der Universität Bonn. In ihr Heimatland zurückkehren will sie auf jeden Fall – um dort Initiativen für junge Künstler zu gründen. Oder; wenn es klappt mit der Wahl, erst einmal als Mitgestalterin einer neuen tunesischen Verfassung: "Demokratie kann man nicht in einem Cornflakes-Paket finden, das ist ein Lernprozess. Und ich hoffe, dass wir dann gute Schüler sein werden."

Plakat von Wahlkämpfen in Tunesien (Foto: DW)

23. Oktober 2011:Über vier Millionen Tunesier dürfen wählen

Arabische Staaten im Umbruch

Oder aber vielleicht auch gute Lehrer – für die anderen arabischen Staaten im Umbruch nämlich. Tunesien, wo die "Arabellion" begann, habe es in mancherlei Hinsicht die günstigsten Bedingungen für eine friedliche Veränderung gegeben, sagt Nasr – auch mit seiner ethnischen und religiösen Homogenität. "In anderen Ländern ist es komplizierter, es gibt zum Beispiel die Berber in Algerien oder Marokko, es gibt in Ägypten die Kopten, in Libyen spielen noch die Stämme eine große Rolle. Ich hoffe, es wird dort nicht im Bürgerkrieg enden." Sehr verbunden fühlten sich die Tunesier den Palästinensern und deren Streben nach einem eigenen Staat, sagt Nasr. Ein Stopp der israelischen Siedlungspolitik sei die Grundvoraussetzung für eine Lösung des Nahost-Problems: "Und dann wäre ganz wichtig, dass Israel mal eines Tages alle Entscheidungen der Vereinten Nationen auch respektiert - also das wäre schon ein Anfang."

Autor: Michael Gessat

Redaktion: Arne Lichtenberg

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